Magie, Licht, Mysterium

Der Landschaftsfotograf Jenö Major und seine Welt

Einsamkeit (Originaltitel: Solitudine). Dieses Bild wurde in National Geographic veröffentlicht. Es ist repräsentativ für den Stil von Jenö Major: eine minimalistische Landschaft geprägt von Stille, Nebel, Morgenlicht und einsamen Elementen in der Natur. Fotos (2): Jenö Major

Poster des Films „Archaic beim Alpin Film Festival

„Neun Tage Hölle für 30 Sekunden Himmel“, sagt der große, starke Mann, der mit seinen weißen Haaren und dem langen silbernen Bart einer Märchengestalt ähnelt. Er war neun Tage lang auf der Suche nach dem richtigen Licht. „Als der Himmel aufriss, die Sonnenstrahlen durchbrachen und genau das Richtige beleuchteten, habe ich auf den Auslöser gedrückt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe vor Aufregung am ganzen Leib gezittert, weil ich etwas so Einzigartiges, von der Natur Geschaffenes einzufangen hatte”, beschreibt Jenö Major jenen Augenblick, in dem ein Foto entstand, das unter anderem in der Zeitschrift National Geographic abgedruckt wurde. Er zeigt mir die Gänsehaut auf seinen Armen: „Das löst Fotografie in mir aus.“ Diese Kunst ist für ihn mehr als eine Leidenschaft, sie ist eine Lebensweise. Jeden Tag wartet der Hermannstädter in der Natur auf den Sonnenaufgang, auf dessen magischen Glanz und den mysteriösen Nebel, und verewigt sie.

Ende September war Jenö Major beim Alpin Film Festival in Kronstadt/Brașov zu Gast, wo er als Protagonist des Kurzfilms „Archaic“ (2026) mit dem Publikum ins Gespräch kam. Der Streifen unter der Regie von Mathieu Le Lay wurde zum besten Kurzfilm gekürt.

Jenö Major ist aber vor allem als Schauspieler am GONG-Theater in Hermannstadt/Sibiu bekannt. Im Oktober dieses Jahres geht er nach über 30 Jahren in Rente. Dem Theater bleibt er allerdings treu: Er wird als Mitarbeiter weiterhin Charaktere zum Leben erwecken und somit Kinder in magische Welten entführen.

Seit mehr als zehn Jahren führt er auch Fotografie- und Naturliebhaber in ganz besondere Welten. Damals entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie, der er seither täglich nachgeht und die er durch seine Bilder mit anderen teilt. 

Einen einzigen Fotokurs hat er besucht, um die Grundlagen zu lernen; alles andere hat er sich selbst beigebracht. „Man braucht nicht viel an der Technik zu hängen.“ Die langjährige Tätigkeit im Theaterbereich hat seinen Blick für die richtige Einstellung geschliffen: „Alles, was man auf der Bühne sieht, ist mit Absicht dort, um den Zuschauer zu beeindrucken. Genauso ist es auch in der Fotografie.“ Doch weder die Regeln der Fotokunst noch teures Equipment machen seine Bilder aus, sondern das Licht, meint der Landschaftsfotograf. „Der Sonnenaufgang bietet das beste Licht, eine ganz besondere Stimmung. Und sie ist jeden Tag anders. Ich warte einfach auf den richtigen Moment und fange das ein, was mich berührt.“

Jenö Major überlädt seine Bilder nicht. So sind auch die Bäume, Kirchen oder Tiere auf seinen Aufnahmen Solitäre – einsam, aber nicht alleine. Genau wie er – der ständig allein unterwegs ist. Seine Bilder haben eine ganz eigene Stimmung, sie vermitteln Ruhe und wecken die Sehnsucht, in die Natur zu gehen. Er selbst verbringt jeden Tag Zeit auf Hügeln, in Tälern oder Wäldern. 

Schon als Kind hat er bei Wanderungen mit seinem Vater die Natur lieben gelernt. In jungen Jahren verbrachte er vor oder nach der Arbeit täglich Stunden am Wasser beim Angeln, genoss die Aussicht und Stille. „Es war wie eine Meditation. Ich, ganz alleine mit meinen Gedanken. Irgendwann wurde daraus eine Kunstform.“

Tausche Angel gegen Fotokamera

Manchmal fotografierte er seinen Fang mit einer Kamera. Doch eines Tages, so erzählt er, beschloss er, den Tieren nicht mehr weh zu tun. So tauschte er die Angel gegen die Kamera ein. Von da an verbrachte er seine Freizeit auf Reisen, immer auf der Suche nach den schönsten Aussichten und den unberührtesten Orten. Schon vor den Morgenaufführungen im Theater zieht es ihn mit dem Fotoapparat nach draußen – sei es auch nur für ein paar Stunden ins Harbachtal, in der Nähe von Hermannstadt.

Er ist schon um die halbe Welt gereist, doch seine Liebe gilt den Landschaften Rumäniens.„Wir haben hier so authentische Landschaften, wie ich nirgendwo sonst gesehen habe. Das zieht Naturliebhaber und Fotografen aus der ganzen Welt an – hier finden sie noch Wildnis: Bären, Wölfe, Luchse und eine unglaubliche Pflanzenvielfalt…”

Das traditionelle Dorfleben

Jenö Major verfolgt auch das archaische, traditionelle Dorfleben. Die Heubürde, aus der sich morgens der Nebel hebt, Kühe auf der Weide mit ihren Glocken, Schafe an den Hängen. Und die Menschen in den entlegensten Winkeln, die noch fast wie vor Jahrhunderten leben – wie beispielsweise Tante Dorica und Onkel Ion in Fundătura Ponorului, die im Einklang mit ihrer Umgebung leben. Sie haben weder Strom, noch fließendes Wasser oder Gas und ernähren sich großteils von dem, was sie mit eigenen Händen produzieren oder was ihnen die Natur schenkt. Und sie teilen das mit jedem, der sie besucht – so wie den frischen Käse und die Möhren, mit dem sie den Hermannstädter bewirteten – „die besten, die ich je gegessen habe“, wie er meint. 

Es gibt nicht mehr viele solche Menschen und Orte – das weiß der Fotograf. Er hat Bange, dass der zunehmende Tourismus diese Ursprünglichkeit für immer zerstören könnte. 

Was man dagegen tun kann? Die Menschen müssten lernen, die Natur und die Umwelt zu achten, sie zu pflegen und bewusst mit ihr umzugehen, damit auch kommende Generationen dieses Archaische noch erleben und spüren können, erklärt der Fotograf.

Protagonist in preisgekröntem Kurzfilm

Die archaische Welt in Fundătura Ponorului und die tiefgehende Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt hat der angesehene französische Filmemacher und Bildgestalter Mathieu Le Lay im Kurzfilm „Archaic“ (Archaisch) eingefangen. Jenö Major führt als Protagonist durch diese visuelle und akustische Erzählung, die sich an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Poesie befindet. Le Lay greift darin Majors Leidenschaft für Fotografie und Theater auf sowie seine Zuneigung zur Natur. Nebel und Stille, Raureif und Vogelgezwitscher – er fängt die rauen Landschaften, alten Rituale und die zeitlose Natur in einer knappen Viertelstunde ein. Die visuelle und akustische Reise mit ihrer tiefgründigen Ästhetik ist auf YouTube zu sehen. 

Der Streifen erntete bereits bei Festivals im Ausland Anerkennung, so auch beim Internationalen Alpin-Filmfestival in Kronstadt, das die Bergkultur durch Film, Literatur, Fotografie und Konferenzen feiert. 

Die Magie des Augenblicks

Im Gespräch mit Fotografen in Kronstadt sprach der rumänische Landschaftsfotograf auch über die flüchtige Magie des Moments. Man könne jahrelang an ein und demselben Baum vorbeigehen, ohne ihn wirklich zu bemerken. Doch wenn das richtige Licht auf ihn falle, verwandele sich selbst das unscheinbarste Motiv in etwas Herrliches. Man müsse allerdings geduldig auf den richtigen Augenblick warten, denn jeder solche Moment sei unwiederbringlich und trage eine ganz eigene Seele in sich. 

Des Weiteren, erzählte er, dass er offen für alles sei, was der Tag bringt. „Ich gehe, wohin der Wind bläst“, erklärt er gelassen. Einmal wollte er in die Fundătura Ponorului – doch ist er wegen des Regens immer weiter gefahren. Nach mehreren Tagen erreichte er die Toskana. 
Wo der nächste Weg ihn hinführt, weiß Jenö Major oft selbst nicht. Vielleicht ist es gerade das, was ihn immer wieder hinauszieht: die Gewissheit, dass hinter dem nächsten Hügel, im nächsten Nebel oder im ersten Licht des Morgens etwas wartet, das sich nicht planen lässt. 


Jenö Majors Mutter war Sächsin, sein Vater Ungar – zu Hause sprach man Rumänisch. Sein Leben nahm eine unerwartete Wendung, als er noch auf dem Bau arbeitete: Er grub Gräben, als seine Frau eine Anzeige für die deutsche Abteilung des GONG-Theaters fand. Zunächst zögernd bewarb er sich, wurde aufgenommen und Schauspieler. Mittlerweile spricht er Deutsch. 

Seine fotografischen Entdeckungen sind auf jenomajor.com und in den sozialen Medien zu sehen.