--- title: "Der Hunger der Maschinen" url: "https://adz.news/artikel/artikel/der-hunger-der-maschinen" subtitle: "Der KI-Boom lässt Rechenzentren wachsen – und verschärft den Kampf um Strom, Wasser und Infrastruktur" author: "Arthur Glaser" date: "2026-09-25" modified: "2026-09-24" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Der Hunger der Maschinen ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/03_AI-Factories_in_Europa.__Europaeische_Kommission_.jpg) *Grafik der Europäischen Kommission auf der Webseite: digital-strategy.ec.europa.eu/sites/default/files/styles/extra_large/public/2025-10/AI%20Factories_20251010_FINAL_0.jpg?itok=SIrOzlX8* **Sie sehen aus wie riesige Lagerhallen, stehen oft am Rand von Städten oder auf der grünen Wiese und haben mit klassischen Fabriken wenig gemeinsam. Und doch entwickeln sich Rechenzentren zu einer der wichtigsten neuen Infrastrukturen Europas. In ihren Hallen arbeiten keine Menschen an Fließbändern, sondern Tausende Prozessoren rund um die Uhr. Sie trainieren künstliche Intelligenz, speichern Daten, verarbeiten Bankgeschäfte und halten die digitale Wirtschaft am Laufen. Der Preis dafür wird zunehmend sichtbar: Strom, Wasser, Flächen und Netzinfrastruktur werden zu knappen Ressourcen.** Europa steht damit vor einem Dilemma. Die Europäische Union will ihre digitale Souveränität stärken und beim Aufbau einer eigenen KI-Infrastruktur aufholen. Gleichzeitig drohen jene Ressourcen knapp zu werden, die für diesen Ausbau benötigt werden. **Die Cloud wird zur Industrie** Die Größenordnung des Wandels lässt sich inzwi-schen in Zahlen messen. Nach einer Analyse des europäischen Übertragungsnetzbetreibers ENTSO-E gibt es in Europa mehr als 10.500 Rechenzentren mit einer IT-Leistung von min-destens 50 Kilowatt. Davon entfallen rund 9,9 Gigawatt auf die EU-27. Andere Datenbanken kommen wegen unterschiedlicher Definitionen auf deutlich andere Zahlen – ein Hinweis darauf, wie schwer sich die junge Branche überhaupt vermessen lässt. Nach einer aktuellen Untersuchung im Auftrag der EU-Kommission lag die installierte Rechenzentrumskapazität der EU 2025 bei rund 12,4 Gigawatt. Für 2026 werden bereits 15,1 Gigawatt erwartet. Im mittleren Wachstumsszenario könnte die Kapazität bis 2030 auf 28 Gigawatt steigen, in einem besonders dynamischen Szenario auf 33 Gigawatt. Rechenzentren verbrauchen heute rund 2,5 Prozent des EU-Stroms. Die Europäische Kommission warnt, dass ihre wachsende Leistung Stromnetze belasten und – wenn sie nicht vorausschauend geplant wird – auch Strompreise und Versorgungssicherheit beeinflussen kann. Die Internationale Energieagentur erwartet für Europa zwischen 2024 und 2030 einen Anstieg des Stromverbrauchs von Rechenzentren um mehr als 45 Terawattstunden – rund 70 Prozent. Global könnte sich der Stromverbrauch bis 2030 auf etwa 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln. Das Problem liegt nicht nur in der Menge des Stroms. Rechenzentren benötigen ihn an bestimmten Orten und in hoher Konzentration. Ein großes KI-Rechenzentrum kann den Strombedarf eines industriellen Großstandorts erreichen. Wo das Netz keine Kapazitäten mehr besitzt, kann ein Projekt deshalb jahrelang auf einen Anschluss warten. Die Rechenzentren folgen daher zunehmend nicht mehr den Städten, sondern dem Strom. **Frankfurt, London, Paris – und dann?** Jahrzehntelang konzentrierte sich der europäische Markt auf fünf große Zentren: Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin – die sogenannten FLAP-D-Märkte. Zusammen verfügen sie inzwischen über rund 3,8 Gigawatt aktive Kapazität. Weitere 1,4 Gigawatt befinden sich im Bau, rund zwei Gigawatt sind geplant. Für 2026 werden in diesen fünf Märkten rund 453 Megawatt neue Kapazität erwartet. Doch die nächste Generation der Rechenzentren entsteht zunehmend außerhalb dieser Zentren. Hyperscale-Campusse, die zwischen 2026 und 2028 geplant werden, sollen durchschnittlich 175 Kilometer, von den großen europäischen Hubs, entfernt liegen. Bei den zwischen 2022 und 2025 fertiggestellten Projekten waren es noch 46 Kilometer. Der Grund ist einfach: KI braucht Platz und Strom. Sogenannte „Greenfield-Projekte“, die auf einem bisher unbebauten Grundstück neu errichtet werden – also praktisch „auf der grünen Wiese“, machen inzwi-schen 39 Prozent der europäischen Pipeline für 2026 bis 2028 aus. In den vergangenen drei Jahren waren es lediglich acht Prozent. Die neue Geografie der Rechenzentren entsteht dort, wo große Grundstücke, leistungsfähige Stromnetze und möglichst günstige Energie verfügbar sind. Davon profitieren Länder, die über Energie, Platz und geeignete Netze verfügen. Besonders skandinavische Länder rücken stärker in den Fokus. Finnland, Schweden und Norwegen bieten kühles Klima, ver-gleichsweise große Flächen und in Teilen günstige beziehungsweise CO2-arme Stromquellen. Der Alphabet-Konzern, zu dem auch Google gehört, kündigte jüngst eine Investition von 13 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur in Finnland an. Geplant sind drei neue Rechenzentren. Gleichzeitig vereinbarte er, bis zu 50 Prozent der Produktion eines finnischen Kernkraftwerks über einen Zeitraum von 22 Jahren abzunehmen. **Irland als Warnsignal** Wie stark Rechenzentren regionale Stromsysteme verändern können, zeigt Irland. Dort entfielen 2024 bereits 31 Prozent des gemessenen Stromverbrauchs auf Großverbraucher, haupt-sächlich Rechenzentren. 2015 waren es noch 14,8 Prozent. Die Europäische Kommission warnt, dass die Nachfrage bis 2035 weiter stark steigen könnte. Irland reagierte deshalb mit strengeren Regeln für neue Anschlüsse. Neue Rechenzentren müssen unter anderem zur zusätzlichen Erzeugung erneuerbarer Energie beitragen oder langfristige Stromabnahmeverträge abschließen. Das Beispiel zeigt das grundsätzliche Problem: Ein Rechenzentrum bringt Investitionen, Steuereinnahmen und digitale Infrastruktur. Gleichzeitig konkurriert es um dieselbe Netzinfrastruktur wie Haushalte, Elektroautos, Wärmepumpen und Industrie. **Die Cloud braucht Wasser** Server erzeugen enorme Mengen Wärme. Diese müssen abgeführt werden. Je höher die Rechenleistung, desto wichtiger werden effiziente Kühlsysteme. Damit steigt auch der Wasserbedarf – direkt für die Kühlung und indirekt durch die Wasserintensität der Stromerzeugung und der Halbleiterproduktion. Damit entsteht ein neuer Standortfaktor: Nicht nur die Frage „Wo gibt es Strom?“ wird entscheidend, sondern auch „Wo gibt es dauerhaft genügend Wasser?“ **Europas Antwort: mehr Rechenzentren** Die EU will den Ausbau trotzdem ausdrücklich beschleunigen. Im Juni 2026 legte die Europäische Kommission den Vorschlag für einen Cloud and AI Development Act (CADA) vor. Das Ziel: Die Rechenzen-trumskapazität der EU soll innerhalb von fünf bis sieben Jahren mindestens verdreifacht werden. Genehmigungsverfahren sollen vereinfacht, geeignete Standorte identifiziert und der Zugang zu Energie, Land, Wasser und Finanzierung verbessert werden. Gleichzeitig sollen energieeffiziente Kühlung und ein besseres Energiemanagement gefördert werden. Europa ist bei Cloud- und KI-Infrastruktur stark von Unternehmen außerhalb der EU abhängig. Die Kommission verbindet deshalb den Ausbau der Rechenzentren mit dem Ziel der digitalen Souveränität. **Wer bezahlt die neuen Netze?** Wenn ein Rechenzen-trum mit mehreren hundert Megawatt Leistung entsteht, reicht es nicht, einfach einen Serverraum zu bauen. Es braucht Umspannwerke, Leitungen, Speicher, Kühlung und oft zusätzliche Erzeugungskapazitäten. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass die Projektpipeline in Europa einer Rechenzentrumskapazität entspricht, die rund 130 Prozent der heutigen installierten Kapazität ausmacht. Bis 2030 dürfte die tatsächlich installierte Kapazität nach ihren Modellen allerdings nur um etwa 70 Prozent gegenüber 2024 wachsen – unter anderem wegen Netzengpässen und Verzögerungen. Unternehmen können eigene Stromverträge abschließen, Batterien aufstellen oder direkt in Erzeugungsanlagen investieren. Übertragungs- und Verteilnetze bleiben jedoch Teil der öffentlichen Infrastruktur. Damit stellt sich eine politische Frage: Wer bezahlt den Ausbau der Netze, die private Technologieunternehmen benötigen? **Die neue Landkarte reicht bis nach Rumänien** Auch Länder, die bisher nicht zu den europäischen Rechenzentrumszentren gehörten, versuchen, in den neuen Wettbewerb einzusteigen. Rumänien verfolgt mit der Black Sea AI Gigafactory ein besonders ambitioniertes Projekt. Das Energieministerium, das Finanzministerium und die Behörde für Digitalisierung haben einen institutionellen Koordinierungsrahmen geschaffen. Im April 2026 wurde ein Interessenbekundungsverfahren zur Auswahl eines Konsortialführers gestartet. In dieser ersten Phase war eine Kapazität von rund 20.000 GPUs beziehungsweise vergleichbaren KI-Beschleunigern vorgesehen. Ein endgültiges technisches Konzept und eine verbindliche Finanzierung lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor. **Die Rechenzentren werden zur Energiepolitik** Damit verändert der KI-Boom die europäische Energiepolitik. Bisher wurde ein Rechenzentrum vor allem als Immobilien- oder IT-Projekt betrachtet. Heute ist es zunehmend ein energiepolitisches Projekt. Wer große KI-Modelle trainieren will, braucht nicht nur Chips und Software, sondern auch Hunderte Megawatt zuverlässiger Energie. Das verändert die Standortkonkurrenz. Länder mit günstiger Energie, stabilen Netzen und ausreichend Fläche können Investitionen anziehen. Regionen mit überlasteten Netzen oder hohen Strompreisen geraten dagegen unter Druck. Nach Berechnungen von CBRE soll die europäische Rechenzentrumskapazität bis Ende 2026 auf rund 13 Gigawatt steigen – 20 Prozent mehr als 2025. Gleichzeitig haben sich neue Verträge für europäische „Colocation“-Kapazitäten, die für KI vorgesehen sind, im ersten Halbjahr 2026 mehr als vervierfacht. **Die Cloud ist nicht immateriell** Die Cloud ist keine Wolke. Sie steht auf Beton, verbraucht Strom, benötigt Wasser und beansprucht Netze und Land. Europa kann sich entscheiden, ob es bei künstlicher Intelligenz stärker auf eigene Infrastruktur setzt oder dauerhaft von Rechenkapazitäten und Technologieanbietern aus den USA und Asien abhängig bleibt. Die Europäische Kommission hat diese Entscheidung im Grundsatz bereits getroffen: Sie will die Kapazitäten massiv ausbauen. Offen ist dagegen die zweite Frage: Wo sollen diese Rechenzentren stehen – und wer soll die Kosten für ihre Energie tragen? Die Antwort wird die wirtschaftliche Landkarte Europas verändern. Die Rechenzentren folgen der Energieversorgung.