--- title: "„Berliner Tagebuch“ einer Bukarester Autorin" url: "https://adz.news/artikel/artikel/berliner-tagebuch-einer-bukarester-autorin" subtitle: "Ioana Cristina Casapu las im Goethe-Institut" author: "Valentin Brendler" date: "2026-09-18" modified: "2026-09-22" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # „Berliner Tagebuch“ einer Bukarester Autorin ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/Fullscreen_capture_9222026_85850_AM.jpg) ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/Fullscreen_capture_9222026_85813_AM.jpg) *Cristina Zanfirescu liest den Text auf Deutsch vor. Die Autorin (rechts) schaut ihr dabei zu. Foto: Valentin Brendler* **„Ich schreibe, seit ich sieben oder acht Jahre alt bin“, erklärt die Autorin Ioana Cristina Casapu aus Bukarest im ADZ-Gespräch. Damals, es war kurz nach der Revolution, hatte sie das erste Mal „eines dieser Hochglanzmagazine im Haus“, was die Autorin direkt inspirierte. „Ich war ein ziemliches Einzelkind und spielte viel allein zu Hause. Also fing ich an, eigene Magazine zu gestalten – nach dem Vorbild dieser ersten gedruckten Hochglanzhefte, mit Titelseite, Inhalt, gezeichneten Figuren, Reportagen und allem Drum und Dran!“ Diese Faszination begleitete sie ihr ganzes Leben, das sie zudem von Bukarest nach Berlin geführt hat, wo sie mittlerweile seit Jahren lebt. Über ihre Erfahrungen in der deutschen Hauptstadt hat sie das Buch: „Berliner Tagebuch. Die Geschichte meiner inneren Mauer“ geschrieben, das sie vor kurzem im Buka-rester Goethe-Institut vorgestellt hat.** Denn genau dort ist das Buch auch indirekt entstanden. Doch dafür muss man nochmal etwas zurückgehen. Casapu, die in Bukarest aufwuchs, fing also schon sehr jung mit dem Schreiben an. Insbesondere das „Tagebuchschreiben gehörte schon immer dazu“, erklärt sie. Später studierte sie in der rumänischen Hauptstadt „Wirtschaft“ und arbeitete daneben als Journalistin, zunächst beim Fernsehen und dann für verschiedene Publikationen in Rumänien. „Ich wollte einfach schreiben!“, so die Autorin. Zu dieser Zeit, im Alter von 18 bis 21 Jahren, begann sie außerdem mit einem Blog, aus dem fast zehn Jahre später ihr erstes Buch mit dem Titel „Deviații de Stereo“ entstand. Doch dann kam das Jahr 2015, in dem sich für die Autorin alles änderte. **Ein Neustart in Berlin** „Ich ging nach Berlin, weil mir eine Stelle als Chefredakteurin für eine englischsprachige Publikation angeboten wurde. Es war eine sehr ungewöhnliche Situation, denn ich war zuvor noch nie in Deutschland oder Berlin gewesen! Ich kam also völlig unvoreingenommen dort an“, erklärt sie. „Irgendwann um 2019 herum kam ich über einen Freund mit dem Team des Goethe-Instituts in Rumänien in Kontakt, das dort ein deutsch-rumänisches Literaturprojekt namens ‘Delight’ koordinierte. Zunächst verfasste ich Buchrezensionen und führte Interviews mit rumänischen Schriftstellern oder Künstlern, die in Berlin lebten“, berichtet die Autorin. „Dann fragten sie mich, ob ich eine Kolumne schreiben wolle – quasi als Korrespondent aus Berlin oder aus einer Zwischenposition heraus. So nahm das seinen Lauf. Es entstanden schließlich 24 Beiträge.“ Aus genau diesen Beiträgen entstand dann später, leicht fiktionalisiert, das Buch „Berliner Tagebuch. Die Geschichte meiner inneren Mauer“, das im Jahr 2025 im Klak Verlag erschient. Das besondere: Die Texte erschienen auf Deutsch, übersetzt von Gundel Große. Dabei waren die Originaltexte bei „Delight“ natürlich auf Rumänisch. In Rumänien sind sie jedoch noch nicht erschienen, was sich die Autorin allerdings wünschen würde. **Das Leben als Migrantin in Berlin** Im Werk befasst sie sich mit der Corona-Zeit, dem Einleben in Berlin als Migrantin, sowie auch mit Rumänien. „Der erste Teil des Buches handelt eher von diesem Zustand des Isoliert-Seins während Corona – sei es im Inneren, als Künstler oder im Kontext der Weltlage. Danach öffnet sich das Buch mehr hin zu anderen Menschen. Die zweite Hälfte dreht sich stärker um das Gegenüber und die Interaktion mit anderen, die ebenfalls von anderswo kommen und versuchen, dort ihren eigenen Platz zu finden“, erklärt sie im Gespräch. Doch warum hat sie diese Kolumnen, die einen durchaus privaten Einblick gewähren, nun auch als Buch veröffentlicht? „Ich halte es für wichtig, wahre Geschichten zu erzählen und ein realistisches Bild eines bestimmten Augenblicks zu zeichnen“, so die Schriftstellerin. „Und ich glaube, dass einige der Erfahrungen, Gefühle und Geschichten, die ich in meinen Essays und Büchern vermittle, für ganz unterschiedliche Menschen universelle Bedeutung haben können.“ Deswegen ist sie froh, dass das deutschsprachige Buch existiert. Schließlich gebe es in Berlin und Deutschland viele Migranten, die sich womöglich in ihren Erfahrungen wiederfinden können. „Ein Buch ist wie ein Kind. Daher freue ich mich sehr, dass es ins Leben gerufen wurde und nun gewissermaßen an den Ort zurückkehren kann, an dem alles begann – hier beim Goethe-Institut“. **Eine emotionale Lesung** Vor Kurzem war sie in der Bibliothek des Goethe-Instituts, um das Buch vorzustellen. Unterstützt wurde sie dabei von Cristina Zanfirescu. Sie arbeitet im Bereich Kommunikation und Kulturprojekte und verfügt über langjährige Erfahrung im deutsch-rumänischen Kulturbereich, schließlich war sie auch einige Jahre beim Goethe-Institut. Sie moderierte den Abend, stellte der Autorin, mit der sie befreundet ist, Fragen und las auch teilweise den Text mit ihr vor. Zanfirescu und Casapu trugen einige Kapitel abwechselnd auf Deutsch und auf Rumänisch vor. Dabei war es für Casapu, wie sie nach der Lesung berichtete, das erste Mal, dass sie ihren Text im Rumänischen vorlas. Abseits davon sprachen sie vor einem interessierten Publikum – das auch manchmal Fragen stellte und mitdiskutierte – über Migrationserfahrungen, Deutschland, Rumänien und Literatur. Die Lesung war durchaus emotional und schien auch gerade die Autorin berührt zu haben, für die es bald wieder nach Berlin geht. **Frauenfreundschaften im Fokus** Dort arbeitet sie neben zahlreichen anderen Projekten auch an einem neuen Buch. „Ich schreibe aktuell einen Roman auf Englisch“, so die Schriftstellerin. „Es ist ein feministisches Werk, das von Frauenfreundschaften im Ausland handelt. Es geht um die Kraft solcher Freundschaften zwischen Migrantinnen in einem neuen Land und um die Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung, die sie aufbauen. Aber auch um die Kehrseite dieser Freundschaften und wie leicht sie zerbrechen können“. Dies ist für sie ein wichtiges Thema: „Meiner Meinung nach ist Frauenfreundschaft als Thema in der modernen Literatur noch immer nicht hinreichend erforscht oder diskutiert, obwohl Frauen solche Beziehungen schon seit Anbeginn der Zeit pflegen.“