--- title: "Tiefer in die Tasche greifen, oder… mehr Geld aus der Tasche herausholen?" url: "https://adz.news/artikel/artikel/tiefer-in-die-tasche-greifen-oder-mehr-geld-aus-der-tasche-herausholen" subtitle: "Sprachliche scheinbare Gegensätze mit gleicher Bedeutung" author: "Prof. Dr. Ioan Lăzărescu" date: "2026-10-23" modified: "2026-10-23" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Tiefer in die Tasche greifen, oder… mehr Geld aus der Tasche herausholen? ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/tasche.jpg) *Warum muss man tiefer in die Tasche greifen? Weil unten die schwereren Münzen liegen? Oder weil der Geldhaufen kleiner ist, wenn die Preise ständig steigen?* **„Wegen höherer Spritpreise müssen Autofahrer nun tiefer in die Tasche greifen“, heißt es fast täglich in den deutschsprachigen Nachrichten. Ob es sich dabei um eine Hosentasche, eine Jackentasche oder um eine Handtasche handelt, ist von minderer Wichtigkeit, denn offensichtlich ist dabei doch nur eine Geldtasche gemeint, also ein zur Aufbewahrung von Geld dienender Behälter: ein Geldbeutel, eine Geldbörse oder ein Portemonnaie – auch in der Schreibung Portmonee –, was man bei sich trägt, wenn man etwas kaufen und bezahlen muss. Diese deutsche Redewendung ist bezüglich des genauen Ortes zur Aufbewahrung von Geld recht vage.** Demgegenüber steht in ähnlichen Kontexten die rumänische Wendung: „a scoate mai mulți bani din buzunar“, welche in Bezug auf den Aufbewahrungsort des Zahlungsmittels viel konkreter ist, denn ein „buzunar“ hat man an einem Kleidungsstück, unabhängig davon, ob dieses eine Hose, eine Jacke, ein Rock oder ein Kleid ist. Auch spielt es dabei überhaupt keine Rolle, ob dieser Stoffteil ein- oder aufgenäht ist. Semantisch ausgeschlossen bleiben also die Behälter anderen Formats und anderer Beschaffenheit, in denen man das Geld bei sich tragen könnte. Auffällig ist jedoch die unterschiedliche, ja gegensätzliche Perspektive, aus der man den Bezahlungsakt für teurer gewordene Ware sieht und sprachlich wiedergibt: im Deutschen „hineingreifen, stecken“ – gemeint ist die Hand, im Rumänischen „herausnehmen, hervorholen“ – gemeint ist das Zahlungsmittel. Dabei sind Bedeutung und Sinn der zwei Redewendungen unterm Strich gleich. Das ist aber kein einziger, isolierter Fall, wo scheinbare Gegensätze und Mentalitätsunterschiede in den natürlichen Einzelsprachen mit gleichem Zweck eingesetzt werden. Und ich meine hier keinesfalls Sprachen, die miteinander nicht verwandt sind und unterschiedlichen Sprachfamilien zugeordnet werden, sondern Deutsch und Rumänisch, beide zur Großfamilie der indoeuropäischen Sprachen gehörend, die Erstere allerdings zum germanischen, die Letztere zum romanischen Zweig. So warnt oder droht man beispielsweise im Deutschen mit dem Wort „Lebensgefahr“, im Rumänischen jedoch mit der Fügung „pericol de moarte“. Nicht nur, dass wir im Deutschen mit einem Kompositum und im Rumänischen mit einer Drei-Wörter-Fügung zu tun haben, was sehr oft der Fall ist. Wichtiger scheint mir hier der unterschiedliche Fokus: die Gefahr, sein Leben zu verlieren im Unterschied zur Gefahr, den Tod zu finden. Dass man auf Rumänisch nicht „pericol de viață” sagen kann, ist klar, aber die längere Fügung „pericol de a-și pierde viața” wäre zu lang und aufwendig. Hat man seine Kopfbedeckung, die Brille oder einen Regenschirm in einem Zug oder einem anderen öffentlichen Verkehrsmittel vergessen, so geht man in einem deutschsprachigen Land schnurstracks zum „Fundbüro“, voller Hoffnung, dass jemand das liegengelassene Stück „gefunden“ und es zur dafür eingerichteten Stelle gebracht hat. In Rumänien sieht es aber anders aus: Da geht man zum „Biroul de obiecte pierdute“, weil man den betreffenden Gegenstand eben „verloren“ hat. Die Sichtweise ist somit diejenige der Person, die einer Sache verlustig gegangen ist, wohingegen im Deutschen derjenige, der dieser Sache fündig geworden ist, sprachlich im Fokus steht. In einem Zuschauerraum ohne im Vorhinein gebuchte Sitzplätze hält man für jemanden, der sich verspätet oder kurz wegmuss, den Platz „frei“, bis diejenige Person eintrifft oder zurückkommt. Auf Rumänisch heißt es aber „a ține locul ocupat”, also belegt oder besetzt, was üblicherweise mit einer Kappe, einer Tragetasche oder irgendeinem anderen Gegenstand geschieht, den man bei der Hand hat, womit der „frei“ zu bleibende Sitzplatz als „besetzt“ markiert wird. Ob ein Film für ein Publikum gewissen Alters geeignet ist, wird in Deutschland von den Obersten Landesjugendbehörden in Kooperation mit Organisationen der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) bestimmt, welche die Altersfreigabe erteilen. In Rumänien ist die dazu befugte Einrichtung das CNA (Consiliul Național al Audiovizualului). Auch in diesem Fall haben wir es mit einer unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Sichtweise zu tun: Aufgrund der „Altersfreigabe“ wird ein Film beispielsweise ab 12 oder ab 16 „frei“ gegeben. Das Label lautet im Rumänischen „interzis (minorilor) sub … ani“. Im Deutschen gilt somit die „Altersfreigabe“, im Rumänischen entspricht das einem „Altersverbot“. Seltsamerweise dreht sich die Sichtweise in den zwei Sprachen ab dem 18. Lebensjahr. Im Rumänischen ist dafür der Ausdruck „filme pentru adulți” geläufig, was sprachlich eine Zulassung impliziert, wobei im Deutschen diesmal ein Negationswort davorgeschoben wird: „Keine Jugendfreigabe (FSK ab 18)“. Ein letztes Beispiel, das ich hier unbedingt anführen möchte, weil es sich um einen bei Deutschlernenden häufig anzutreffenden Fehler handelt, betrifft die Abschlussformel eines Briefes oder eines Vortrags. Förmlich und im diplomatischen Verkehr heißt es auf Rumänisch „un salut cordial“, das heißt „vom Herzen“, wobei hier dieses vom lateinischen Substantiv „cor, cordis“ abgeleitete bildungssprachliche Adjektiv der alltäglichen Wendung „din inimă“ vorgezogen wird. Im Deutschen hingegen wird die Grußformel „Mit herzlichen Grüßen“ in informellen Kontexten verwendet, denn die gängige Abschlussformel im formellen, stilistisch gehobenen Briefverkehr ist „Mit freundlichen Grüßen“, von Fremdsprachlern irrtümlicherweise durch „salut amical/prietenesc“ übersetzt. Grammatisch korrekt zu sprechen und zu schreiben ist zweifelsohne sehr wichtig, es reicht jedoch beim Erlernen von Fremdsprachen nicht, denn genauso wichtig – wenn nicht sogar viel wichtiger – für einen reibungslosen Kommunikationsprozess ist das, was in der Sprachwissenschaft als pragmalinguistische Komponente bezeichnet wird, also das, was man mit den sprachlichen Zeichen macht und wie man sie effektiv einsetzt, sodass es nicht zu Kommunikationsstörungen kommt. Solch scheinbar gegensätzliche Beispiele gibt es zuhauf in vielen Sprachen. Sie zu entdecken, sollte ein Ziel für Lernende von Fremdsprachen sein.