Ein Chorkonzert, das zu Herzen ging

Der Gewandhauschor aus Leipzig in der Schwarzen Kirche | Foto: Steffen Schlandt

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys achtstimmiger Motette „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ begann in der Schwarzen Kirche von Kronstadt/Bra{ov am Abend des 9. Juli ein Chorkonzert der Ausnahmeklasse. Unter Leitung von Gregor Meyer gastierte der Gewandhauschor aus Leipzig in der Zinnenstadt und schlug das zahlreich erschienene Publikum vom ersten Augenblick an in seinen Bann.

Die Gäste hatten sich den Applaus nach jedem Stück verbeten und so konnte man den Ablauf nahtlos, in größeren Zusammenhängen konzentriert genießen. Es ging bunt, doch nicht beliebig durch verschiedene Chorstile. Auf zwei Motetten von Heinrich Schütz folgten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Chor bewies Vielseitigkeit und entwickelte eine enorme Spannweite in der Dynamik. Wann haben wir so leise, aber intensive Klänge in der Schwarzen Kirche gehört? Glasklar wie die Intonation war die Aussprache des Ensembles, das rund ums Taufbecken, an einem akustisch sehr guten Ort Aufstellung genommen hatte.  

Zwei Orgelwerke strukturierten den Ablauf. Theresa Heidler brachte die große Buchholz-Orgel zum Klingen, indem sie nach dem temperamentvollen „Elijah Rock“ des Chores Dietrich Buxtehudes spannungsvolle Toccata in d und gegen Ende des Programms eine selten zu hörende Studie in kanonischer Form von Robert Schumann spielte. „Innig“ hieß diese Miniatur und die gewählten Klänge an der nicht einfach zu spielenden Orgel machten dem Werk alle Ehre.

Von Abschied und Schmerz, oft melancholisch in modale Harmonien gehüllt, war im Mittelteil die Rede. Auf Mendelssohns berühmten „Abschied vom Walde“ folgte „Vorüber“ von Agnes Tyrrell und in beeindruckender Klangqualität das emblematische Stück einheimischer Chormusik: Ernst Irtels „Siebenbürgische Elegie“. Woran sich Chöre hierzulande beinahe die Zähne ausbeißen, klang leicht, glockenrein und völlig unpathetisch in der Interpretation des Gewandhauschores.  

Dem „Hontertstreoch“ von Hermann Kirchner fehlte nicht die Zartheit, doch ein wenig die siebenbürgische Schwermut. Übergangslos und mit viel Temperament entführte der Chor in den Norden Deutschlands mit „Dat du min Leevsten büst“ in einem geistreichen Arrangement seines Dirigenten.

Den Abend beschloss das „Vaterunser“ von Rudolf Mauersberger, dem berühmten Chorleiter des Dresdner Kreuzchors  in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Danach verteilten sich die rund drei Dutzend Musizierenden im Raum und füllten diesen mit Arvo Pärts „Da Pacem Domine“, einer Musik, die mit wenigen Tönen auskommt, schwebend im Raum ruht und darum umso eindrücklicher wirkt. Möge der Allerhöchste diese Bitte erhören!

Begeisterung und große Anerkennung brandete mit dem Schlussapplaus auf. Dankbar für ein Programm, das die Herzen erreicht hatte, erhob sich das Publikum klatschend und nahm wieder Platz, als der Gewandhauschor eine Zugabe bot.

Und was haben sie am Schluss gesungen? War nicht alles schon gesagt? Die Schreiberin dieser Zeilen kann nicht ermessen, wie es bei den nicht Deutsch sprechenden Menschen angekommen ist, das Kindergebet „Müde bin ich, geh zur Ruh“. So einfach als Text von Luise Hensel, so innig vertont von Johannes Muntschick, so sanft gesungen vom Chor, entließ es uns in den Abend. Auf der Straße lächelte man sich zu: auch ich war dabei, auch meiner Seele hat dieses Konzert außerordentlich gutgetan.