Was macht eine Theologin aus Hermannstadt/Sibiu im afrikanischen Tansania? Im Juni ist Dr. Elfriede Dörr, ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kirche A.B. in Hermannstadt, von dort vom Treffen der Arbeitsgruppe des Lutherischen Weltbundes (LWB) zum Thema Klimagerechtigkeit zurückgekehrt. Die Gruppe feilt an einem von ihr vorgeschlagenen Grundsatzpapier, das sich mit der Frage befasst, wie Klimagerechtigkeit im LWB und in den Mitgliedskirchen konkret umgesetzt werden könnte. Überrascht hat Elfriede Dörr dabei festgestellt, wie weit die einladende evangelische Kirche in diesem Bereich bereits ist. „Statt auf Afrika herabzuschauen, sollten wir lernen hinzuschauen – denn in vielen Bereichen sind sie dort längst weiter, als wir es sind“, staunt sie und erzählt ADZ-Chefredakteurin Nina May von massiven Aufforstungen am Kilimandscharo, ökologischen Lehrfarmen, Ökologischen Lutherischen Schulen und Projekten, die auch in anderen Teilen der Welt Vorbild sein könnten. Die Herausforderung des LWB-Grundsatzpapiers: Jede Mitgliedskirche des LWB aus allen Teilen der Welt soll sich darin wiederfinden.
Frau Dörr, was bedeutet eigentlich Klimagerechtigkeit?
Der Begriff Klimagerechtigkeit erweitert den Blick um die Frage der Fairness: Die Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, leiden oft am stärksten unter ihren Folgen. Das ist ungerecht.
Stellen Sie sich vor, zehn Menschen sitzen an einem Tisch und essen einen Kuchen. Zwei Personen essen 90 % des Kuchens. Die anderen teilen sich was übrig bleibt. Am Ende müssen aber alle gemeinsam die Rechnung bezahlen – und die acht ärmeren Menschen zahlen sogar den größten Teil. Genau so ist es beim Klima: Industrieländer und wohlhabende Menschen haben über viele Jahrzehnte besonders viele Treibhausgase verursacht. Ärmere Länder haben viel weniger dazu beigetragen. Trotzdem leiden sie oft stärker unter Dürren, Überschwemmungen, Stürmen oder Ernteausfällen. Klimagerechtigkeit sagt: Die Verantwortung und die Lasten sollen fair verteilt werden.
Viele Menschen sehen Klimagerechtigkeit als politische Aufgabe. Warum sollte Klimagerechtigkeit überhaupt ein Thema für die Kirchen sein?
Leider haben Sie Recht, viele Menschen der Kirchen in Osteuropa denken Klimawandel, Klimakrise, Klimagerechtigkeit – das seien Themen der Politik. Es ist wichtig, dass hier Änderungen angestoßen werden. Dass der Lutherische Weltbund sich vorgenommen hat, dazu ein Grundsatzpapier zu erstellen, ein Climate Justice Policy Paper, finde ich ganz wunderbar. Das Thema der Klimagerechtigkeit wird so zum Thema der lutherischen Kirchen weltweit gemacht. Man wird also darüber zu reden haben. Und wenn man miteinander über die eigenen Kirchengrenzen hinweg ins Gespräch kommt, wird das Veränderungen anstoßen, da bin ich mir sicher. Denn Klimagerechtigkeit ist durchaus ein kirchliches Kernthema. Klimagerechtigkeit fragt nicht nur: Wie stoppen wir den Klimawandel? sondern auch: Wer trägt die Verantwortung? Wer muss helfen? Wer braucht Unterstützung? Wie können Lösungen gerecht sein?
Das alles steckt drin in diesem Begriff der Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit ist ein zentrales biblisches Thema. Die Bibel fordert immer wieder dazu auf, die Armen, Schwachen und Benachteiligten zu schützen. Klimagerechtigkeit greift genau diese Frage auf: Wie gehen wir mit Menschen um, die unter den Folgen unseres Lebensstils leiden?
Frau Dörr, wie kamen Sie zu dieser gewichtigen Pionierarbeit für den LWB?
Ich wurde dazu berufen, in der Redaktionsgruppe mitzuarbeiten. Es handelt sich um eine kleine international besetzte Gruppe, die nach der letzten Vollversammlung des LWB eingerichtet wurde. Auf der Vollversammlung 2023 in Polen war ich eine von denen, die mitgeholfen haben, dass dieses Thema auf die Agenda der weltweiten Gemeinschaft gesetzt wird.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Arbeit an dem LWB-Papier?
Die größte Herausforderung ist, eine Sprache zu finden, die Menschen weltweit mitnimmt. Wie soll das gehen, eine gemeinsame Sprache für sehr unterschiedliche Kontexte zu finden? Wie kann man von so großen Problemen sprechen und gleichzeitig Hoffnung vermitteln? Wie kann man die Überforderung mitberücksichtigen? Um dieses zu bewerkstelligen, haben wir im Vorfeld zu der Redaktionstagung in Tansania Menschen aus aller Welt interviewt, ich selbst hatte den Fokus auf Osteuropa, also ich habe vor allem Menschen aus Ost-europa interviewt. Wir wollten genau hinhören welches die Themen und Herausforderungen in den verschiedenen Regionen der Welt sind. Das zusammenzutragen, was wir da an Antworten bekommen haben, hat mich persönlich total überfordert. Dann habe ich einmal mehr erlebt, was ein gutes Team leisten kann! Nach unzähligen Onlinesitzungen und einer Schreibzeit in Tansania haben wir jetzt einen ersten vollständigen Entwurf. Er umfasst fünf Kapitel auf zehn Seiten - ja, das Grundsatzpapier soll nicht länger werden -, mit einer theologischen Begründung, Richtwerte, und ganz wichtig – die Verpflichtungen der Lutherischen Weltgemeinschaft zur Klimagerechtigkeit.
Wie geht es jetzt weiter?
Der erste Entwurf wird den Leitungsgremien im LWB vorgelegt, dann auch wieder ausgewählten Leuten aus den Mitgliedskirchen, die wir um eine Rückmeldung bitten. Die Anregungen einzuarbeiten wird ein intensiver Prozess sein. Aber nach den guten Erfahrungen der Redaktionssitzung in Tansania bin ich zuversichtlich, dass wir das schaffen werden und der nächsten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes das Climate Justice Policy Paper vorlegen.
Was ist der Ansatz für ein solches Klima-Grundsatzpapier und wie bindend ist es für die Mitglieder?
Wenn der LWB bei der nächsten Vollversammlung das Climate Justice Policy Paper verabschiedet, legt er damit die gemeinsame Position und Arbeitsgrundlage des Weltbundes fest. Für den LWB selbst und seine Programme ist dieses Papier verbindlich. Auch wenn die Mitgliedskirchen dieses Papier bei der Vollversammlung annehmen, sind sie rechtlich nicht verpflichtet, diese Position eins zu eins umzusetzen. Man kann sich den Lutherischen Weltbund wie die UN vorstellen: Er gibt eine gemeinsame Stimme und gemeinsame Leitlinien vor, aber die Mitgliedskirchen bleiben eigenständig und entscheiden selbst über ihre konkrete Umsetzung.
Warum hat sich die Arbeitsgruppe in Tansania getroffen?
Wie gesagt, wir hatten unzählige Treffen online und die Dinge fügten sich nicht, wie sie sollten. Das sind eben die Grenzen von Online-Sitzungen. Es ist ganz anders, wenn man sich gegen-übersitzt und von morgens bis abends nur diesem Thema widmet. Nach Tansania hat der Moderator unserer Gruppe, Bischof Fredrick Shoo, eingeladen. Er erzählte, er habe sich schon als junger Theologe für Umweltschutz eingesetzt, er habe auch junge Menschen in ihrer theologischen Ausbildung in diese Richtung gelenkt. Seine Kollegen hätten das damals mit großem Unverständnis quittiert. Als er dann Bischof wurde, hat er Umweltschutz zur Policy der Kirche gemacht. Und heute kann man sehen, was es bedeutet, wenn Klimagerechtigkeit zu einer Leitungsaufgabe der Kirche wird. Der Bischof ist in Afrika berühmt für seine Umweltprogramme in Tansania.
Worum geht es genau in den Umweltprogrammen in der Lutherischen Kirche in Tansania?
Eines dieser Programme ist das Bäumepflanzen, eine einfache und zugleich wirkungsvolle Handlung, die jedem Menschen ermöglicht, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Einen Baum zu pflanzen ist konkret, niedrigschwellig und hoffnungsvoll. Das ist in Tansania nicht einfach ein symbolischer Akt, hier ein Bäumchen – dort ein Bäumchen. Das ist großflächig, alle Konfirmanden pflanzen und pflegen Bäume, Gemeinden betreiben Modellfarmen auf ihrem Gelände, mit angelegten Terrassierungen, Wasserauffangtanks, Baumschulen. Es werden auch Avocado-Bäume gezüchtet, die sehr wichtig sind für die Nahrungsmittelsicherheit der lokalen Familien, ein ausgewachsener Baum kann bis zu 400 Kilogramm Früchte produzieren und eine ganze Familie ernähren. Oder Flaschenputzerbäume, als Bienenattraktion für die Imker. Das alles schafft auch Nebeneinkommen zur Subsistenzwirtschaft.
Wir haben ein sehr abgelegenes Bergdorf besucht. Dort haben uns die Menschen ihren Gemeindegarten gezeigt, eine kleine Baumschule und auch ihre Bienenstöcke.
Und dann ist die Gemeindepfarrerin nach vorne getreten und hat ganz selbstverständlich die Klimaschutz-Policy ihrer Gemeinde vorgelesen – und was das für das Wohl der Menschen austragen wird. Und ich muss sagen: Das hat mich wirklich beeindruckt. Ein kleines Bergdorf in Tansania, in dem sich eine lutherische Gemeinde ganz bewusst dem Umweltschutz verpflichtet – und wie das aussieht, ganz konkret im Alltag der Menschen. Ich war sehr überrascht, wie weit diese tansanische Kirche in dieser Beziehung ist.
Hoffnung und Bäumepflanzen – gibt es dazu nicht einen ermutigenden Spruch von Luther?
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ – dieser Spruch wird Martin Luther zugeschrieben. Handele - jetzt und hier! Auch wenn die Zukunft ungewiss ist. Pflanze einen Baum! Das verändert dich! Du bist nicht mehr festgezurrt in der Hoffnungslosigkeit.
Könnte man etwas Ähnliches auch in Rumänien andenken?
Ähnliches gibt es auch in unserer Kirche. Wir haben eine Gemeinde, die sich selbst ein Umweltkonzept gegeben hat. Diese hat auch in verschiedenen Anläufen den Gedanken einer kirchlichen Umweltzertifizierung der Gemeinden auf Projektebene entwickelt, deren Umsetzung jedoch leider noch aussteht. Man überlegt, wie man das Thema Öko-Theologie in die theologische Ausbildung integrieren könnte. Auf Landesebene gibt es eine Umwelt- Arbeitsgruppe, die zur Umweltpolicy der Gesamtgemeinde arbeitet, aber es scheint noch weit entfernt zu sein, diesen Gedanken in alle Gemeinden zu bekommen. Da ist uns die lutherische Kirche in Tansania weit voraus!
Dazu fallen mir eure Projekte Diakoniehof Schellenberg und das Umweltbildungszentrum in Hammersdorf ein...
Die Kirchengemeinde Hermannstadt war die erste, die eine EMAS-Zertifizierung (EU-Umweltschutzgütesiegel) hatte, eine sehr technische Zertifizierung. Sie hat an bestimmten Stellen ihre Selbstverpflichtung für den Umweltschutz in die Gesellschaft hinein sichtbar gemacht. Im Diakoniehof Schellenberg werden Menschen aufgenommen, die alleine nicht zurecht kommen. Sie werden geschult in ökologischer Landwirtschaft, sie produzieren einen Teil ihres eigenen Essens, den Überschuss geben sie gegen eine Spende an interessierte Gemeindeglieder ab, auch mein Mann und ich sind ihre Kunden. In Hammersdorf sind die Themen Umwelt, Bildung und Spiritualität beheimatet. Auch hier wird gegärtnert, es sind Volontäre, die ihr freiwilliges Jahr hier ableisten, es sind Leute aus der Stadt, die einen Streifen des Gemeinschaftsgartens für sich kultivieren. Die Einführung in die Permakultur und dann die tägliche praktische Gartenarbeit, die Gespräche am Rande über gesunde Erde – gesunde Pflanzen - gesunde Menschen, das sind Achtsamkeitsübungen im Garten – das ist auch eine spirituelle Glaubensübung.
Welche Hoffnung verbinden Sie persönlich mit dem neuen Grundsatzpapier?
Wenn man die weltweite Per-spektive der Klimagerechtigkeit einnimmt – also die Frage, wie Verantwortung und Lasten fair verteilt werden – dann wird deutlich, dass das, was wir in unserer Kirche bereits tun, wichtig ist, aber noch nicht ausreicht. Wir leben auf einer Halbkugel, die historisch deutlich mehr zur Klimakrise beigetragen hat und deshalb auch eine größere Verantwortung trägt, als sie im Alltag oft wahrnimmt. Gerade deshalb braucht es dieses Grundsatzpapier - als Anstoß, Verantwortung wirklich neu zu denken und konkret zu handeln.
Was ich in Tansania erlebt habe, macht mir Hoffnung: Klimagerechtigkeit ist nicht Theorie, sondern gelebter Glaube. Wenn unser Grundsatzpapier dazu beiträgt, dass sich noch mehr Kirchen auf diesen Weg machen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.





