Das verschwundene Viertel von Schäßburg

Konrad Arz berichtet über die „Mühlgasse“

Das Buch von Konrad Arz vor der heutigen „Strada Morii“ Fotos: Valentin Brendler

Die heutige „Strada Morii“, die an diesem Punkt noch teilweise mit der historischen Mühlgasse übereinstimmt.

Das historische Mühlgassen-Viertel in Schäßburg/Sighișoara wurde zerstört. Das ist die zentrale These des Buches „Die Mühlgasse in Schäßburg. Eine Chronik der Straße“, das Konrad Arz im Jahr 2025 im Eigenverlag herausgebracht hat. Dabei zeigt er die Geschichte der Gasse und dem zugehörigen Viertel auf, bis zu seiner Zerstörung durch den kommunistischen Systematisierungsplan, wie er es beschreibt. Dabei wird er im Text durchaus direkt und verurteilt das Vorgehen der kommunistischen Führung. Das ist aber auch verständlich: 35 Jahre seit seiner Geburt hat er eigenen Angaben nach selbst in der Stadt gelebt. Mit dem Buch möchte er an das historische Viertel erinnern.

Doch wo liegt eigentlich die Mühlgasse und das besagte Viertel? „Die Mühlgasse gehört zum Kern der Altstadt von Schäßburg“, wie Arz beschreibt, ist aber nicht Teil der historischen und bekannten Burg. Sie liegt davor und schlängelt sich ungefähr im Osten an der Burg entlang. Das historische Viertel umfasst den kleinen Markt (heute: „Piața Octavian Goga“), die heutige „Strada Morii“ (ehemals die Mühlgasse), die heutige „Strada Octavian Goga“ (ehemals die Große Mühlgasse) und ging bis zur „Strada 1. Decembrie“ (ehemals Baiergasse). 

Namentlich ist die historische Mühlgasse – die wie gesagt in ihrer ursprünglichen Form größtenteils nicht mehr existiert – nur noch in der „Strada Morii“ (Mühlenstraße) wiederzuerkennen. Arz merkt aber an: „Die Bezeichnung ‘Strada Morii’ ist (...) fragwürdig. Die richtige Übersetzung von ‘Mühlgasse’ ins Rumänische wäre: ‘Ulița Morii’“. 

Vor 500 Jahren entstand das Viertel

Das Viertel entstand nach und nach am Ende des 15. Jahrhunderts, so Arz. Die Burg war zu der Zeit der Mittelpunkt des politischen und sozialen Lebens. Es gab jedoch nach einiger Zeit nicht mehr genug Platz. Also erweiterte sich Schäßburg über die Mauern hinaus. Im Mühlgassen-Viertel lebten damals vor allem Handwerker, die das Wasser für ihre Arbeit benötigten. Arz beschreibt weiter, es gab: „Lohnmüller, Müller, Schmied(e) oder Brauttuchschneider, aber auch die Seifensieder, die Gerber und Lederer lebten hier, da ihr Handwerk einen strengen Geruch verbrei-tete(n)“.

So existierte und wuchs das Viertel organisch über hunderte Jahre. Alles änderte sich jedoch nach den Überschwemmungen vom 2. und 3. Juli 1975. Danach wurde laut Arz „der Systematisierungsplan für Schäßburg rücksichtslos, kopflos und ohne Verständnis für Architektur und Geschichte durchgesetzt.“ 

Und Arz musste das alles mitansehen. „Ab Sommer 1977 erlebte ich die schrittweise Zerstörung der Mühlgasse mit. Meine Familie musste aus der Brückengasse in die Mühlgasse umziehen, denn unser geerbtes Haus, den ‘Bur’, hatte man auf hinterhältige Weise enteignet und abgerissen“, schreibt er im Buch.

Der Verlust Jahrhunderte alter Architektur

„Auf der Staßenseite wurden die Fassaden der Häuser eingerissen. In den Gärten und Höfen entlang des durch die Überschwemmung veränderten Flussbettes der Kokel begannen unlogische Erdarbeiten (…). Man vernichtete unwiderruflich die Mühlgasse und das Mühlgassen-Viertel. Im Mai 1985 verließ ich Schäßburg“, erklärt Arz im Text. Er zog nach Deutschland, kam aber immer wieder in seine Heimatstadt zurück. „Bei jeder Reise nach Schäßburg stellte ich traurig fest, dass wieder ein Stück der vertrauten Mühlgasse verschwunden war.“

Und auch nach der Wende, nach 1989, kam in seinen Augen keine direkte Besserung: „Nach dem unerwarteten Ende der sozialistischen Ära wurde die Zerstörwut 1989 abgebrochen. Es fehlte plötzlich das Geld. Flächen wurden mit restlichem, auslaufendem Geld durch unsinnige Bauten gestopft“. 

Das historische Viertel existiert nicht mehr und wird auch aktuell nicht rekonstruiert. Es existiert nur noch in Erinnerungen, wie von Konrad Arz, und in Fotos, von denen der Autor zahlreiche gesammelt und in seinem Buch abgedruckt hat.

Anhand von diesen erzählt er die Geschichte des Viertels nach. Vor allem zeigt er auf, was vor der Zerstörung da war und was nach den Abrissen übrig geblieben ist.

Tief traurig und erschüttert

„Ich bin/war erschüttert und tief traurig, was man der einmaligen Stadt Schäßburg angetan hat aus Unwissen, Verachtung und ideologischem Wahnsinn“, erklärt der Autor auf Nachfrage der ADZ. Auch deswegen hat er sich die Mühe gemacht, jahrelang zu recherchieren, Gespräche zu führen, Archive zu besuchen und das Buch zu schreiben und zu layouten. 

Dafür habe er sechs Jahre gebraucht und in der Zeit hat er Schäßburg natürlich auch oft besucht. „Aufnahmen machen, bestimmte Stellen in der Mühlgasse aufsuchen, aktuelle Bestandsaufnahmen überprüfen, Besuch der Dokumentarbibliothek“, und vieles mehr war laut ihm Teil der Arbeit. Denn der Autor hat einen hohen Anspruch an sein eigenes Werk: „Bei einem kulturgeschichtlichen Thema muss man sehr sorgfältig arbeiten“.

Warum nimmt er all die Arbeit auf sich?

Doch warum nimmt Arz all das auf sich? „Würden Sie nicht auch die Geschichte Ihrer Heimatstadt aufzeichnen, wenn Sie dort die architektonischen, kulturellen, geschichtlichen und sozialen Veränderungen miterleben? Würde es sich Ihnen nicht lohnen, den nachfolgenden Generationen eine miterlebte Geschichte zu hinterlassen?“, antwortet er der ADZ auf Nachfrage rhetorisch. „Die Zerstörungen der Ceaușescu-Ära  gehören zur Chronik der Straße, sind ein Teil der Geschichte und müssen für die nachkommenden Generationen gezeigt und beschrieben werden“, erklärt er weiter.

Dies hat Arz in seinem Buch getan.  Dennoch ist er nicht ganz zufrieden: „Leider ist wenig Interesse an dem Buch. Von den vielen Bewohnern der Mühlgasse, die ich persönlich kenne, haben sich drei Leute für das Buch interessiert.“

Doch falls Interesse bestehen sollte: Einige Exemplare wurden bis vor Kurzem noch in der Buchhandlung „Hyperion“ in Schäßburg verkauft. Womöglich gibt es noch welche auf Rumänisch und Deutsch. Ansonsten ist das Buch aktuell nicht mehr erhältlich. Arz möchte keine weiteren Exemplare drucken lassen.