--- title: "Zugebissen: Wir sind gerettet!!!" url: "https://adz.news/artikel/artikel/zugebissen-wir-sind-gerettet" author: "Roger Pârvu" date: "2026-09-16" modified: "2026-09-16" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Zugebissen: Wir sind gerettet!!! ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/csm_Zugebissen_Roger_Parvu_81e14b6364.jpg) Aus der Vogelperspektive dümpelt die Krise in Rumänien so vor sich hin: Die politische Lähmung hält an, die Wirtschaft röchelt, und der Mathematiker im Elfenbeinpalast verkündet, WIR könnten uns die Ernennung einer Regierung nicht mehr leisten. Ein bemerkenswerter Satz, wenn man bedenkt, dass WIR uns in den letzten vier Monaten offenbar leisten konnten, keinen Premier zu nominieren. Doch Rumänien wäre nicht Rumänien – dieses Land der Protorömer, der Wiege der Latinität, des Ursprungs der Weltgeschichte –, wenn es nicht für alles eine Lösung hätte. Eine Lösung, die unglaublich simpel ist: Die Nationalflagge. Die Partei mit dem Edelmetallnamen hat dafür sogar ein Gesetz entworfen. Ein Gesetz, das so detailliert ist, dass man vermuten könnte, die Autoren hätten sich in einem Zustand legislativer Ekstase gegenseitig die Paragraphen zugeflüstert. Die erste Parlamentskammer hat es mit Stimmen aus allen Farben des politischen Regenbogens durchgewunken. Sollte das Gesetz auch die Abgeordnetenkammer passieren – und das ist in diesem Land nicht unwahrscheinlich –, dann hat Rumänien endlich alles, was ihm fehlte: einen Platz der Trikolore. In jeder Stadt soll ein solcher Platz entstehen. Darauf ein 30 Meter hoher Fahnenmast, zusammengesetzt aus fünf Segmenten, vermutlich damit man ihn leichter transportieren kann, falls die nationale Erleuchtung einmal woanders stattfinden muss. Daran eine Flagge von 300 mal 200 Zentimeter, die im Wind flattern und über der Nation wachen soll. Am 25. Juni – dem Vorabend des Nationalfeiertags der Flagge – wird das heilbringende Tuch um 18:00 Uhr in die Kirche getragen. Dort ruht es, wie ein liturgisches Haustier, bis zum nächsten Tag. Dann wird es erneut hervorgeholt und in einer religiösen Zeremonie besungen, bebetet und beweihräuchert. Das Gesetz enthält sogar den exakten Gebetstext. Überraschend ist nur, dass die Orthodoxe Kirche dazu schweigt, obwohl sie sonst auf jeden Versuch, ihre internen Angelegenheiten zu berühren, reagiert wie ein Igel, dem man über den Rücken streicht. Nach der religiösen Szene folgt die militärische. Der Ablauf ist gesetzlich festgelegt, bis ins letzte Detail: die Gesten der Pfarrer, die Position der Offiziere, die Haltung der Soldaten, die Reihenfolge der Würdenträger. Alle müssen in einem Abstand von drei Metern stehen, streng nach Rang und Würde sortiert – damit sich keiner vordrängeln kann. Dann MÜSSEN sie die Flagge küssen. Das Verweigern des Kusses kostet bis zu 10.000 Lei. Das Fernbleiben gilt als Amtsmissbrauch und wird strafrechtlich verfolgt. Man stelle sich die Szene vor: Ein Bürgermeister, der der Flaggenkusszeremonie fernbleibt, wird in Handschellen abgeführt wie ein Kleinkrimineller. Rumänien 2026. Dann wird die Hymne gesungen, die Flagge wird gehisst. Ein weiterer Artikel schreibt vor, dass die Parade so organisiert werden muss, dass niemand der Flagge den Rücken zukehrt. Man fragt sich, ob die Flagge beleidigt wäre, wenn man es täte. In Ortschaften ohne Militäreinheit übernimmt der Bürgermeister die Zeremonie, unterstützt von speziell ausgebildeten Freiwilligen. Spätestens hier erkennt man die „Bildungskomponente“ des Gesetzes: Man bildet Menschen dafür aus, eine Flagge korrekt zu küssen. Ein Land, das seine Prioritäten kennt. In den Schulen beginnt der Tag ebenfalls mit einer Zeremonie: Pfarrer oder Religionslehrer küssen die Flagge, dann der Schulleiter, dann ausgewählte Schüler. Dass an diesem Tag üblicherweise Ferien sind oder die Bakkalaureatsprüfung stattfindet, spielt keine Rolle. Das Heil der Nation duldet keine Ausreden. Öffentliche und private Sender müssen mindestens 30 Minuten Sendezeit pro Tag diesem volksrettenden Ereignis widmen. Sonst droht eine Strafe von bis zu 20.000 Lei. Damit wissen wir endlich, was zu tun ist. Wir sind gerettet!!! Es lebe der Flaggenkuss!!!