--- title: "Lernschwäche bei Kindern" url: "https://adz.news/artikel/artikel/lernschwaeche-bei-kindern" subtitle: "Erkennen, einordnen, richtig handeln und behandeln" author: "Șerban Căpățână" date: "2026-09-19" modified: "2026-09-17" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Lernschwäche bei Kindern ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/billithecat-graphic-3863990_1920.jpg) *Jeder ist ein Genie! Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist. Lebensweisheit (fälschlicherweise oftmals Albert Einstein zugerechnet)* **Nicht jedes Kind, das gelegentlich Mühe mit der Schule oder mit den Hausaufgaben hat, hat auch eine tatsächliche Lernschwäche. Schulische Ausrutscher gehören zum normalen Schulleben und zum Erwachsenwerden dazu. Doch wenn Schwierigkeiten sich über Wochen oder Semester wiederholen und vom sonstigen Leistungsniveau abweichen, lohnt sich ein genauerer, unaufgeregter Blick. Die Frage stellt sich nur, wann und wie eine Lernschwäche festgestellt werden kann, wie man danach mit dem Kind und der Schule spricht, bzw. welche Wege zur Unterstützung in Rumänien offenstehen.** **Wann sollte man aufmerksam werden?** Einzelne schwache Phasen sind noch kein Grund zur Beunruhigung. Aufmerksamkeit ist erst gefragt, wenn Schwierigkeiten über mehrere Wochen oder Monate anhalten und trotz Übung nicht nachlassen. Ausschlaggebend in der Beurteilung einer Lernschwäche ist nicht der Vergleich mit anderen Klassenkameraden, sondern mit den Ergebnissen desselben Kindes in anderen Fächern. Typische Warnsignale einer Lernschwäche wären eine auffällige Diskrepanz zwischen mündlichen Fähigkeiten und schriftlichen Leistungen, ein stark überdurchschnittlicher Zeitaufwand für Hausaufgaben, verbunden mit Erschöpfung oder Frust, ja sogar körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen, vor allem an Schultagen, ebenso wiederkehrende Rückmeldungen der Lehrkraft, die vom eigenen Eindruck zu Hause abweichen und insbesondere eine größere Diskrepanz zwischen unterschiedlichen Fächern, etwa Mathe und Literatur. Entscheidend ist ein objektives Gesamtbild zu den Fähigkeiten des Kindes, nicht ein einzelnes Ereignis. **Wie erkennt man Lernschwäche zuverlässig?** Der erste Schritt ist die aufmerksame Beobachtung über einen längeren Zeitraum – idealerweise in Absprache mit der Klassenlehrkraft, die das Kind im Vergleich zur Gruppe einschätzen kann. Eine verlässliche Einordnung erfolgt aber nicht durch Elternbeobachtung allein, sondern durch schulpsychologische oder klinische Tests. Geprüft werden standardisiert Bereiche wie Lesen, Rechtschreibung, Rechnen, Aufmerksamkeit oder Sprachentwicklung. Der Test grenzt echte Lernschwäche von vorübergehenden Phasen oder emotionalen Ursachen wie Stress in der Familie ab. Das Ergebnis ist kein Vorwurf, sondern eine Klärung: Sie zeigt, welche Unterstützung tatsächlich sinnvoll wäre. **Die häufigsten Lernschwächen** Lernschwäche ist ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Schwierigkeitsbereiche. Die häufigsten Kategorien wären: Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie/Dyslexie) – anhaltende Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Schreiben, Zahlenschwäche (Dyskalkulie) – Schwierigkeiten beim Verständnis von Zahlen und Mengen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche – oft, aber nicht zwingend, im Zusammenhang mit ADHS, Sprachentwicklungsschwäche – betreffend Wortschatz, Grammatik oder Ausdrucksfähigkeit, allgemeine Lernschwäche – Schwierigkeiten über mehrere Fachbereiche hinweg. Innerhalb jeder Kategorie gibt es zudem Abstufungen – von leichten Auffälligkeiten bis zu starken, den Schulalltag belastenden Schwierigkeiten. Eine leichte Schwäche braucht oft nur mehr Übung und Geduld zu Hause, eine starke Ausprägung dagegen kontinuierliche, fachlich begleitete Förderung. **Wie behandelt man Lernschwäche?** Je nach betroffenem Bereich und Schweregrad kommen unterschiedliche Maßnahmen infrage. Bei leichten Schwierigkeiten reicht häufig gezieltes, regelmäßiges Üben zu Hause, ergänzt durch Hörbücher, Lernspiele oder Übungshefte, wobei Geduld deutlich wichtiger ist als Druck. Bei mittleren Schwierigkeiten empfiehlt sich zusätzlich eine spezialisierte außerschulische Förderung, etwa durch Lerntherapeuten oder Logopäden, sowie gegebenen-falls ein schulischer Nachteilsausgleich. Bei starken Schwierigkeiten benötigt das Kind eine kontinuierliche Therapie durch qualifizierte Fachkräfte sowie eine enge Abstimmung zwischen Elternhaus, Schule und Therapeuten, wobei der emotionalen Verfassung des Kindes besonderes Augenmerk gelten sollte, da Frustration in dieser Gruppe häufiger auftritt. Unabhängig von der Situation gilt jedoch: Fördermaßnahmen sollten stets auf einer fachlichen Einschätzung aufbauen und nicht auf bloßen Vermutungen. **Wie kommt man als Elternteil zurecht?** In vielen rumänischen Familien besteht auch heute noch Scheu vor einer Diagnose – nicht selten aus Angst, das eigene Kind könnte dadurch als „behindert“ gelten. Diese Sorge ist historisch gewachsen: Über Jahrzehnte wurden Lernschwächen in Rumänien kaum von echten Behinderungen unterschieden, und wer ein Kind mit Schwierigkeiten in Schule oder Amt anmeldete, musste mit Stigmatisierung, Mitleid, manchmal sogar mit sozialer Ausgrenzung rechnen. Fachlich und rechtlich ist diese Gleichsetzung jedoch falsch. Eine Lernschwäche wie Legasthenie oder Dyskalkulie fällt unter die „cerințe educaționale speciale“ (CES) – ein rein pädagogisches Konzept zur Anpassung des Unterrichts. Eine Behinderung im rechtlichen Sinn („handicap“, geregelt durch Gesetz Nr. 448/2006) ist davon klar getrennt und erfordert eine eigene, deutlich umfassendere Begutachtung. Die überwiegende Mehrheit der Kinder mit Lernschwächen erhält niemals einen Behindertenstatus – ihr CES-Zertifikat betrifft ausschließlich die schulische Bewertung und wird nirgendwo als Behinderung registriert oder ausgewiesen. Um dem Kind zu helfen, müssen in erster Linie die Eltern verstehen, dass ihr Kind nicht „dumm“ oder „behindert“ ist und dass die Familie dabei nichts falsch gemacht hat. Ein Kind, das besser malt als rechnet, wird oftmals als zukünftiges Kunstgenie dargestellt, die Leseschwäche eines anderen oftmals unter der Decke vesteckt. Ein hilfreicher erster Schritt wäre sicherlich eine Internetsuche zu Persönlichkeiten, welche mit ähnliche Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatten und es – vielleicht auch gerade deswegen – zu Milliardenvemögen, Erfindungen oder sonstigen außergewöhnlichen Resultaten gebracht haben. **Nicht „krank“ – aber auch keine Ausrede** Ein zentraler Punkt in der Kommunikation mit dem Kind ist die richtige Einordnung: Eine Lernschwäche ist keine Krankheit. Das Kind ist nicht „kaputt“, sondern verarbeitet Informationen – etwa Buchstaben oder Zahlen – auf eine andere Art als die meisten Gleichaltrigen. Diese Botschaft sollte klar und wiederholt vermittelt werden, da Kinder sonst leicht ein negatives Selbstbild entwickeln. Das Kind sollte aber auch verstehen, dass eine festgestellte Lernschwäche kein Freibrief für weniger Anstrengung ist. Nachteilsausgleiche gleichen eine Schwierigkeit aus, ersetzen aber nicht das eigene Bemühen. Die Unterstützung soll helfen, das eigene Potenzial zu erreichen – sie ist aber kein Werkzeug, um sich vor Verantwortung zu drücken. Diese Balance zwischen Entlastung und Eigenverantwortung ist entscheidend, damit das Kind weder überfordert noch in eine Opferrolle gedrängt wird. **Wie spricht man das Kind an?** Das Gespräch mit dem Kind selbst ist oft der heikelste, aber auch der wichtigste Teil dieses Prozesses. Am besten gelingt es, wenn Beobachtungen sachlich und ohne jeden Vorwurf geschildert werden – ein einfaches „Mir ist aufgefallen, dass dir Lesen im Moment schwerfällt“, öffnet ein Gespräch, während ein „Warum kannst du das immer noch nicht?“ es sofort wieder schließt. Wichtig ist, dem Kind klar und bei Bedarf immer wieder zu vermitteln, dass eine Lernschwäche nichts mit Intelligenz oder mangelnder Anstrengung zu tun hat, sondern schlicht bedeutet, dass sein Gehirn bestimmte Informationen anders verarbeitet als bei den meisten Gleichaltrigen. Dabei sollte dem Kind auch Raum gegeben werden, seine eigene Sicht der Dinge zu schildern, denn häufig spürt es die Schwierigkeit längst selbst, traut sich aber nicht, offen darüber zu sprechen – ein zuhörendes statt belehrendes Gespräch macht diesen Schritt leichter. Genauso wichtig ist Zurückhaltung: Kein Etikett sollte vorschnell verwendet werden, bevor eine fachliche Abklärung tatsächlich vorliegt, denn ein zu früh ausgesprochenes „du hast Legasthenie“ kann mehr verunsichern als helfen. Gleichzeitig lohnt es sich, die Stärken des Kindes in anderen Bereichen bewusst sichtbar zu machen und zu würdigen, damit sich sein Selbstwertgefühl nicht an der einen Schwäche festmacht, an der gerade gearbeitet wird. Und schließlich helfen realistische, kleine Etappenziele mehr als große, abstrakte Verbesserungsversprechen – ein Kind, das spürt, dass sein Fortschritt in kleinen, erreichbaren Schritten gemessen wird, verliert seltener den Mut. Ebenso wichtig ist, die positiven Resultate in anderen Fächern hervorzuheben und eine außerschulische Tätigkeit zu finden, in der das Kind außergewöhnliche Resultate bringen und dadurch sein Selbstvertrauen steigern kann. **Wie spricht man die Schule an?** Auch der Austausch mit Lehrkräften folgt am besten einer klaren, konstruktiven und objektiven Linie. Die eigenen Beobachtungen bereits frühzeitig mit der Lehrkraft besprechen und entlang der Zeit beobachten ist ein erster positiver Schritt. Der Schulberater ist nicht nur zur Beobachtung der Schüler da, sondern auch um den Kontakt mit den jeweiligen Lehrern zu halten und eine entsprechende – den Schüler würdigende – Einstellung seitens der Bildungsanstalt zu bewahren. **Die Schule darf das Kind nicht benachteiligen** Ein Kind mit einer diagnostizierten Lernschwäche darf im Schulalltag nicht schlechter behandelt werden als andere – dieser Grundsatz ist in Rumänien nicht nur pädagogisches Prinzip, sondern gesetzlich verankert. Das rumänische Bildungsgesetz legt das Prinzip der Chancengleichheit fest. Für Kinder mit spezifischen Lernstörungen (dabei werden Legasthenie, Dysgraphie, Dysorthographie und Dyskalkulie ausdrücklich genannt) sieht das Gesetz eigene psychopädagogische Fördermethoden auf Grund eines entsprechendes Zertifikats vor. Kinder mit einem derartigen CES-Zertifikat haben Anspruch auf angepasste Bewertung – im Unterricht sowie bei landesweiten Prüfungen, sei es die „Evaluare Națională“ oder das Bakkalaureat. Dabei wird jedoch nicht der Inhalt, sondern die Form angepasst: mehr Zeit, mündliches Diktieren bei starker Schreibstörung, einfache Hilfsmittel. Die Aufgaben selbst bleiben identisch mit denen der übrigen Schüler. Auch im Unterricht sollten die Lehrkräfte auf die Lernschwäche Rücksicht nehmen und beispielsweise einen Legastheniker nicht vor der Klasse lesen lassen. Verweigert eine Schule derart Anpassungen trotz CES-Zertifikat, können sich Eltern an die Schulleitung und das Kreisschulinspektorat wenden. Als letzte Instanz steht der Nationale Rat zur Bekämpfung der Diskriminierung (CNCD) offen, der bereits mehrfach mit entsprechenden Elternbeschwerden befasst war. **Offizielle Hilfestellungen in Rumänien** Eltern, die Unterstützung suchen, müssen sich nicht allein auf private Angebote verlassen. In erster Linie sollten Eltern die staatliche Behörde CJRAE (Centrul Județean de Resurse și Asistență Educațională) ansprechen. Diese bietet kostenlose schulpsychologische Diagnostik und Beratung und stellt ebenfalls – infolge der psychologischen und psychiatrischen Begutachtung – das CES-Zertifikat aus, welches dem Kind während der Schulzeit und insbesondere bei Prüfungen die ensprechenden Ausgleichsvorteile bietet. Auch Schulpsychologen und Schulberater sind eine kontinuierliche Anlaufstelle, um zusammen mit dem vom CJRAE ernannten Betreuer für einen entsprechenden Lehr- und Prüfplan des Kindes zu erstellen und nachzuverfolgen. Des weiteren stehen logopädische und klinisch-psychologische Fachkräfte für vertiefte Diagnostik und Therapie bereit.