Vier Jahrzehnte lang hat Friedrich Gunesch die Evangelische Kirche A.B. (EKR) in Rumänien juristisch begleitet, durch Umbrüche geführt und in politischen wie gesellschaftlichen Fragen vertreten. Kaum ein anderer kennt die inneren Spannungen, strukturellen Herausforderungen und historischen Brüche dieser Kirche so genau wie ihr langjähriger Hauptanwalt. Im Gespräch mit ADZ-Redakteur Roger Pârvu blickt Friedrich Gunesch auf Entscheidungen zurück, die ihn geprägt haben, spricht über Verantwortung, Loyalität und die Kunst des Vermittelns – und darüber, warum die Zukunft der EKR vor allem eine Frage der Menschen ist, die bereit sind, sie zu tragen.
Als Sie Ihren Dienst als Anwalt der EKR antraten, war die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen bereits Alltag. Mit den frühen 90ern kam die große Auswanderungswelle. Warum sind Sie geblieben?
Dieser Frage habe ich mich oft stellen müssen. Es ist sehr einfach, darauf zu antworten. Meine Unterlagen für die Auswanderung waren vorbereitet. Tatsächlich ist zuerst die Familie meiner Schwester 1990 ausgewandert. Dann meine Eltern 1992. Ich hatte aber 1985 eine orthodoxe Frau geheiratet. Damit war die Hälfte der Familie eine ganz andere, die nie im Leben daran gedacht hat, auszuwandern. Zur familiären Situation kam noch ein Haus in Probstdorf und eine alte Tante, die allein am Hof verblieben war. Ich glaube, letztendlich und ausschlaggebend war der Dienst in der Kirche, den ich im Januar 1987 angetreten habe. Diese drei Faktoren zusammen haben sicher dazu beigetragen, dass ich keinen Ausreiseantrag gestellt habe. Die entsprechenden Papiere liegen auch jetzt noch in dem Dossier, so wie sie damals angelegt wurden.
Hatten Sie nie die Sorge, am Ende zu denjenigen zu gehören, die – wie man sagte – „das Licht ausmachen“?
Diese Befürchtung hat es nie gegeben, wenn man bedenkt, wie viele Fragen, Probleme und notwendige Erledigungen in der Kirche damals anstanden. Das mag auch vor 1990 so gewesen sein, war aber erst recht das Tagesgeschäft nach der Wende. Die erste Zeit meiner Arbeit als Jurist – vor allem in der Bereisung der Kirchengemeinden und der Gewährung von Amtshilfe, in wichtigen Situationen, die mit Immobilien zusammenhingen, zu beraten, Verhandlungen zu führen, Verträge aufzusetzen und umzusetzen – war tatsächlich die schönste Zeit. Sie wurde aber schnell abgelöst durch meine Funktion als erster Anwalt und Berater des Landeskonsistoriums. Und dann besonders ab 2001 als Hauptanwalt. Dieses reichhaltige Leben in der Kirche hatte einen solchen Spielraum und eine solche Entwicklung, dass es mich nicht einmal gedanklich hätte bewegen können, zu spüren, ich würde einer der Letzten sein. Letztendlich war es ein Slogan, der langsam abgeklungen ist. Mit dem EU-Beitritt Rumäniens 2007 hat das Thema einen ganz anderen Inhalt bekommen.
Sie haben Phasen des Abbaus und später des Aufbaus erlebt. Welche Entscheidungen aus dieser Zeit beschäftigen Sie bis heute?
In Zeiten des Wandels, des Umbruchs und des Aufbruchs ist es sicher zutreffend, dass man Entscheidungen treffen muss, die einen im Nachhinein noch beschäftigen. In meiner Arbeit hatte es damit zu tun, dass die Vorbereitung von Beschlüssen des Landeskonsistoriums oder der Landeskirchenversammlung von Bestand sein mussten. Das heißt: gute Dokumentation, eine treffende rechtliche und tatsächliche Begründung und vor allem die Möglichkeit, diese Beschlüsse auch umzusetzen. Der Beschluss wurde vom Gremium getroffen, aber in der Umsetzung war man dann erneut gefragt. Wenn Beschlüsse nicht mehr umgesetzt werden konnten oder Beschlussanträge geändert wurden, hatte das selbstverständlich mit Demokratie zu tun und entsprach nicht immer dem, was sich der erste Anwalt oder Hauptanwalt ursprünglich gedacht hatte. Im Endeffekt habe ich sicher unter manchen dieser Beschlüsse gelitten – auch unter meinen eigenen. Egal, ob es eine Kirchengemeinde betraf, Personalfragen oder Kooperationen, die nicht so weit gekommen sind, wie man es sich gewünscht hätte.
Sie werden oft als „Brückenbauer“ bezeichnet. Welche Konflikte und Verletzungen mussten Sie für diese Rolle in Kauf nehmen?
Ich glaube, vom Namen her bin ich ein wenig prädestiniert. Friedrich bedeutet ja „der Friedensreiche“, also der Frieden sucht und gibt. Vermittlung gelingt nur, wenn man versteht, zuhört und die Betroffenen ernst nimmt – meist Parteien mit gegensätzlichen Auffassungen. Ich habe gelernt, dass ein Verfahren, eine Idee oder eine Vision nur dann gut durchgesetzt werden kann, wenn man gut vorarbeitet und die Menschen wissen, worum es geht. Danach muss man hören, wie es angekommen ist, und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Das klingt theoretisch, aber entscheidend ist, dass man sich auf den Weg macht: mit Menschen reden, mit Ämtern reden, zuhören. Man darf nicht von vornherein überzeugen wollen, sondern muss zuerst hören, wo das Problem liegt und wo es weh tut. Eindeutig ist aber auch: Man muss zurückstecken, neu beginnen, und man hat darunter zu leiden. Dieses Leiden muss man in Kauf nehmen.
Sie tragen eine große Verantwortung. Was trägt Sie persönlich durch diese Last? Was ist Ihr innerer Motor?
Es heißt oft, dass eine Arbeit, die man lange tut, nicht mehr motivierend sei und man vieles automatisch mache. Das ist in der EKR sicher nicht der Fall. Wenn man etwas nur tut, damit der Tag vergeht und man sich um 15 Uhr verabschiedet, bringt das nichts. Verantwortung ist bei solcher Arbeit präsent und sie wächst sogar. Und diese Verantwortung trägt einen. Eine Aufgabe heute, eine andere morgen – und die Verantwortung dafür zu tragen motiviert. Die Auffassung, man müsse sich vor Verantwortung hüten, um auf der sicheren Seite zu stehen, ist falsch. Sie bewegt nichts – weder in der Gesellschaft noch in der Kirche. Entscheiden in Verantwortung und „Gute Chefs essen zuletzt“ (Simon Sinek) – das ist mein Motto.
Gab es Momente, in denen Sie ernsthaft über einen Rücktritt nachgedacht haben?
In diesen 40 Jahren, besonders als Hauptanwalt, gab es Momente, in denen ich in Frage gestellt wurde und mit Angriffen von Personen – weniger von Ämtern – rechnen musste. Es war mir aber nicht vergönnt, das offen auszutragen. Stattdessen wurde versucht, mich zu hintergehen oder in Frage zu stellen, aber nicht auf ehrliche Weise. Es gab nicht viele solche Momente, aber in ein, zwei Fällen habe ich wirklich überlegt, ob man sich das antun muss – auch im Hinblick auf die eigene Gesundheit. Man ist überzeugt von dem, was man tut, erfährt aber gleichzeitig das Infragestellen. Diese Spannung führt zu Schaden. In dieser Spannung zu leben und sie auszuhalten, bringt einen letztendlich voran. Ich habe versucht, sie auszuhalten – und das hat mir gutgetan.
Sie vertreten die deutsche Minderheit politisch und zugleich die Kirche. Wie gelingt es Ihnen, diese Interessen miteinander zu verbinden?
Das ist eine starke Herausforderung. Wenn diese Verbindung gelingt, ist man am richtigen Platz. Wenn es einen formalen Interessenkonflikt gibt, kann man sich enthalten oder hinausgehen. Aber inhaltlich: Wenn man die Interessen der Institution richtig wahrnimmt und zugleich die Interessen der Minderheit einbringen kann, die man vertritt, dann läuft vieles zusammen. Kirche hat ihren Weg und ihre Stellung in der Gesellschaft, die Politik ebenso. Wir stehen als Kirche mit beiden Beinen im Leben und müssen dafür sorgen, dass wir wahrgenommen werden: geistlich-moralisch, durch Bildung und Kultur, politisch wie wirtschaftlich.
Die EKR ist Kirche, Kulturerbeverwalterin, Minderheiteninstitution und internationale Partnerin. Was ist für Sie ihre Kernaufgabe im 21. Jahrhundert?
Die Kernaufgabe der Kirche ändert sich nicht von Jahrhundert zu Jahrhundert. Sie ist für die Menschen da – geistlich, seelsorgerlich, diakonisch. Dazu kommt die Verwaltung des Kulturerbes und der Kulturgüter. Darüber hinaus ist die Kirche Teil der Gesellschaft und steht in Verbindung mit Partnern: dem rumänischen Staat, den Schwesterkirchen im Land, der EKD und ihren Gliedkirchen, diakonischen Einrichtungen, Diasporawerken, ökumenischen Vereinigungen weltweit. Die Kirche bleibt ein Fixpunkt. Ich glaube nicht, dass sie untergehen wird. Gerade auch weil sie heute nicht ethnisch gebunden ist, sondern eine evangelische Kirche ist, dazu offen und einladend.
Rumänien befindet sich in einem rasanten Transformationsprozess. Welche Rolle hat die Kirche in einer solchen Gesellschaft?
Gerade weil Kirche mitgeht und sich reformiert, ist sie prädestiniert, Sprachrohr der Gesellschaft zu sein. Wir dürfen die eigenen Mitglieder nicht vergessen, aber wir sind der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und der Kultur verpflichtet, ein Bekenntnis abzulegen. Diese Werte müssen bezeugt werden – sachlich, ausgewogen, nicht emotional. Man darf nicht zu zurückhaltend sein.
Die Kirche ringt um den Spagat zwischen Tradition und modernen Strukturen. Wie kann dieser Wandel gelingen?
Zuerst braucht es eine Vision – eine Strategie, wie sie unsere Kirche seit 2013 hat. Diese Strategie muss mit einer Taktik verbunden werden, die im Einzelfall nützlich ist. Zur Tradition muss man stehen, Zukunftsstrategie muss umgesetzt werden und im Tagesgeschäft braucht es konkrete Entscheidungen und Amtshilfe. Die Kirche ist heute auf Projektarbeit angewiesen – wirtschaftlich, institutionell, finanziell. Wir müssen Projekte schreiben, Finanzakquise betreiben. Gleichzeitig haben wir ein Personalproblem: Es fehlen Fachleute, die bereit sind, sich langfristig einzubringen. Ohne Investition in Menschen wird die Kirche nicht relevant bleiben.
Wenn Sie 20 Jahre vorausblicken: Wie sollte die EKR idealerweise aussehen – und welche Schritte müssen heute beginnen?
Zuerst muss die Kirche in Menschen investieren. Wenn wir Menschen finden, die zehn, 15 oder 20 Jahre im Dienst bleiben, können wir Strategien umsetzen, Projekte machen, Transformationsprozesse durchführen und Partnerschaften schließen. Die Kirche wird weiter bestehen – das zeigen auch die letzten Jahrzehnte. Gemeinden werden bleiben, erlöschen oder wiederbelebt, vielleicht in größeren Verbänden zusammengeschlossen. Gemeindeverbände könnten juristische Personen werden. Die Bezirke werden sich verändern, vielleicht weniger werden. Die Zentrale wird ihre Rolle behalten, wenn sie verstärkt für die Gemeinden arbeitet. Digitalisierung wird eine große Rolle spielen. Die Position des Hauptanwalts – im Rumänischen Generalsekretär – wird sich verändern. Wir haben eine Umstrukturierung im Blick, mit mehr Abteilungen und delegierter Verantwortung. Ob etwas gelingt, hängt davon ab, wie dieser Dreiklang – das Gegebene, das Aufgetragene und das, was einem vor die Füße gelegt wird – zusammenklingt. Und man muss sich vor mancher Dissonanz nicht fürchten. Nicht alles gelingt, manches erweist sich als nicht tragfähig. Aber letztendlich geht es darum, dass diese Kirche eine Zukunft hat – und dass die Menschen, die in ihr arbeiten, wissen, dass sie dazu beitragen können.





