Den aus Rosenau stammenden Schriftsteller, Journalisten und Essayisten Hans Bergel lernte ich 1994 in Kronstadt kennen, als der von Daniel Dr²gan geleitete Arania-Verlag seinen Roman „Der Tanz in Ketten“ veröffentlichte, der von George Gu]u aus dem Deutschen übersetzt wurde. Es handelt sich um ein bewegendes literarisches Werk mit vielen autobiografischen Einschüben, über die Erfahrungen des Autors (im Roman Rolf Kalterndorff) in Rumänien. Es war ein Land, das in die Fänge des bolschewistischen ideologischen Panzers geriet, der die intellektuelle Klarheit vernichten wollte und jeden freien Geist einsperrte – vom Hirten bis zum Minister.
Unser Gespräch verlief schnell und unkompliziert. Hans Bergel ist ein erstklassiger Geschichtenerzähler, der mit überquellender Energie und einem fesselnden Erzählfluss Intrigen, sensationelle Ereignisse, einprägsame Gesichter und Haltungen wiedergeben konnnte. Als ehemaliger politischer Gefangener wegen seiner vehement antikommunistischer Haltung verließ er im Jahr 1968 Rumänien, ließ sich in München nieder, trug aber überall, wo er danach in der „weiten Welt“ unterwegs war, die Sehnsucht nach seinem Heimatland mit sich, in das er bis zur Wende 1989 nicht zurückkehren durfte. Wie viel Not er hier auch ertragen musste, nichts konnte ihm die Liebe zur Terra Borza seiner Kindheit und Jugend verderben, zu den Menschen, denen er im multikulturellen Siebenbürgen begegnete und die er in seinen Schriften und Vorträgen immer wieder erwähnte.
Hans Bergel – ein komplexes menschliches Schicksal, mit vielen Wendungen, die einen starken, würdigen und ehrlichen Charakter geformt haben, und, wie ich es bei anderen ehemaligen politischen Gefangenen, die ich kennengelernt habe, gesehen habe, frei von jeglichen Rachegelüsten, bereit, die Übertretungen und den Verrat derjenigen zu verzeihen, die aus Dummheit, aus Bosheit, aus kleinlichen Interessen mit Übereifer den Verkörperungen des Bösen dienten. Ich kann sagen, dass ich seit 1994 das Privileg hatte, mit Hans Bergel befreundet zu sein. Jedes Mal wenn er nach Rumänien gekommen ist, sahen wir uns wieder und hatten immer konstruktive Gespräche.
Über das außergewöhnliche Schicksal von Jacques S²ndulescu habe ich erstmals aus einem Artikel von Mihaela Albu in der Zeitschrift Astra (Nr. 3, Feb. 2007) erfahren. Das Drama des 16-jährigen Teenagers, der 1945, als er sich auf dem Weg zum Kronstädter Honterus-Gymnasium befand, wo er Schüler war, von den „Wächtern“ des neuen politischen Regimes in Rumänien von der Straße geholt, in einen Lieferwagen gezwungen und dann in die Kohlengruben im Donbass deportiert wurde – davon handelte der autobiografische Roman „Donbass – eine wahre Geschichte einer Flucht durch Russland“, der 1968 in den USA veröffentlicht wurde. In dem Jacques S²ndulescu gewidmeten Artikel wurden kurze, spannende Auszüge aus dem Roman veröffentlicht, aber damals war das Buch in den USA viel bekannter als bei uns. Erst 2016 wurde es vollständig übersetzt (von Mihaela Albu und Michael Petrescu) und beim Nemira-Verlag veröffentlicht.
Dem Artikel hatte ich entnommen, dass der Autor (im Roman die Figur Wanja) in Rosenau geboren wurde, aber erst kurz vor der Buchvorstellung in Kronstadt, als ich mich für die Präsentation vorbereitete, erfuhr ich – aus dem von Jacques’ Frau Annie Gottlieb gezeichneten Vorwort –, dass der Autor in Wirklichkeit Hermann Pfaff ist, der Sohn von Katharine Bergel Pfaff. Ich stellte die Verbindung her: Rosenau, Bergel, die Jahre der Unterdrückung, das dramatische Schicksal der Siebenbürger Sachsen, die nach dem Sieg des „befreienden Sowjetsoldaten“ zu Zehntausenden in die feindlichsten Teile der UdSSR deportiert wurden... Ein bloßer Zufall?! Ich rief sofort Hans Bergel an, fragte ihn...
Und... Ja! Ich erhielt – mit der Aufregung, die mit der „Entdeckung“ eines Stücks Literaturgeschichte einhergeht, das zuvor niemandem bekannt war – die Bestätigung, dass... es kein Zufall ist! Hermann Pfaff (Jacques S²ndulescu) ist der Cousin zweiten Grades von Hans, Katharina Bergel Pfaff ist die Cousine ersten Grades von Erich Bergel, dem Vater des Schriftstellers Hans Bergel und des berühmten Dirigenten Erich Bergel. Hans erinnerte sich mit Nostalgie und gutmütigem Humor an seinen Cousin, der ein „Tyrann wie kein anderer“ war, ein „Riese“, der, wenn es sein musste, fünf Gleichaltrige in einer Jugendschlägerei besiegen konnte.
Traurigerweise kamen die Erinnerungen langsam, aus einer längst vergangenen Zeit, in der ihr Kontakt durch Hermanns Deportation in die ukrainischen Arbeitslager im Alter von 16 Jahren brutal abgebrochen wurde (die beiden Cousins trafen sich nur noch einmal, bei einer Hochzeit in Bayern 1979). Zwar gelang Pfaff wie durch ein Wunder nach zwei Jahren die Flucht aus dem Arbeitslager, doch eine Rückkehr zu seiner Familie und seinem Heimatsort war wegen der sowjetischen Besatzung nicht mehr möglich. Er riskierte, gefasst und verhaftet zu werden und seinen Angehörigen zu schaden, ihnen harte Strafen aufzuerlegen.
Später musste auch Hans Bergel auf andere Weise, durch politische Gefangenschaft und Zwangsaufenthalt, die Niedertracht des Regimes ertragen, das nach dem „glorreichen“ 23. August 1944 an die Macht gekommen war, als – wie die damalige Parole lautete – „Stalin und das russische Volk uns die Freiheit brachten“. Nach unvorstellbaren Entbehrungen („Die heutige Welt kann sich nicht einmal vorstellen, zu welchen Grausamkeiten die Kommunisten fähig waren“, warnt Hans Bergel), mit anderen Worten – beide waren durch die Hölle gegangen, landete Hermann in den USA, Hans in Westdeutschland, getrennt von der „demokratischen“ DDR, die damals unter dem „Schutz“ Moskaus gefangen war... In einem Interview, das er mir freundlicherweise für die erste Ausgabe 2017 der Kronstädter Literaturzeitschrift Libris gegeben hat, gestand Hans Bergel bitter: „Unsere Wege waren völlig unterschiedlich. Wir waren eine große Familie, nur dass wir, als wir im Westen ankamen, nicht wiedervereint wurden, sondern uns in die weite Welt zerstreuen mussten und die Familienbande langsam aber sicher erloschen. Dramatisch, aber bedeutsam und prägend für das 20. Jahrhundert.“
Dieses Drama des 20. Jahrhunderts ist nicht mit dem Jahrhundert zu Ende gegangen. Es geht weiter und nimmt andere Formen an (ich wage zu sagen: wie ein mutierter Virus), durch die es andere Pforten der Hölle öffnet, die subtiler, aber ebenso tückisch und gefährlich sind. Wenn wir der Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit schenken würden, könnten wir diese Fallen vielleicht erkennen, bevor es zu spät ist, und sie vermeiden. In den Büchern derer, die bereits gelitten und durch ihr Leiden für uns bezahlt haben, finden wir alle wichtigen, wenn nicht gar lebenswichtigen Lehren der Geschichte. Sie sind praktisch und nützlich für uns ... unter der doppelten Bedingung, dass wir ihre Zeugnisse sorgfältig lesen und alles richtig verstehen. Andernfalls werden wir uns wiederfinden (um die Titel mehrerer Romane von Hans Bergel zu paraphrasieren) ... dass „wir in Ketten tanzen“, dass „die Geier kommen“, über uns schweben und darauf warten, sich an unserem Aas zu laben, oder dass „die Wölfe zurückkehren“, in Rudeln, bereit, mit der Wildheit von einst anzugreifen. Andernfalls werden wir nach einiger Zeit feststellen, dass die so genannten „Arbeitslager“ – in Wirklichkeit finstere Zentren der Vernichtung im Namen einer abscheulichen Ideologie – andere Konturen annehmen und andere Namen als Donbass, Auschwitz oder Kanal tragen können.
Zu früh durch die Gewalt des historischen Kontextes getrennt, bieten uns die beiden Rosenauer Cousins Hans Bergel und Jacques S²ndulescu/Hermann Pfaff, die in ihren Büchern das wirkliche Leben umschreiben, großzügig mehrere Lektionen an, die wir nur zu empfangen brauchen. Hans Bergel überträgt die Wirklichkeit in einer ausgefeilten, reichhaltigen Erzählform ins Buch, tolstojanisch-dostojewskisch, wie die Literaturkritik es bemerkte, eine Erzählung, die gekonnt in Bänden mit Tausenden von Seiten geführt wird. Jacques S²ndulescu schreibt prägnant, frustrierend (Bergel sagt über „Donbass“, es habe „den Wert eines Dokuments, vor allem wegen seines trockenen Tons und seiner realistischen Sichtweise – ohne Sentimentalität oder Gejammer“), mit der Wucht eines Schlags, dessen Ziel es nicht ist, zu verletzen, sondern ein betäubtes Gewissen, eine schläfrige Vernunft oder eine mit großen Dosen von Propagandalügen betäubte Vernunft zu einer unverfälschten Realität zu erwecken.
Die Wege, denen sie folgten, waren in der Tat „völlig unterschiedlich“, aber in beiden Fällen spektakulär in ihrem unvorhersehbaren Auf und Ab, beeindruckend in ihrer Dramatik. Der Westen erschien nicht so uneigennützig und paradiesisch, wie es die Phantasie eines jeden von ihnen aus disparaten Informationen vor ihrer tatsächlichen Begegnung mit der Wirklichkeit erschaffen konnte. Als Hans Bergel vor einigen Jahren seine Akte im Landesrat für das Studium der Securitate-Archive sah, erzählte er mir, zutiefst beunruhigt über diese späte Entdeckung, dass einer der Einheimischen, der ihm unmittelbar nach seiner Niederlassung in Deutschland eine uneigennützige „Freundschaft“ angeboten hatte, sich als (die mehr als zehntausend Seiten umfassende Akte des Schriftstellers zeugt davon) als treuer Spitzel der Securitate entpuppte, einer Institution, die ihn im Ausland weiterhin verfolgte, während er das despotische Regime kritisierte und die Heuchelei des „Marxismus-Leninismus“ aufdeckte.
Jacques Săndulescus erster Kontakt mit dem Westen im Jahr 1947, nach seiner Flucht aus dem Donbas, war eine verwirrende Erfahrung. Nach einer langen, anstrengenden und gefährlichen illegalen Reise kam er schwer krank und unterernährt in Deutschland an, wo ihm Unterkunft, Krankenhausaufenthalt und medizinische Behandlung mit der Begründung verweigert wurden, dass er keine Papiere zum Nachweis seiner Identität und auch keine Überlebenschance habe. Bürokratie statt Menschlichkeit! Der Gemütszustand des jungen Ausbrechers, der sein Leben für die Freiheit riskiert hatte, ist herzzerreißend: „Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich besiegt. (...) Auf eine seltsame Art und Weise dachte ich daran, in die Mine 28 (im Donbass, Anm. der Verfasserin) zurückzukehren. Dort wusste ich, wo ich hingehörte, und jeder wusste, wer ich war. Und dort konnte man auch ohne Papiere sterben.
Ich weiß nicht, wie wichtig für unsere Literaturgeschichte die Tatsache ist, dass diese beiden Schriftsteller sowohl durch ihre Familienwurzeln als auch durch die schockierenden Erfahrungen, die sie gemacht haben, miteinander verbunden sind. Für die rumänische Literatur ist ihre Wiederentdeckung dank der Übersetzungen aus dem Deutschen (Hans Bergel) bzw. Englischen (Jacques S²ndulescu) jedoch zweifellos wichtig, wie bei vielen Gelegenheiten von maßgeblichen Stimmen (Ana Blandiana, Christian Cr²ciun, Adrian Lesenciuc, Mihaela Albu, Valentin Ajder und anderen) betont wurde. Es handelt sich um einen Akt der gerechten und wohlverdienten Rückführung, zumindest durch die Schriften derer, die einst unterdrückt und zur Auswanderung gezwungen wurden, die sich auf der Suche nach ihrem eigenen Platz, ihrer eigenen existenziellen Bestimmung, weit weg von der Heimat, unter Fremden, entwurzelt haben.
(der Artikel erschien in der Zeitschrift „Tribuna“, 463/2021 – Klausenburg)





