--- title: "Buchtipp der Woche" url: "https://adz.news/artikel/artikel/buchtipp-der-woche-1087" subtitle: "„Die Mittagsfrau“ von Julia Frack" author: "Ana Săliște" date: "2011-10-31" modified: "2018-10-22" category: "Banater Zeitung" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Buchtipp der Woche ![](https://adz.news/fileadmin/news_import/jfranck_mittags_cov.jpg) „Ich bin gleich zurück, warte hier“, sagt eine Mutter zu ihrem achtjährigen Sohn und lässt ihn auf einem Bahnhof mit dem Koffer in der Hand warten. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht, sie streicht ihm über die Wange und geht weg. Er blickt ihr hinterher und denkt, er habe „die schönste Mutter der Welt“. Noch weißt er nicht, dass es die letzten Worte gewesen sind, die er von seiner Mutter hört. Denn sie kehrt nie wieder zurück. Die ganze Nacht blickt der Junge zur Bahnhofstür. Weder der Hunger noch die Kälte können ihn aus der Fassung bringen. Erst am nächsten Morgen steht er von der Bank auf, um eine Toilette und Wasser zu suchen. Kein leichtes Thema greift die Berliner Autorin Julia Frack in ihrem Roman „Die Mittagsfrau“ auf. Was kann eine Mutter dazu bringen, ihr eigenes Kind auf einem Bahnsteig zu verlassen? Gefühlskälte, Grausamkeit, Krieg und Herzlosigkeit. Das Buch lässt sich nur schwer verdauen, man kann es aber nicht zur Seite legen. Fesselnd wird die ergreifende Lebensgeschichte der einst lebenslustigen Helene Würsich erzählt, von ihrem Leben in einem Berlin der 20er Jahre mit ihrer älteren Schwester Martha, von der ersten Liebe und schließlich der Ehe, aus der ein Sohn hervorgeht, von ihrem gescheiterten Traum zu studieren und von einer Kindheit, in der ihr die Mutterliebe erspart blieb. „Bildmächtig“ beschreibt die New York Times den Roman der 41-jährigen Ostberlinerin, die auch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. In ihrem Schreiben greift die Schriftstellerin auf eine wahre „Begebenheit“ zurück, wie sie zu sagen pflegt. Es geht um ihre Großmutter, die ihren Sohn, den Vater von Julia Franck, 1945 auf einem Bahnsteig, verlässt. Jahrzehnte später, in den 90er Jahren, hat sich Julia Franck auf die Suche nach ihrer Großmutter gemacht, diese war aber inzwischen schon verstorben. Das Buch „Die Mittagsfrau“ ist in der deutschen „Buchhandlung am Dom“ in Temeswar erhältlich und kostet 43 Lei.