--- title: "Kreative Gemeinsamkeit, erfrischende Diskussionen" url: "https://adz.news/artikel/artikel/kreative-gemeinsamkeit-erfrischende-diskussionen" subtitle: "Seminar im Heiligenhof: Die siebenbürgisch-sächsische Frau im Wandel der Zeiten" author: "Nina May" date: "2026-10-20" modified: "2026-10-20" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Kreative Gemeinsamkeit, erfrischende Diskussionen ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/heiligenhof.jpg) *Bildungs- und Begegnungsstätte „Heiligenhof“, Bad Kissingen Foto: Nina May* **Für zwei Tage durfte ich eine von ihnen sein: den Siebenbürger Sächsinnen. Ihnen unter die Haut schlüpfen in ihrer Traditionsverbundenheit, ihrer historisch verankerten inneren Stärke, ihrer heutigen Vielfalt zwischen Beruf, Familie und Ehrenamt im Verband, ihrer Loyalität zu den siebenbürgischen Wurzeln und einer gelegentlichen Zerrissenheit zwischen der Ursprungsidentität und den Herausforderungen des (meist) bundesdeutschen Alltags...** Es begann mit Lachen und Scherzen und Geschichtenerzählen in einem Saal mit Tischen in U-Form in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Heiligenhof“, Bad Kissingen: Auftakt am ersten Abend der Tagung war die Lesung aus meinem Glossenbuch, die diesen lockeren Austausch angeregt hatte. Denn viele der Teilnehmerinnen kennen diese kleinen „Kulturschocks“ in umgekehrter Richtung: Nicht wie ich als Einwanderin nach Rumänien, sondern nach dem Ankommen aus Siebenbürgen im damals noch recht befremdenden Deutschland. War dieser ausgelassene Abend Türöffner für die lebhaften, offenen Diskussionen in den folgenden Tagen? Oder war es die besondere Energie, die entsteht, wenn Frauen (und wenige Männer, die sich harmonisch einfügten) sich gegenseitig schwungvoll empowern? Neben neuer Kraft für den Alltag gab es vieles mitzunehmen: Nicht nur „zwei Kilo mehr!“, wie jemand vorwitzig auf diese Frage dazwischenrief... Auch neue Impulse, Geistesblitze, Herzenswärme, Ideen. **Kreativer Funkenflug** „Frauen zwischen Tradition und Moderne: Die Rolle der siebenbürgisch-sächsischen Frau im Wandel der Zeit“ nannte sich das Seminar, zu dem das Frauenreferat des Verbandes der Siebenbürger Sachsen vom 25. bis 27. September eingeladen hatte. Was mag man sich darunter vorstellen? Wer nimmt an so etwas teil? Was steckt hinter allgemein gehaltenen Vortragstiteln wie: „Rollenbilder der siebenbürgisch-sächsischen Frau früher und heute“, Beitrag der rührigen Karin Roth, Kreisgruppenvorsitzende von Herten im Verband der Siebenbürger Sachsen, „Zwischen Hermannstadt und Heilbronn – Frauenleben im Spannungsfeld von Kirche, Tradition und Neubeginn“ der sprachgewaltigen Pfarrerin und Dekanin Birgit Hamrich (Hessen), oder „Waren die Frauen in Siebenbürgen emanzipiert? Sind sie es heute?“ von Ingwelde Juchum, Vorsitzende des Landesverbandes Hessen? Wie schafft man es als Organisatorin des Seminars, wie Gerlinde Zurl-Theil (Referat für Frauen, Familie und Aussiedlerbetreuung im Verband), die Vortragenden so zu kombinieren, dass theoretisch Gehaltvolles und praktisch Alltägliches kurzweilig ineinan-derfließen und wir uns mit Fragen und Gedanken nur so überflügeln? Dass lebhafte Diskussionen aktuelle Problemfelder nicht nur streifen, sondern tatsächlich erhellen und man ein wenig klüger nach Hause fährt? Wissenschaftlich gehaltvoll wurde es mit Prof. Angelika Schaser zum Thema „Die deutsche Frauenbewegung und die siebenbürgisch-sächsischen Frauen zu Beginn der 20. Jahrhunderts“ und mit dem gut dokumentierten Vortrag von Herta Daniel (Ehrenvorsitzende des Verbands) „Weshalb waren/sind die Wege der Frauen zur Gleichstellung, zur politischen Teilhabe und Mitwirkung so steinig?“. Den lockeren Schluss am Sonntag lieferten Ruth Istvan, Siebenbürgen-Immigrantin, die lebhaft aus ihrem beruflichen Alltag und Umfeld in Holzmengen/Hosman berichtete, und meine eigene Präsentation zum Thema „Siebenbürgen, Kreativraum für Frauen“, basierend auf Reportagen und Interviews mit starken Frauen vor Ort. Dazwischen: Ein Workshop mit Doris Hutter (Beisitzerin im Bundesvorstand) über Kultur- und Frauenarbeit im Verband; ein Abend mit sächsischen Liedern und humorvollen Geschichten mit Angelika Meltzer und Doris Hutter; eine Stadtführung durch das geschichtsträchtige Bad Kissingen mit Heiligenhofleiter Gustav Binder im historischen Kostüm – und viele Stunden herzliche Gemeinsamkeit bei Sprudelwasser und Wein. Wie schafft man es jetzt, dies alles repräsentativ zusammenzufassen? Gar nicht – das muss man schon selbst erleben! Hier nur ein paar Streiflichter, Highlights und Gedankenblitze – zum Nachdenken und zum Lustmachen für eine Teilnahme in der Zukunft, denn das Frauenseminar wird alle zwei Jahre veranstaltet. **Die kontroverse Trachtendiskussion** Man mag es kaum glauben, aber es ist ein Punkt, der auch heute noch emotionell belegt kontrovers diskutiert wird: Wie trägt man die sächsische Tracht, was ist falsch, was ist richtig, zu welcher Gelegenheit und vor allem – wer darf sie tragen? Denn Tracht ist immer noch Identifikationselement, selbst für die Sächsinnen in Deutschland – oder dort erst recht? Ist es korrekt, wenn eine geschiedene Frau auf einem Stadt-Event zum Thema Trachten auf Bitte des Veranstalters den Borten (Zeichen unverheirateter konfirmierter Sächsinnen) vorführt? Darf man als Nicht-Sächsin aus Sympathie Tracht tragen? Darf man Trachtenelemente aus dem Kontext reißen: das Hemd zur Jeans, den Männergürtel zum Damenkleid? Letzteres tat eine in Norwegen lebende Siebenbürgerin, und es sah nicht nur schick aus, wie die Erzählende gestand, es war auch der Gürtel ihres verstorbenen Vaters… Können Trachtenelemente im Alltag nicht auch Erkennungszeichen sein? Wie will man verhindern, dass ein japanischer Tourist sich eine sächsiche Tracht kauft und damit herumläuft? Muss man, will man das bekritteln? Einen gewissen Konsens gab es darin, dass Nicht-Sachsen Tracht tragen dürfen, wenn sie an einem entsprechenden Event teilnehmen, wie etwa die rumänischen Mitglieder deutscher Tanzgruppen. Oder, dass auf Paraden vollständige und möglichst korrekte Trachten getragen werden sollten. Worte wie „Trachtenpolizei“ und „Trachtenberatung“ fielen. Und auch die Frage, wie man das aussterbende Wissen um korrekte Trachten – vielleicht in einer Trachtendatenbank – retten könne. Allerdings müsse man der sächsischen Jugend außerhalb solcher Events einen – wohldefinierten! – „Korridor der Freiheit“ zugestehen, sonst verlieren sie das Interesse an der Tracht. Wollen wir die Jugend mit der Diskussion um die Absatzhöhe verprellen, hieß es? Denn die Wissenschaft habe gezeigt: Wenn Tracht keinen Platz mehr im Alltag findet, geht sie verloren. Doch sei ein Konsens, wie dies geschehen soll, vonnöten. Zum Tragen einzelner aus dem Kontext gerissener Trachtenelemente hieß es allgemein: „Wir sind noch nicht so weit.“ **Was war, was ist, was bleibt?** Interessant auch die Frage, wie Traditionen weitergepflegt werden sollen. Wie viel darf man verändern, der Zeit und den Bedürfnissen des Alltags anpassen? Ein Beispiel: Statt des traditionellen Katharinenballs veranstaltet eine Kreisgruppe mit überwältigendem Erfolg jedes Jahr „Kathis Frühstück“. Handarbeit, schon immer beliebt, erlebt einen Aufschwung: Weil sächsische Trachten keine Fabrikware sind, hat so manche Frau mit dem Nähen und Sticken begonnen. In Kreisgruppen werden kreative Tätigkeiten gepflegt und finden Zuspruch: Sei es, das Quilten oder das Bemalen von Ostereiern, nach alten Mustern und Techniken, aber hier auch mit künstlerischer Freiheit. Ruth Istvan erzählt von der „Șezatoare“ (Spinnstube) in ihrer Region: Abwechselnd trifft man sich zu Gesprächen und kreativen Tätigkeiten bei einem der Teilnehmer zu Hause, spricht über Erfahrungen, Pläne, Ideen – und weil die zugezogenen Ausländer einbezogen sind, auf Englisch! Doris Hutter zitiert zum Thema Bewahren und Erhalten erklärend Altbischof Christoph Klein: „Es geht nicht um die Erben, es geht um das Erbe.“ **Historische Frauenrolle in Gesellschaft und Kirche** Tradition gibt Halt, Orientierung und schafft Gemeinschaft. Sie kann aber auch ausgrenzen, gibt Birgit Hamrich zu bedenken. Ordnung gab Heimat, aber sie verteilte zugleich Macht. Besonders schwer war es früher für selbstbewusste sächsische Frauen, die ihren eigenen Weg gingen und sich ständig erklären mussten, warum sie sich „nicht anpassen konnten“. Sie wurden zwar respektiert, oft bewundert, aber nicht gemocht – und vor allem ständig beargwöhnt. Ein Beispiel ist Dr. Annemarie Schnell aus Kronstadt (1903-1984), verwitwete Juristin, in Wolkendorf lebend – sie trug Hosen, fuhr Ski und ließ sich für Englischstunden in Eiern bezahlen. Weil sie nicht kochen konnte? Auch Schaser äußert sich zum Thema Trachten: sie legten gesellschaftliche Unterschiede fest und waren Instrument der sozialen Kontrolle. Und sie erwähnt eine aus heutiger Sicht bizarre Erscheinung: das erst 1926 abgeschaffte „Lehrerinnenzölibat“, demzufolge nur unverheiratete Lehrerinnen unterrichten durften. Eine augenscheinliche Ungerechtigkeit, die aber auch einen sozialen Aspekt hatte: So sollte die Tätigkeit den Frauen, die z.B. aufgrund von körperlichen Gebrechen keine Chance auf Heirat (und damit Versorgung) hatten, ein Einkommen sichern. Herta Daniel durchsuchte das Lexikon der Siebenbürger Sachsen auf Einträge von Männern und Frauen: 1993 waren es 33 Männer und nur sieben Frauen, in den Folgejahren bleibt das Ungleichgewicht. Lässt historische Ungleichheiten Revue passieren: Im Mittelalter galt der Mann als Sinnbild des Guten, die Frau als Verkörperung der Sünde. Den Ruf einer Frau bestimmte ihr Sexualverhalten, was für den Mann nicht galt. Bis 1270 hatten Frauen, egal welchen Alters, zwingend einen Geschlechtervormund: erst den Vater, dann den Ehemann. Und weil die Sachsen „Acker mit Acker“ verheiratenen, achtete man nicht immer auf Kompatibilität beim Alter der Brautleute: Mädchen wurden oft extrem jung vergeben. Hamrich verweist auf Bibelstellen, die die gleichberechtigte Rolle der Frauen belegen: „Das Christentum hat nicht als Männerverein begonnen.“ Auch in der evangelischen Kirche sei ein Einfluss seitens Frauen institutionell vorgesehen: Im Presbyterium, unter den „Fürsorgefrauen“, die das soziale Netz zusammenhielten. **Wie die Verbandsarbeit verbessern?** Doris Hutter rief die Mitglieder des Verband der Siebenbürger Sachsen zur Ideenfindung für eine bessere Verbandsarbeit auf. Weil lokale Gruppen immer kleiner würden, könne man sich für die Organisation von Veranstaltungen zu regionalen Verbänden zusammenschließen oder aber sich mit Banater Schwaben zusammentun. Als neues Phänomen beschreibt sie, dass junge Leute mehr Online-Veranstaltungen und kürzere Tagungen einforderten. Manchmal fiele der Vorwurf, siebenbürgisches Verbandsleben sei nur „Trachtenaufmarsch und Blasmusik“, andererseits wollten sich immer weniger Mitglieder terminlich verbindlich festlegen, was die Planung komplexer Events erschwere. Auch der Spagat zwischen Alltag und Ehrenamt sei herausfordernd, ebenso die Nachwuchsfrage. Andererseits ging aus den Kreisen der ehrenamtlich Engagierten hervor, dass Begegnungen, gemeinsame Aktivität, die Freude auf den Gesichtern der Beteiligten und positives Feedback immer noch Motivationsfaktoren für die Verbandsarbeit sind. **Breite Entfaltungs-möglichkeiten** Was haben wir von der Tagung mitgenommen, außer den Folgen allzu guter Verpflegung oder der Erkenntnis, dass man sich in jedem Alter ausgelassen wie auf einem Schulausflug fühlen kann? Vielleicht die Schlussfolgerung, dass Frauen auch heute oft Brückenbauer und Netzwerker sind. Dass siebenbürgische Traditionen noch gelebt werden, sich aber auch verändern. Dass die Breite an Entfaltungsmöglichkeiten für die siebenbürgisch-sächsische Frau zunimmt, weil Traditionen auch Ressourcen und Ansatzpunkt für Neues sein können. Dass Siebenbürgen sich verändert, die Gemeinschaft inklusiver und internationaler wird, aber trotzdem nicht alles Sächsische untergeht – im Gegenteil, es liefert die Basis für den kreativen Wandel. Und dass es starke Frauen gibt, in der Vergangenheit wie heute, die ermutigen und beflügeln – so manche mitten in unserer Runde.