--- title: "„bevor die Brunnen versiegen“" url: "https://adz.news/artikel/artikel/bevor-die-brunnen-versiegen" subtitle: "Zum Welttag der Poesie: Rumäniendeutsche Autoren beteiligten sich an dem weltweiten Aktionstag" date: "2020-04-01" modified: "2020-04-01" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # „bevor die Brunnen versiegen“ Zum Anlass des Welttags der Poesie lud Erwin Josef Țigla die europaweit verstreuten rumäniendeutschen Autoren dazu auf, sich an diesem besonderen Aktionstag zu beteiligen. Dies im Rahmen eines Projekts der Karasch-Severiner Kreisbibliothek, des DFBB und des Reschitzaer Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins. Gemäß eines Beschlusses der UNESCO wird der Welttag der Poesie jährlich seit dem Jahr 2000 am 21. März mit verschiedenen Kulturveranstaltungen begangen, in deren Mittelpunkt die Poesie steht. Der Aktionstag soll an “die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern“. Im19.Jahrhundert seien, erinnert der deutsche Literaturwissenschaftler Nikolaus Immer, gar 20.000 Lyriksammlungen allein im deutschsprachigen Raum (eine heute wahrlich utopisch anmutende Zahl) veröffentlicht worden. Die Poesie lebt, trotz allem, es wird weiterhin gedichtet und Gedichte werden veröffentlicht: Mit diesem Aktionstag soll auch gezeigt werden, dass die Poesie selbst im Internet-Zeitalter ihren Platz im kulturellen und sozialen Leben der Menschen einnehmen kann und muss. Hier das schöne Ergebnis, nach dem Aufruf des Reschitzaer Autors: **Lucian M. Vărșăndan (Temeswar)** **das land am ende der welt** das land am ende der welt ist nicht mein land zwar sprechen wir die gleiche sprache aber seine verwinkelten straßen sind mir fremd und führen meine schritte ins leere das land am ende der welt und ich wir atmen wohl die gleiche luft doch nicht im gleichen atemzug **Horst Samson (Neuberg, Deutschland)** **Imaginäre Stunde** ***„Wir schälen die Zeit aus den Nüssen“*** ***Paul Celan ,“Corona“*** Unschuldig Blicken wir auf Das wechselhafte Meer Aus Spiegel Und Himmel. Der steckt Voller Bilder Die sich verdunkeln Inder Erinnerung Gott ruft Die Seelen zurück Aus den Wolken Rieselt Asche Verlorener Gewissheiten Verbrannter Sehnsüchte nach Leben Vor dem Tod Der Herbst Macht sehend. Er lehrt uns an Blättern Die Zeit. Wir beugen uns tief Über Nüsse. (2019) **Bianca Barbu (Temeswar)** Alle anderen Söhne Gingen verloren Sie irrten durch die Welt Sammelten Erfahrungen Und kamen zurück auf eigeneWeise Als Punkt Ausrufezeichen Komma Oder Gedankenstrich Ein Sohn blieb unverloren Wollte nicht irren Hatte schon genug erfahren Und dennoch wuchs in ihm Unmerklich Das Fragezeichen **Dagmar Dusil (Bamberg, Deutschland)** Es sind doch nur Zeitfragmente die wie Flüsse durch meine Adern fließen und die schweren Erinnerungen ans Ufer des Vollmondes spülen abgelaufene Erlebnisse halten sich an der Iris meiner Augen fest ich schöpfe noch eine Kelle Zeit bevor die Brunnen versiegen **Edith Ottschofski (Berlin, Deutschland)** **petite liberté** der blick geradeaus die haare streng gekämmt der pferdeschwanz zurechtgestutzt die haare nachgefärbt die bluse glatgebügelt die jacke knitterfrei der auftritt tadellos die arbeit ist da sziel die akten im büro sie stehen schon bereit der pc wartet schon und auch das telefon die tasche auf ihrem platz unten neben dem sitz die jeanshose ist nur an beiden knien eingeritzt petite liberté **Hellmut Seiler (Backnang, Deutschland)** **Wintergarten im März** Überschlagt eure Vorräte, legt auch keine mehr an! Und die Versprechen, die mehrfach gebrochenen, löst sie ein! Windstöße lassen Blüten scheppern, schief hängen die Fensterläden in den Angeln. Die knatternden Leintücher aus den Mangeln haben das Gespenstgeweckt, das darunter schlief. Die Geduldsfäden reißen, wenn auch spät. Gerätschaften geht die ohnehin knappe Luft aus. Krähen und Sperber streichen ums Haus, eure Habseligkeiten sind längst erspäht. Es wird Zeit, die Vorräte zu überschlagen und die Versprechen einzulösen. **Ilse Hehn( Ulm, Deutschland)** **Hospiz „Hotel-Dieu“/ Beaune** ***(Burgund, August 2003)*** Nach allem greift der vibrierende Sonnendynamo, Menschenmasse rinnt als Gallert durch die Straßen. Der hintere Eingang der Häuser ist oft der menschlichere- Dieser ist zwar verboten, doch offen im schattigen Hospizpark, fern der Betriebsamkeit abgenutzten Lächelns, in der Tasche den einzig gültigen Pass Leben, sprechen Greisinnen miteinander in der grünen Kühle, lesen die gekreuzten Finger, erinnern sich an du, an wir, ein Lächeln liegt über ihnen, Leichtigkeit – Ahnung in mir von dem wirksamsten Schmerzmittel: Menschliche Zuwendung. Vergessen die hohen Worte, kühl und Zugig wie Triumphbögen; Es gibt Sekunden am Tag, da Halten wir den Traum wie eine lila Malvenblüte in der Hand, ahnen Wie weit die Gärten sind hinter unserer Stirn, Gärten mit dem Duft von Jerusalem, von Grasse, Florenz. Die Gedanken gehen so leicht an an diesem Ort unter dem Dach mit Ziegeln wie bunte Vögel, anzulocken mit dem Leuchten der Augen, dem Pulsschlag des Herzens, all die Teilnahmslosigkeit Der Welt, so scheint es, löst sich auf, hier an diesem farbfrohen Rand des Kruges Himmel, gestülpt über uns. Ich gehe ins Haus mit dem Namen „Hotel Gottes“, reihe mich ein in den Besucherstrom, werde geschleust durch den mittelalterlichen „Palast für die Armen“. Ein Faltblatt informiert: *„Mit Ausnahme eines Altersheimes ist seine Tätigkeit* *in ein anderes Krankenhaus verlegt worden;* *als Bewirtschafter der 61 ha Weinberge,* *welche im Laufe der Jahrhunderte geerbt wurden, organisiert* *das Hospital jedes Jahr die berühmteste Weinversteigerung* *unserer Zeit“.* Gleich hinter der Tür die Auferstehenden des Rogier von der Weyden, niemandes Gefolge, sie legen das Leben an, ihre ausgeblichenen Leiber vom Lärm übermalt Krämer verstellen die Waage Gott schreibt in den Wind. Ists nicht eine schöne Welt? **Das Hospiz „Hotel Dieu“ wurde 1443 von Kanzler Nicolas Rolin gegründet, für die “Ärmsten der Armen“.*