Eine Woche voller Begegnungen, neuer Erfahrungen und gemeinsamer Projekte: Vom 17. bis 24. April wurde die deutschsprachige „Nikolaus Lenau“-Schule in Temeswar erneut zum Treffpunkt internationaler Schülergruppen. Gleich zwei Schulaustauschprogramme – eines neu initiiert, eines seit Jahren eta-bliert – brachten Jugendliche aus Deutschland und Rumänien zusammen. Im Fokus standen dabei nicht nur schulische Inhalte, sondern vor allem interkulturelles Lernen, persönliche Entwicklung und gemeinsames Erleben.
Zum zweiten Mal begrüßte das Lenau-Lyzeum Schüler der Realschule Tettnang aus Baden-Württemberg. Die neue Partnerschaft wurde im Schuljahr 2024/2025 auf Initiative beider Schulen ins Leben gerufen und soll langfristig durch gemeinsame Bildungsprojekte gefestigt werden. Ziel ist es, die Sprachkompetenzen im Deutschen zu vertiefen – insbesondere im Kontext der Muttersprache – und gleichzeitig soziale, kulturelle und bürgerschaftliche Kompetenzen zu fördern. Dabei setzt man bewusst auf erfahrungsorientiertes und interdisziplinäres Lernen.
Insgesamt nahmen 14 deutsche und 13 rumänische Schüler teil. Während die Jugendlichen aus Tettnang die 8. Klasse besuchen, stammen ihre Gastgeber aus der 9. Klasse, da die rumänischen Achtklässler zur gleichen Zeit mit der nationalen Evaluation beschäftigt waren. Begleitet wurden die Gruppen von den Lehrerinnen Henriette Frombach und Jasmin Fiorese sowie den Lenau-Lehrern Cristian Sandor und Daniel Urlea.
Die ersten Tage verbrachten die Gäste in den Familien ihrer rumänischen Partner – eine wichtige Phase des Kennenlernens, die weit über den schulischen Rahmen hinausgeht. „Gerade in diesem Alter ist es entscheidend, neue Erfahrungen zu machen und Selbstständigkeit zu entwickeln. Der Austausch ist Lernen durch Erfahrung“, betont Daniel Urlea, Koordinator des Programms vor Ort.
Lernen vor Ort: Schule, Stadt und Wirtschaft
Ab Wochenbeginn wurde ein abwechslungsreiches Programm umgesetzt. Neben der Hospitation von Unterrichtsstunden erkundeten die deutschen Schüler Temeswar im Rahmen einer Stadtrallye unter dem Motto „Zu Fuß durch Temeswar“. Darüber hinaus standen Besuche bei wichtigen Institutionen und Unternehmen auf dem Plan: an der Technischen Universität „Politehnica“ mit Einblicken in Studiengänge und Fakultäten, in der Universitätsbibliothek sowie in mehreren Betrieben der Region. Auch kulturelle Ziele wie das „Nikolaus Lenau“-Gedenkhaus in Lenauheim und die Gedenkstätte der Revolution wurden besucht.
Bewegung und Gemeinschaft
Neben den inhaltlichen Programmpunkten kam auch die Freizeitgestaltung nicht zu kurz. Sportliche Aktivitäten, wie Klettern sorgten für Abwechslung und stärkten den Teamgeist. Ein gemeinsamer Ausflug nach Hatzfeld/Jimbolia bot weitere kulturelle Einblicke: Besichtigt wurden unter anderem der Bahnhof, das Museum der freiwilligen Feuerwehr und das „Stefan Jäger“-Gedenkhaus.
In ihrer freien Zeit organisierten sich die Jugendlichen selbstständig, trafen sich in kleinen Gruppen und erkundeten die Stadt nach eigenen Interessen. Dank der Unterstützung des Temeswarer Nahverkehrsbetriebs STPT konnten alle Teilnehmer die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen – ein Detail, das die Mobilität erheblich erleichterte.
Bewährtes Projekt: Technik verbindet
Parallel zum neuen Austausch fand auch das langjährige Programm mit dem Otto-Hahn-Gymnasium Bensberg statt. Im Rahmen der „Jungen Ingenieur Akademie“ arbeiteten deutsche und rumänische Schüler erneut an einem technischen Gemeinschaftsprojekt.
Nachdem im Vorjahr Wasserraketen beim Besuch der deutschen Schule konstruiert wurden, stand diesmal in Temeswar die Entwicklung von Lego-Robotern im Mittelpunkt. Die Aufgabe: Maschinen zu bauen, die selbstständig verschiedene Funktionen ausführen können – etwa einer Linie folgen, Hindernisse erkennen oder Objekte transportieren. „Da wir alle wenig Erfahrung mit der Programmierung haben, war das für alle eine Herausforderung – aber genau das macht den Reiz aus“, erklärt Lehrer Carsten Wickenhäuser vom Otto-Hahn-Gymnasium. Zusammen mit Inga Albert begleitete er die Schüler auf ihre allererste Rumänienreise und war begeistert, hier eine deutschsprachige Region und Kultur zu entdecken.
Kultureller Austausch war der Schwerpunkt des Programms vor Ort. Die Teilnehmer arbeiteten täglich in Gruppen von je zwei rumänischen und zwei deutschen Schülern an ihren Projekten und präsentierten am Ende der Woche ihre Ergebnisse im Informatiklabor der Schule.
Der Mehrwert solcher Programme geht weit über den Unterricht hinaus. Für die Lehrkräfte steht fest: „Die Schüler sammeln praktische Erfahrungen, die sie im Klassenzimmer nicht bekommen. Sie erweitern ihren Horizont und entdecken neue Möglichkeiten“, erklärt die Physiklehrerin an der Temeswarer Lenau-Schule, Andreea Maria Reisz. Auch Projektkoordinatorin und Informatiklehrerin Violeta Ruican unterstreicht die Bedeutung des technischen Teils: „Die Arbeit mit den Robotern fördert logisches Denken, Kreativität und Teamfähigkeit. Gleichzeitig erwerben die Schüler wichtige Kompetenzen im Bereich Technik und Informatik.“
Auch die Jugendlichen selbst ziehen ein positives Fazit. Der Austausch sei nicht nur fachlich bereichernd, sondern auch persönlich: „Man lernt eine andere Kultur kennen, besonders den Alltag und das Essen. Das ist eine wertvolle Erfahrung. Die Stadt hat uns auch sehr gut gefallen, wir würden gerne wiederkommen“, so Anabel Sigman und Henry Berkheim, beide aus Bensberg. „Unsere Arbeit war sehr gut organisiert, teils aber auch spontan, und die Zusammenarbeit von intensiver Kommunikation geprägt. Besonders spannend waren die soziokulturellen Unterschiede. Insgesamt war der Austausch eine sehr gute Erfahrung – wir haben uns mit unseren Austauschpartner bestens verstanden, konnten unser Deutsch verbessern und die deutsche Kultur näher kennenlernen“, sagten auch die Schüler der Klasse 10 MI der Lenau-Schule Mara Sas und Eduard Văleanu.
Europa im Klassenzimmer
Neben fachlichen Inhalten spielt auch die europäische Dimension eine zentrale Rolle. Viele deutsche Schüler reisen erstmals nach Rumänien und gewinnen dabei neue Perspektiven. „Solche Begegnungen helfen, Vorurteile abzubauen und eine gemeinsame europäische Identität zu stärken“, sagt Lehrer Wickenhäuser. Die Eindrücke von Temeswar seien durchweg positiv – besonders die lebendige Atmosphäre der Stadt und ihr kulturelles Angebot hätten beeindruckt.
Beide Austauschprogramme zeigen eindrucksvoll, wie wichtig internationale Schulpartnerschaften sind. Sie fördern nicht nur Wissen, sondern auch Offenheit, Selbstvertrauen und interkulturelles Verständnis. „Die Erfahrungen, die die Jugendlichen hier machen, prägen sie nachhaltig – persönlich wie auch für ihre Zukunft“, sagt Daniel Urlea.






