--- title: "Über die unbändige Freiheit in einem unfreien Land" url: "https://adz.news/artikel/artikel/ueber-die-unbaendige-freiheit-in-einem-unfreien-land" subtitle: "Erinnerungen von Gerhard Puri an seine Kindheit und Jugend in Reps" author: "Nina May" date: "2026-10-16" modified: "2026-10-16" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Über die unbändige Freiheit in einem unfreien Land ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/reps_02.jpg) *Gerhard Puri, „Reps, meine Siebenbürgische Wiege. Blätter eines wiedergefundenen Tagebuchs“, Coresi Verlag, 2026, ISBN 978-630-334-192-7, zweisprachig auf deutsch und rumänisch erschienen* **Geschichte ist häufig schwarzweiß: Schwarze Lettern auf weißem Papier. Schwarze Epochen mit dunklen Schatten – Erinnerung an Deportation, Diktatur, kollektives Leid – vor lichteren Zeiten der Hoffnung. Klare Trennlinien von Gut und Böse. Gerhard Puri aber löst die schwarzen Konturen vom weißen Grund und füllt sie mit den Farben, den Klängen, den Gerüchen seiner Kindheit und Jugend in Reps. Er nennt Figuren, Straßen und Gebäude beim Namen, haucht ihnen Leben ein. So bekommt jede Seite in seinem „Malbuch der Sinne“ Flügel, erhebt sich über die Zweidimensionalität, schillert, vibriert und leuchtet, singt und tanzt sich in die Seele des Lesers hinein...** „Reps, meine Siebenbürgische Wiege“ malt ein illustres Bild von einer Ecke der siebenbürgischen Welt, wie sie kaum jemand kennt. Obwohl es hunderte lesenswerte Erlebnisberichte und Lebenserinnerungen von Siebenbürger Sachsen gibt, zeichnet das Werk des aus Reps/Rupea stammenden Ingenieurs etwas Besonderes aus: der Blickwinkel eines hellwachen jungen Menschen, der vor dem Hintergrund einer belastenden Zeit, den Nachkriegsjahren und dem Kommunismus mit all seinen Ausprägungen von Unrecht und Willkür, das Glück des Augenblicks mit jeder Faser lebt, erinnert – und darüberhinaus lebhaft weitervermitteln kann. Erstaunt fühlt man sich in die Lage versetzt, den Jungen, der einfach und mit allerlei Einschränkungen auf dem Land aufwächst, um seine Kindheit glühend zu beneiden: Sowohl um die Freiheit, denn welcher Siebtklässler darf allein mit gleichaltrigen Buben und Mädchen eine Woche lang im Wald in einer Hütte aus Zweigen verbringen, weit ab von der Zivilisation, mit einem selbstgebauten Boot den Alt hinunterfahren, oder mit dem Fahrrad durch das Burzenland, oder in der Wildnis des Szeklerlandes „so leben wie wir es aus den Karl-May-Büchern mit Winnetou und Old Shatterhand kennen“ – all dies in einer Zeit ohne Handy, ohne Taxi, ohne Notruf. Aber auch um die liebevolle Behütetheit: Sind doch in der Mitte dieser Waldwoche auf einmal zwei Mütter am Ende des Wegs zu erspähen, zwischen sich ein schweres Etwas schleppend. Es entpuppt sich als Riesen-Topf Bohnensuppe, hochwillkommene Abwechslung für die jungen Abenteurer, die sich seit Tagen kalt von Brot, Speck, Zwiebeln und Kuchen ernähren. Dafür sind die Mütter mit Bus und Zug angereist und dann kilometerweit zu Fuß gegangen! Die Bohnen werden aufgewärmt und dann treten sie den ganzen langen Weg zurück an, nicht ohne den Kindern zuvor mitzuteilen: Am Donnerstag kommt euch der Pferdewagen holen. Unvorstellbar auch der Vater, der den jungen Abiturienten mit dem Zug nach Bukarest begleitet, wo er sich zum Studium der Atomphysik einschreiben soll. Ein mit Mißerfolg gekröntes Vorhaben, denn der Kandidat besteht zwar die Prüfung, aber „făr² loc“, ohne Studienplatz – weil sein Vater als Angestellter nicht der richtigen Klasse, sprich, der im Kommunismus favorisierten Arbeiterklasse angehört. Was tun, wenn man doch studieren will? Gerhard Puri kennt nur einen Ausweg: selber Arbeiter werden. Und selbst dieser harten Erfahrung – ein Jahr als Feldvermesser unter Traktoristen, manchmal tagelang in einem Bollerwagen auf dem Feld campierend oder kilometerweit bei jedem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs, kann Puri Momente der Lebensfreude und wertvolle Lektionen abgewinnen. Man darf nur nicht hochmütig sein, erkennt er, und freundet sich schnell mit den gleichaltrigen Traktoristen an. Bald darf er zu seinem Vergnügen auch selbst mal den Traktor fahren, ein russisches Modell, das dem Fahrer keinerlei Schutz bot, weder vor der sengenden Sonne, noch vor peitschendem Regen oder Wind. Er lernt das Trinken und das Rauchen, obwohl letzeres ihm nicht recht schmecken will, doch unverzichtbar war als Zeichen maskuliner Reife. Selbst die Oma sagte bewundernd: „Jetzt riechst du wie ein richtiger Mann.“ Das Buch steckt voll reizvoller Gegensätze: Das brutale Schweineschlachten, bei dem die Kinder dem Tier den Schwanz festhalten mussten – als erzieherische Maßnahme, um sich daran zu gewöhnen; der heimliche Wettbewerb um die dickste Fettschicht, nicht umsonst wurden die Sachsen „Speck-sachsen“ genannt; die Vielfalt der Würste: Kochwurst im Dickdarm, Bratwurst, Leberwurst, Presswurst, Blutwurst, Wurst in Bratfett in Einmachgläsern, Grammeln. Und dann: die allgegenwärtige Musik und die Bereitschaft selbst bescheiden lebender Landbewohner, dafür Zeit und sogar Geld zu investieren. Weil der Junge früh von musikalisch hochbegabten Spielkameraden umgeben ist, einige davon werden später bekannte Musiker, mieten ihm die Eltern ein Klavier und er erhält jahrelang Unterricht, obwohl bald klar ist, dass er keine solche Karriere einschlagen wird. Doch in Reps nimmt Musik in Schule und Gemeinschaftsleben eine Sonderstellung ein: Mit Freude erhalten Puri und seine Klassenkameraden im Gym-nasium Blechblasinstrumente zugeteilt und verziehen sich zum Üben in den hintersten Winkel des Gartens – nicht murrend, sondern stolz und begeistert. Es gab einen Männerchor, einen Frauenchor, einen gemischten Chor und einen Jugendchor, ein Hausorchester und eine Blaskapelle, liederschreibende Komponisten, erzählt Puri - „und das alles in einem Marktflecken, in dem damals kaum mehr als 2500 Deutsche und 1500 Rumänen lebten, die dennoch eine Klangwelt schufen, die weit über ihre Grenzen hinausstrahlte.“ Musizierte man selbst, weil es kein Radio gab? Puri berichtet von dem Lautsprecher auf dem Wohnzimmerschrank, den man mit einem einzigen Drehknopf an und ausschalten und die Lautstärke regeln konnte. Und der die „Erfolge“ der kollektivisierten heimischen Landwirtschaft und Industrie oder die aus der Sowjetunion unter Führung des „gütigen und weisen Vaters der Nationen, des glorreichen Stalin“ verkündete. Erst von seinem ersten Lohn kann er sich ein richtiges Radio kaufen und heimlich verbotene Schlager aus dem Westen hören... Aus seinen Kindheitserinnerungen wird aber auch die siebenbürgische multikulturelle Normalität und Vielsprachigkeit deutlich, die oft damit begann, dass es gar keine gemeinsame Sprache gab. Ganz selbstverständlich spielte man mit rumänischen und ungarischen Kindern, schnappte Sprach- und Dialektfragmente auf, ja, konnte sich sogar ganz ohne Worte tagelang amüsieren, etwa mit dem koreanischen Jungen, den Puri aus dem Sommerferienlager spontan mit nach Hause brachte. Mit den Fahrrädern fuhren die Jungen zum Fluss, badeten, streiften durch Wiesen und Wälder. – Und mit welcher Selbstverständlichkeit die Eltern den Überraschungsgast aufnahmen, denn die hatte man ja vorher nicht fragen können! Nicht nur das vielfältige Erlebte, auch der feinfühlige Blick des Erzählenden macht den Reiz der Lektüre aus: „Wenn Mama mir dann am nächsten Morgen das Butterbrot, das sie mir für die Schule vorbereitet hatte, in die Hand legte, stieg mir der vertraute Duft ihrer warmen Hände entgegen – ein feiner Hauch von Seife und Milch. Für mich war es mehr als ein Pausenbrot. Es war, als nähme ich ein kleines Stück Zuhause mit mir, etwas, was ich heute als Geborgenheit erkenne. Diese schneeweiße Büffelmilch war nicht nur fetter und nahrhafter als die Kuhmilch, sondern auch würziger und gab der Butter einen einzigartigen Geschmack.“ Und natürlich darf auch der Humor nicht fehlen: Nach dem Bau der Hütte aus Zweigen wird der Eingang „mit einer Decke verhangen, der Boden mit Reisig bedeckt, darüber die Leintücher, Decken und Kissen gelegt – schön abwechselnd, immer für einen Jungen und ein Mädchen“... „In der Nacht versuchen wir, die Hand des Mädchens, das neben uns schläft, zu erhaschen, was manchmal zu komischen Situationen führt. So geschehen in der Nacht, in der ich anstatt Astrids Hand, die zwischen mir und Walter schlief, Walters Hand in meiner hielt.“ Kein Wunder, dass bei solchen Abenteuern der Freundschaft eine zentrale Rolle zukommt: Freundschaften, wie man sie heute bzw. anderswo kaum kennt und die meist ein Leben lang halten, egal, wohin es einen veschlägt – wie Gerhard Puri aus Reps nach Temeswar und schließlich nach Deutschland. Doch stets dankbar für die „stillen Leuchtfeuer der Erinnerung“ aus Reps. Und mit einer Mahnung für die heutige Jugend, die anders als damals er das Glück hat, „in einer freien Gesellschaft zu leben, frei reisen zu können und andere Menschen zu treffen, ihre Meinung offen sagen zu können, ohne zu befürchten, im Gefängnis zu landen. Sie hat die Freiheit, so zu leben, wie sie es will. Die Freiheit ist das wertvollste Geschenk, das die Menschen haben können. Man kann sie nie genug wertschätzen, und wenn nötig, muss man sie verteidigen.“