--- title: "Jenseits von Schulbank und Stundenplan" url: "https://adz.news/artikel/artikel/jenseits-von-schulbank-und-stundenplan" subtitle: "Projektwoche „Schule anders“ bot vielfältige Aktivitäten an der Lenau-Schule" author: "Raluca Nelepcu" date: "2026-10-31" modified: "2026-11-01" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Jenseits von Schulbank und Stundenplan ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/Scoala_Altfel_Lebenmarathon.jpg) *Beim „Marathon des Lebens“ lernten die Schüler wertvolle Erste-Hilfe-Manöver. Foto: A. Balog* ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/Scoala_Altfel_Lenau.jpg) *Im Fach „Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit in Rumänien“ ging es kreativ zu. Foto: Die Verfasserin* ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/Erntedank_Scoala_Altfel.jpg) *Erntedank am letzten Tag der „Schule anders“-Woche Foto: O. Eremie* **Von lebensrettenden Handgriffen über geheimnisvolle Zeppeline bis hin zu Theaterbesuchen, historischen Entdeckungsreisen und tierischen Begegnungen: Die „Schule anders“-Woche am deutschen Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar/Timișoara zeigte, dass Lernen weit mehr sein kann als das Pauken von Vokabeln, Jahreszahlen und mathematischen Formeln.** Eine Woche lang durfte der gewöhnliche Schulalltag in den Hintergrund treten. Statt Klassenarbeiten, Hausaufgabenkontrollen und Unterricht nach Stundenplan standen am deutschen Nikolaus-Lenau-Lyzeum außergewöhnliche Aktivitäten auf dem Programm. Es wurde entdeckt, gebastelt, diskutiert, gelacht und natürlich auch gelernt – allerdings auf eine etwas andere Art. Während einige Klassen Ausflüge unternahmen, Museen, Kirchen oder Theater besuchten, verwandelten sich andere Klassenzimmer in kreative Werkstätten. Möglich machte dies die landesweite Projektwoche „Școala Altfel“, auf Deutsch „Schule anders“, die seit dem Schuljahr 2011/2012 zum rumänischen Bildungssystem gehört. Während dieser Woche wird der reguläre Stundenplan durch ein besonderes Bildungsprogramm ersetzt. Im Mittelpunkt stehen praktische Erfahrungen, Kreativität, Teamarbeit, kulturelle Bildung und die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Dass die „Schule anders“ keineswegs eine schulfreie Woche bedeutet, zeigte sich auch diesmal am Lenau-Lyzeum. **Jede Sekunde zählt** Besonders ernst wurde es bei einer Veranstaltung, bei der es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod ging. Unter dem Titel „Marathon des Lebens“ („Maratonul vieții“) fand bereits zum zweiten Mal ein Erste-Hilfe-Projekt statt, das Schülern grundlegende Kenntnisse für medizinische Notfälle vermitteln sollte. An dem Projekt, das Deutschlehrerin Andreea Goța und Biologielehrer Adrian Balog koordinierten, nahmen Schüler der Klassen fünf bis acht sowie der elften Klassen teil. Angeleitet wurden sie von Medizinstudenten der Temeswarer Universität für Medizin und Pharmazeutik, die ihnen nicht nur erklärten, wie man in einer Notsituation richtig handelt, sondern auch Gelegenheit zum praktischen Üben boten. Organisiert wurde die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft der Medizinstudenten Temeswar (SSMT). Den Kindern sollte dabei vor allem eine wichtige Botschaft vermittelt werden: Rasche Hilfe kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden. Zugleich sollten die Jugendlichen lernen, Verantwortung für ihre Mitmenschen zu übernehmen und in kritischen Situationen nicht einfach wegzusehen. **Als riesige Luftschiffe über das Banat flogen** Eine Zeitreise der besonderen Art unternahmen Schüler der siebten Klassen. Dabei ging es um ein Kapitel der Banater Geschichte, von dem selbst viele Erwachsene vermutlich noch nie gehört haben: den deutschen Luftschiffhafen „Adebar“ bei Sanktandres/Sânandrei, wenige Kilometer nördlich von Temeswar. Während des Ersten Weltkriegs entstand dort 1915 eine gewaltige militärische Anlage, die deutschen Zeppelinen als Stützpunkt diente. Heute erinnert kaum noch etwas an diesen außergewöhnlichen Ort, an dem einst riesige Luftschiffe stationiert und für ihre Einsätze vorbereitet wurden. Die Unterzeichnende dieses Beitrags, die seit diesem Schuljahr auch am Lenau-Lyzeum unterrichtet, hatte das Thema für ihre Geschichtsstunden ausgewählt. Schließlich muss nicht alles, was interessant und wissenswert ist, unbedingt im Schulbuch stehen. Anhand historischer Fotografien, eines kurzen Films und zahlreicher Erklärungen erfuhren die Schüler, wie die gewaltigen Luftschiffe funktionierten, warum sie im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden und welche Gefahren mit ihrer Nutzung verbunden waren. Besonders eindrucksvoll waren die historischen Aufnahmen aus der Sammlung von Jörg Biber, dessen Vater zur Besatzung des Luftschiffhafens „Adebar“ gehört hatte. **„Den Ersten der Tod…“** Auch die Schüler der Klasse 6 B beschäftigten sich mit der Geschichte ihrer Heimatregion. Ihr Thema waren die drei großen Schwabenzüge des 18. Jahrhunderts, durch die zahlreiche deutsche Siedler in das damals habsburgische Banat kamen. Dabei stand ein alter, unter den Do-nauschwaben überlieferter Spruch im Mittelpunkt: „Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot.“ Was sich hinter diesen Worten verbirgt, erarbeiteten die Schüler anhand von drei Plakaten, die jeweils einem der Schwabenzüge gewidmet waren. Es ging um die beschwerliche Reise der Kolonisten auf der Donau, um die berühmten Ulmer Schachteln, um Krankheiten, Entbehrungen und die schwierigen Lebensbedingungen der ersten Siedlergenerationen. Aber auch um den Aufbau neuer Dörfer und die Entstehung jener Kulturlandschaft, die das Banat bis heute prägt. Statt die geschichtlichen Ereignisse auswendig zu lernen, mussten die Schüler Informationen auswählen, ordnen und anschaulich darstellen. So entstanden drei Plakate und aus einer Geschichtsstunde wurde eine kleine historische Werkstatt. **Von Temeswar nach Arad** Dass sich Kultur, Geschichte, Naturkunde und jede Menge Spaß miteinander verbinden lassen, bewies die Klasse 6 D, die einen Tagesausflug in den Kreis Arad unternahm. Begleitet wurden die Schüler unter anderem von ihrer Klassenlehrerin Oriana Hajas-Saftencu sowie von Biologielehrer und Ko-Klassenlehrer Adrian Balog. Der erste Teil des Ausflugs stand im Zeichen der Stadtgeschichte. In Arad besichtigten die Schüler die orthodoxe Dreifaltigkeitskathedrale im Stadtteil Podgoria, anschließend ging es zu Fuß durch die Innenstadt, vorbei an prächtigen Gebäuden aus der Zeit Österreich-Ungarns. Auf dem Revolutionsboulevard entdeckten die Kinder zahlreiche architektonische Gemeinsamkeiten mit Temeswar und sogar mit Wien. Die Ähnlichkeiten waren offenbar so verblüffend, dass ein Schüler scherzhaft ausgerufen haben soll: „Wie konnten die es sich nur erlauben, uns zu kopieren?“ Nach dem Mittagessen folgte dann der vermutlich von vielen besonders erwartete Teil des Tages: ein Besuch im Freizeitzentrum Zooland im Kreis Arad. Dort konnten die Kinder verschiedene Tiere aus nächster Nähe kennenlernen, einen kleinen Lebensraum mit seinen tierischen Bewohnern erkunden und sich bei Aktivitäten im Freien austoben. **Prüfungsvorbereitung mal anders** Nicht alle Schüler konnten die Projektwoche allerdings in gleichem Maße genießen. Für die achten Klassen rückt die landesweite Abschlussprüfung, die „Evaluarea Națională“, immer näher. Deshalb stand bei ihnen auch während der „Schule anders“ die Prüfungsvorbereitung im Mittelpunkt. Dass diese nicht zwangsläufig trocken ausfallen muss, bewies eine ungewöhnliche Deutschstunde in der Klasse 8 B. Statt eines gewöhnlichen literarischen Textes bekamen die Schüler eine eigens für sie verfasste Erzählung vorgelegt. Ihr Titel: „Das Geheimnis der 8 B“. Das Besondere daran? Die Hauptfiguren waren die Schüler selbst. Plötzlich begegneten ihnen in einer Prüfungsaufgabe die eigenen Namen und die ihrer Klassenkameraden. Dass dabei herzhaft gelacht wurde, versteht sich von selbst. Doch hinter der humorvollen Geschichte verbarg sich eine ernsthafte Aufgabe: Die Schüler mussten eine vollständige Prüfungssimulation bearbeiten, mit Fragen zum Textverständnis und den üblichen sprachlichen Anforderungen der nationalen Abschlussprüfung. Auch in der Klasse 8 D wurde die Prüfungsvorbereitung abwechslungsreicher gestaltet. Deutschlehrerin Lorette Cherăscu setzte auf Stationenarbeit mit Musik im Hintergrund. So wurde aus dem sonst eher anstrengenden Prüfungsmarathon zumindest für einige Stunden eine etwas entspannte Angelegenheit. **Kirchen, Kunst und ein Theaterbesuch** Dass man nicht unbedingt weit reisen muss, um Neues zu entdecken, bewiesen die Klassen 7 C und 7 D. Gemeinsam mit ihren Religionslehrerinnen unternahmen sie einen Ausflug in die Temeswarer Innenstadt und besuchten zwei bedeutende Gotteshäuser am Domplatz. Auf dem Programm standen der römisch-katholische Dom zum Heiligen Georg, die Kathedrale des Bistums Temeswar, sowie die serbisch-orthodoxe Christi-Himmelfahrts-Kathedrale. Organisiert wurde der Besuch von Religionslehrerin Gabriela Burman. Die beiden Kirchen, die nur wenige Schritte voneinander entfernt liegen, erzählen zugleich ein wichtiges Kapitel der multikonfessionellen Geschichte Temeswars. Hier konnten die Schüler religiöse Traditionen, Architektur und Geschichte unmittelbar miteinander verbinden. Eine weitere kulturelle Entdeckungsreise führte die Klasse 7 C zur Beta-Kunstausstellung. Bei einer Führung mit Lavinia Popa erhielten die Schüler Einblicke in die präsentierten Arbeiten und konnten sich mit neuen Perspektiven auf Architektur und Gestaltung auseinandersetzen. Auch die darstellende Kunst durfte während der Projektwoche nicht fehlen. Ein Theaterbesuch führte Schüler zur Aufführung von „Heidi“ am Deutschen Staatstheater Temeswar. Neben Geschichte und Kultur widmeten sich die Schüler auch ernsteren gesellschaftlichen Themen. So nahm die Klasse 7 C an einer Veranstaltung zur Drogenprävention teil, die von der Organisation „Salvați Copiii“ („Rettet die Kinder“) gestaltet wurde. **Zwischen kreativem Chaos und neuen Erfahrungen** Wer während dieser Woche durch die Gänge der Lenau-Schule ging, konnte schnell feststellen, dass „Schule anders“ nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer eine besondere Herausforderung darstellt. Der gewohnte Stundenplan war außer Kraft gesetzt, Klassen waren auf Ausflügen, andere nahmen an Workshops teil, und wieder andere arbeiteten an Projekten in ihren Klassenzimmern. Da konnte es durchaus vorkommen, dass man sich fragte, wo sich eine bestimmte Klasse gerade befand oder welcher Raum für die nächste Aktivität vorgesehen war. Nicht immer lief alles nach Plan, doch mit Geduld und Flexibilität ließen sich die organisatorischen Schwierigkeiten meistern. Für die Lehrkräfte bedeutet die „Schule anders“ praktisch mehr Arbeit, denn hinter jeder gelungenen Veranstaltung stehen Vorbereitung, Organisation und nicht selten auch die Bereitschaft, spontan neue Lösungen zu finden. Am Ende dieser außergewöhnlichen Schulwoche blieb vor allem die Erkenntnis, dass Lernen viele Gesichter haben kann.