--- title: "Radautz – eine Stadt an der Schnittstelle verschiedener Kulturen" url: "https://adz.news/artikel/artikel/radautz-eine-stadt-an-der-schnittstelle-verschiedener-kulturen" subtitle: "Zwischen mittelalterlicher Fürstenstadt, habsburgischer Vergangenheit und den bemalten Klöstern der Bukowina" author: "Arthur Glaser" date: "2026-10-18" modified: "2026-10-16" category: "Startseite" language: "de" site: "Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien" --- # Radautz – eine Stadt an der Schnittstelle verschiedener Kulturen ![](https://adz.news/fileadmin/user_upload/01_Innenansicht_roemisch-katholische_Kirche_mit_beeindruckenden_Wandmalereien..jpg) *Römisch-katholische Kirche mit Wandmalereien* **Wer Radautz/Rădăuți besucht, fährt meist nicht allein wegen der Stadt hierher. Die Kleinstadt im Norden des Kreises Suceava liegt abseits der großen touristischen Ströme, zugleich aber mitten in einer der geschichtsträchtigsten Landschaften Rumäniens. Von hier sind es nur wenige Kilometer zu den Klöstern Sucevița und Putna, nach Marginea mit seiner berühmten schwarzen Keramik und in die Wälder des Buchenlands. Doch Radautz selbst lohnt einen Aufenthalt. Denn nur wenige Orte der Region erzählen auf so engem Raum von der wechselvollen Geschichte der Moldau und der Bukowina.** Radautz wirkt wie eine ruhige rumänische Provinzstadt mit breiten Straßen, Parks und niedrigen Häusern. Erst beim genaueren Hinsehen treten die verschiedenen Schichten her-vor: orthodoxe Kirchen und ein katholischer Sakralbau, ein jüdischer Tempel, ein traditionsreiches Gymnasium, österreichisch geprägte Architektur und Denkmäler moldauischer Fürsten. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1392. Die Geschichte des Ortes reicht jedoch weiter zurück. Untrennbar verbunden ist der Ort mit Bogdan I., dem Gründer des mittelalterlichen Fürstentums Moldau. Sein Name begegnet dem Besucher schon wenige Schritte vom Stadtzentrum entfernt – und zwar nicht nur auf Straßenschildern. **Eine Stadt für den zweiten Blick** Die zweitgrößte Stadt des Kreises Suceava ist kein Ort, den man unbedingt an einem Nachmittag „abhaken“ muss. Seine Besonderheit erschließt sich eher beim Spaziergang. Vom Zentralpark mit der orthodoxen Kathedrale führen kurze Wege zu historischen Gebäuden, der jüdischen Synagoge, dem ethnografischen Museum und weiter zur katholischen Kirche und nach Bogdana. Zwischendurch begegnet man Cafés, Geschäften und dem alltäglichen Leben einer rumänischen Kleinstadt. Gerade diese Mischung macht den Reiz aus. Der Ort überzeugt als historisches Mosaik. Hier beginnt die Geschichte mit den moldauischen Fürsten, setzt sich unter den Habsburgern fort, führt zu Deutschen, Juden, Polen und Ukrainern und reicht bis zur heutigen rumänischen Bukowina. Wer von Radautz aus weiterfährt, sucht meist die berühmten Klöster. Wer sich jedoch etwas Zeit für die Stadt nimmt, entdeckt einen Ort, der selbst ein Stück Bukowina ist. **Wo die Moldau ihren Anfang nahm** Die Kirche „Sfântul Nicolae“ des Klosters Bogdana gehört zu den ältesten erhaltenen Sakralbauten der Moldau. Ihre Entstehung wird mit Bogdan I. verbunden, der im 14. Jahrhundert als Begründer des unabhängigen moldauischen Fürstentums gilt. Die Kirche wurde zugleich zur Grablege der ersten moldauischen Herrscher. Wer durch das Tor des Klosterareals tritt, verlässt für einen Moment das moderne Radautz. Hinter den Mauern steht ein Bau, dessen Geschichte bis in die Frühzeit des moldauischen Staates reicht. Die schlichte Außenarchitektur täuscht dabei über die Bedeutung des Ortes hinweg. Bogdana war nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein Symbol der politischen Entstehung Moldaus. Die Verbindung zwischen Radautz und den moldauischen Fürsten begegnet Besucherinnen und Besuchern wenige hundert Meter weiter erneut: Das Reiterstandbild von Bogdan I. erinnert im Stadtgebiet an jenen Herrscher, dessen Name untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. Doch die Stadt ist weit mehr als eine mittelalterliche Fürstenstadt. Einen großen Teil seines heutigen Charakters erhielt der Ort erst Jahrhunderte später. **Die Bukowina der Habsburger** 1775 kam die Bukowina unter österreichische Herrschaft. Damit begann für Radautz eine neue Epoche. Die Stadt entwickelte sich zu einem Verwaltungs-, Handels- und Bildungszentrum. Menschen verschiedener Herkunft ließen sich hier nieder: Rumänen, Deutsche, Juden, Polen und Ukrainer prägten gemeinsam das gesellschaftliche Leben. Besonders deutlich wird die habsburgische Vergangenheit an der „Herghelia Rădăuți“, dem staatlichen Gestüt. Es wurde 1792 unter österreichischer Herrschaft gegründet und diente zunächst vor allem der Pferdezucht für militärische Zwecke. Die Geschichte des Gestüts ist eng mit der Entwicklung der Stadt verbunden und erinnert daran, dass die Bukowina einst eine wichtige Grenzregion des Habsburgerreiches war. Auch das traditionsreiche Colegiul Național „Eudoxiu Hurmuzachi“ erzählt von dieser Epoche. Das historische Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Gymnasium nahm 1872 den Unterricht auf – zunächst in deutscher Sprache. Erst später wurde das rumänische Bildungswesen zum bestimmenden Faktor. Für Besucher ist das Gebäude damit mehr als eine Schule. Es steht exemplarisch für eine Zeit, in der Deutsch in Radautz eine wichtige Sprache von Verwaltung, Bildung und Bürgertum war. **Faszinierende Wandmalereien** Nur wenige Städte können ihre Geschichte so deutlich anhand ihrer Gotteshäuser ablesen. Neben der mittelalterlichen orthodoxen Bogdana-Kirche steht die römisch-katholische Kirche „Geburt der Heiligen Jungfrau Maria“ für eine andere Bevölkerungsgruppe der historischen Bukowina. Von außen erscheint sie schlicht. Doch beim Betreten überwältigt sie den Betrachtenden mit farbenfrohen Malereien, die einen fesseln. Die Kirche entstand im frühen 19. Jahrhundert und erinnert an die katholische und deutschsprachige Bevölkerung, die während der habsburgischen Herrschaft in die Region kam. Zusammen mit dem alten Gymnasium, dem Gestüt und den Spuren österreichischer Verwaltung bildet sie ein Gegengewicht zum Bild der Bukowina als ausschließlich rumänisch-orthodox geprägten Kulturlandschaft. **Das Erbe des jüdischen Lebens** Noch eindringlicher wird diese multikulturelle Vergangenheit beim Großen Jüdischen Tempel. Das imposante Gebäude wurde 1883 eingeweiht. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete die jüdische Bevölkerung einen bedeutenden Teil der Stadtgesellschaft. Zeitweise lebten mehrere Tausend Juden in Radautz. Sie waren Händler, Handwerker, Unternehmer, Ärzte und Angehörige freier Berufe. Es gab Geschäfte, Vereine, Schulen und religiöse Einrichtungen. Die jüdische Gemeinde war ein integraler Bestandteil des städtischen Lebens. Heute erinnert der Tempel an eine Welt, die durch den Holocaust weitgehend ausgelöscht wurde. Wer vor dem Gebäude steht, sieht deshalb nicht nur ein historisches Bauwerk. Er steht zugleich vor einem Zeugnis der verschwundenen jüdischen Bukowina. **Ein Stück Bukowina im Museum** Wer verstehen möchte, wie die Menschen in dieser Region tatsächlich lebten, sollte anschließend das Ethnografische Museum „Samuil Și Eugenia Ioneț“ besuchen. Das Museum im Stadtzentrum bewahrt traditionelle Kleidung, Keramik, Werkzeuge, Haushaltsgegenstände, religiöse Objekte und zahlreiche Zeugnisse des ländlichen Lebens. Die Sammlung entstand aus der Sammelleidenschaft des Lehrerehepaars Samuil und Eugenia Ioneț. Offiziell wurde das Museum 1934 eröffnet. Hier wird die Bukowina weniger als politische Landschaft denn als Lebenswelt sichtbar: Bauernhäuser, Handwerk, Trachten, Holz, Wolle und Ton erzählen von einer Kultur, die über Generationen weitergegeben wurde. Ein besonders schönes Bindeglied zwischen Museum und Gegenwart findet sich wenige Kilometer außerhalb der Stadt. **Schwarze Keramik** In Marginea, rund zehn Kilometer von Radautz entfernt, wird bis heute die berühmte schwarze Keramik hergestellt. Die Gefäße erhalten ihre charakteristische dunkle Farbe durch ein spezielles Brennverfahren und werden traditionell ohne Glasur gefertigt. Marginea eignet sich deshalb hervorragend als kurzer Abstecher. Besucher können Töpfern bei der Arbeit zusehen und Keramik direkt bei den Werkstätten erwerben. **Zu den Klöstern der Bukowina** Radautz eignet sich zugleich als Ausgangspunkt für eine Tour zu einigen der bedeutendsten mittelalterlichen Klöster Rumäniens. Das Kloster Sucevița liegt etwa 20 Kilometer entfernt. Seine Kirche, die Ende des 16. Jahrhunderts entstand, ist von einer nahezu vollständig erhaltenen Außenmalerei umgeben. Die Darstellungen machen Sucevița zu einem der großen Kunstdenkmäler der Bukowina. Noch stärker mit der rumänischen Nationalgeschichte verbunden ist Putna. Das Kloster wurde im 15. Jahrhundert von Stefan dem Großen gegründet. Der Fürst, der in der rumänischen Erinnerung zu den bedeutendsten Herrschern des Landes zählt, wurde hier 1504 beigesetzt. Putna ist deshalb zugleich Kloster, Pilgerort und nationales Erinnerungszentrum. Auch Arbore gehört zu den bemalten Klöstern der Region. Wer weiter nach Süden fährt, kann schließlich Voroneț erreichen, dessen intensiv leuchtendes „Voroneț-Blau“ zu den bekanntesten Motiven der Bukowina gehört. Sucevița, Arbore und Voroneț sind außerdem Teil des UNESCO-Weltkulturerbe Rumäniens. Radautz liegt an einer Schnittstelle: Die Stadt selbst erzählt die politische und gesellschaftliche Geschichte der Region, während die Klöster ihre religiöse und künstlerische Tradition bewahren.