--- title: "„ Suchet der Stadt Bestes...“" url: "https://adz.news/artikel/artikel/suchet-der-stadt-bestes" author: "Von Dr. Renate Klein, Theologin, Pfarrerin und Universitätsdozentin am Theologischen Institut in Hermannstadt" date: "2026-10-25" modified: "2026-10-25" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # „ Suchet der Stadt Bestes...“ ![](https://adz.news/fileadmin/_processed_/d/6/csm_Wort_zum_Sonntag_73dac04667.jpg) Jessica Watsons Geschichte fiel mir neulich beim Durchblättern eines Buches ins Auge. Obwohl sie, wie sie selbst über sich sagt, ein wasserscheues und zurückhaltendes Kind war, stellte sie sich ihrer größten Angst. Nachdem sie fünf Jahre lang mit ihren Eltern auf einem Boot gelebt hatte, brach die 2009 sechzehnjährige Australierin allein zu einer Weltumsegelung auf, die sie 2010 abschloss. Auf sie geht der Ausspruch zurück: „An den äußeren Bedingungen kannst du nichts ändern – nur an deiner Reaktion darauf.“ Diesen Satz hätte auch der Prophet Jeremia so in seinen Brief an die Deportierten in Babel (Kap. 29) schreiben können. Aber nun von vorn und der Reihe nach. Wir befinden uns vermutlich in der Zeit zwischen 597 (Plünderung Jerusalems und Deportation der Oberschicht durch die Babylonier) und 587 v. Chr. (Eroberung Jerusalems und Untergang Judas, weitere Deportationen). Die Kriegserinnerungen der in fremde Gefilde Verbannten sind noch frisch, Schrecken und Mängel, Sehnsüchte, aber auch gewisse Hoffnungen prägen ihren Alltag. Ihnen schreibt Jeremia, sie sollen Häuser bauen, Gärten pflanzen und ihre Kinder verheiraten, damit sie den Fortbestand des Volkes sichern. Im Klartext heißt das: arrangiert euch mit der Situation. Jeremia warnt vor Lügenpropheten und Wahrsagern, die dem Volk weismachen wollen, dass es bald wieder nach Hause kann. So einfach sei das nicht. In der Fremde sei das Leben zwar nicht leicht, aber was würde man in dem verwüsteten Heimatland vorfinden? Die Botschaft des Briefes ist klar: die Zeit des Exils wird 70 Jahre währen. Das sind nicht einige Tage oder zwei-drei Wochen, in denen man mit dem Bündel, das man in der Eile geschnürt hat und mit dem Geld, das man im Saum seines Gewandes eingenäht hat, auskommen kann. Das sind zwei-drei Generationen! Wenn man da Däumchen dreht und wartet, dass man nach Hause kommt, ist man auf verlorenem Posten. Man muss sorgen, dass das Leben weitergeht, auch wenn es schwerfällt. Die Zeit der Erlösung wird kommen, schreibt der Prophet, denn Gott hat Gedanken der Zukunft und des Friedens für sein Volk, aber bis dahin ist ein Weg zu gehen, sind Hindernisse zu überwinden, Altlasten abzubauen und Brücken neu zu richten. Im Brief heißt es: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl“ (Jer 29,7). Was für eine ungeheuerliche Forderung: für das Wohlergehen des Feindeslandes zu sorgen und zu beten! Manch einer der Deportierten wird beim Hören oder Lesen dieser Briefpassage gehörig geschluckt haben. Recht besehen ist Jeremias Rat allerdings das einzig Vernünftige in der gegebenen Situation. Die äußeren Bedingungen kann man nicht ändern. Juda ist von den übermächtigen Babyloniern erobert und weite Teile seiner Bevölkerung und deportiert worden – nach der Bibel als Strafe für den Ungehorsam des Volkes; die historische Wahrheit hat wohl einen etwas anderen Schwerpunkt. Aber wie dem auch sei, man muss sich auf eine lange Zeit einstellen, in der es um das Überleben und die Wahrung der Identität geht. Das funktioniert nur, wenn man sich im Feindesland und mit den Feinden arrangiert, ihnen nicht mit Hass und Rachegedanken entgegentritt, sondern mit dem Willen, das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen. Die Tatsache der Deportation, des Lebens unter Fremden wird sich dadurch nicht ändern, aber Jeremia fordert die Exulanten dazu auf, anders darauf zu reagieren, als sie es impulsiv tun würden. Könnte das nicht der Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander unterschiedlicher Menschen überall auf der Welt sein: die eigene erste Impulsreaktion auf eine Situation zu überdenken und die Kompromissbereitschaft an ihre Stelle zu setzen? Kriege hätten dann weniger Chancen. Hätte der Prophet Jeremia eine Zeitreise unternehmen und Jessica Watson treffen können – ich bin mir sicher, er hätte ihr zugestimmt: „An den äußeren Bedingungen kannst du nichts ändern – nur an deiner Reaktion darauf.“