--- title: "Lesespaß: Pacepa in Amerika: Drei Episoden aus einem Leben im Verborgenen" url: "https://adz.news/artikel/artikel/lesespass-pacepa-in-amerika-drei-episoden-aus-einem-leben-im-verborgenen-1" subtitle: "Teil III – Zwölf Jahre später: Dana" author: "Rüdiger von Kraus" date: "2026-10-02" modified: "2026-10-02" category: "Kultur" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Lesespaß: Pacepa in Amerika: Drei Episoden aus einem Leben im Verborgenen Als Ion Mihai Pacepa 1978 in die Vereinigten Staaten floh, konnte er vieles zurücklassen. Seinen Rang. Seine Uniform. Seine Wohnung. Seine Kollegen. Seinen Namen. Einen Menschen konnte er nicht zurücklassen, ohne ihn mitzunehmen. Seine Tochter Dana. Sie hatte die Entscheidung ihres Vaters nicht getroffen. Trotzdem musste sie deren Folgen tragen. Für Ceaușescus Regime war die Tochter des berühmtesten Überläufers Rumäniens nicht einfach eine junge Frau, deren Vater im Ausland lebte. Sie war ein mögliches Druckmittel, eine Sicherheitsgefahr und zu-gleich eine ständige Erinnerung an die Demütigung, die Pacepas Flucht für den Diktator bedeutete. Ihr Leben geriet unter Beobachtung. Freundschaften wurden schwieriger. Menschen wussten, wer ihr Vater war. Nähe zu Dana konnte Fragen hervorrufen, und in einer Diktatur genügte schon die Aussicht auf solche Fragen, um Bekannte vorsichtig werden zu lassen. Die Securitate versuchte unterschiedliche Methoden. Druck. Einschüchterung. Dann wieder scheinbare Freundlichkeit. Es gab Versuche, sie dazu zu bringen, ihren Vater zu verurteilen oder bei einer Kontaktaufnahme mitzuwirken, die ihn nach Rumänien locken könnte. Dana weigerte sich. So lebten Vater und Tochter in zwei vollkommen verschiedenen Gefängnissen. Pacepa war in einem freien Land, konnte aber seine Identität nicht frei leben. Dana behielt ihre Identität, lebte aber in einem Land, das nicht frei war. Zwölf Jahre lang änderte sich daran nichts. Dann kam der Dezember 1989. Am 16. Dezember begann in Temeswar/Timișoara jene Bewegung, die sich innerhalb weniger Tage über Rumänien ausbreitete. Am 22. Dezember flohen Nicolae und Elena Ceaușescu aus Bukarest. Drei Tage später waren sie tot. Plötzlich existierte die Welt nicht mehr, die Dana seit der Flucht ihres Vaters gefangen gehalten hatte. Für die Amerikaner entstand damit eine Gelegenheit – und möglicherweise ein Risiko. Die Revolution hatte zwar Ceaușescu beseitigt, nicht aber über Nacht alle Strukturen und Menschen der Securitate. Bewaffnete Gruppen waren weiterhin aktiv, Loyalitäten unklar, die politische Zukunft unsicher. Dana war noch immer die Tochter Ion Mihai Pacepas. Die Geschwindigkeit der folgenden Ereignisse ist bemerkenswert. Schon in den ersten Januartagen 1990 wurden Dana und ihr Mann in die Vereinigten Staaten gebracht. Vieles deutet darauf hin, dass eine solche Möglichkeit auf amerikanischer Seite lange vorher bedacht worden war. Eine derart rasche Aktion wenige Tage nach dem Zusammenbruch des Regimes wirkt kaum wie eine improvisierte Entscheidung. Aber es gab keinen Triumphzug. Keine Pressekonferenz. Keine Kameras. Kein öffentliches Wiedersehen zwischen dem berühmtesten rumänischen Überläufer und der Tochter, die er zwölf Jahre zuvor zurückgelassen hatte. Es gab Formalitäten, Sicherheitsanweisungen und schließlich einen Vater und eine Tochter. Zwölf Jahre Angst endeten mit einem einzigen Flug. Doch damit wäre die Geschichte zu einfach erzählt. Dana war nicht mehr die junge Frau, die ihr Vater 1978 zurückgelassen hatte. Pacepa wiederum war nicht mehr der General, den sie gekannt hatte. Zwölf Jahre verändern jede Familie. Diese zwölf Jahre hatten zusätzlich Diktatur, Geheimdienste, Todesurteil, Revolution, neue Identitäten und zwei Kontinente zwischen Vater und Tochter gestellt. Sie mussten sich nicht nur wiedersehen. Sie mussten sich wieder kennenlernen. Darin liegt vielleicht der menschlichste Teil der gesamten Pacepa-Geschichte. Politische Geschichte liebt klare Daten: Flucht 1978. Revolution 1989. Wiedervereinigung 1990. Das wirkliche Leben hält sich nicht an solche Zäsuren. Dana hatte die Vorsicht einer unter Beobachtung lebenden Person gelernt. Ihr Vater hatte gelernt, dass Sicherheit von Unsichtbarkeit abhing. Beide hatten überlebt, aber auf unterschiedliche Weise. Auch Dana entschied sich in Amerika weitgehend für ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit. Das verbindet ihre Geschichte mit der ihres Vaters. Pacepa selbst trat eben-falls nie wieder wirklich aus dem Schatten. Seine Bücher taten es für ihn. Red Horizons machte ihn für viele Rumänen nach 1989 zu dem Mann, der ihnen das Innenleben eines Regimes erklärte, unter dem sie selbst gelebt hatten. Spätere Veröffentlichungen machten ihn in den Vereinigten Staaten zu einer Stimme im Kampf gegen kommunistische Desinformation. Damit entstand jedoch eine neue Gefahr: Aus dem Überläufer konnte eine Legende werden. Pacepa war ein außergewöhnlicher Zeuge. Aber ein außergewöhnlicher Zeuge ist nicht dasselbe wie ein unfehlbarer Zeuge. Wer seine Geschichte ernst nimmt, muss deshalb unterscheiden zwischen dem, was er aus eigener Anschauung wusste, dem, was er daraus schloss, dem, was er später glaubte – und Behauptungen, die sich bis heute nicht vollständig überprüfen lassen. Gerade diese Unterscheidung macht ihn historisch interessant. Pacepa war weder nur der Verräter, zu dem Ceaușescu ihn erklärte, noch nur der Held, zu dem manche seiner amerikanischen Bewunderer ihn machten. Er war ein Mann, der selbst jahrzehntelang einem repressiven System gedient hatte und sich schließlich gegen dieses System stellte. Ein Mann, dessen Entscheidung ihm Freiheit brachte und seiner Tochter zunächst zwölf Jahre Unfreiheit zusätzlich auferlegte. Ein Geheimdienstoffizier, der zum öffentlichen Ankläger des Geheimdienststaates wurde. Und ein berühmter Mann, dessen größter persönlicher Erfolg möglicher-weise darin bestand, ein unbekanntes Leben führen zu können. Das Amerika, in dem er schließlich alt wurde, gab ihm nicht zurück, was er 1978 verloren hatte. Das konnte kein Land. Es gab ihm etwas anderes. Die Möglichkeit, zu schreiben. Die Möglichkeit, zu widersprechen. Die Möglichkeit, seine Tochter wieder in die Arme zu schließen. Und schließlich jene Form von Freiheit, die für einen Mann mit Pacepas Vergangenheit vielleicht die kostbarste war: Sicherheit, Privatheit – und das Recht, zu verschwinden. --- *(Leseprobe auf Deutsch aus dem in Kürze im Corint Verlag, Bukarest, in rumänischer Sprache erscheinenden Buch „Pacepa în America“)* *- Ende der Serie -*