Gewaltig, einzigartig, höchst fragil: das Donaudelta

Sachbuch und Bildband vereint atemberaubende Naturfotografien, umfassende Fakten, inbrünstige Warnungen vor Zerstörung

Christoph Robiller · Christoph Unger, „Im Donaudelta und in den Steppen der Dobrudscha“, Natur + Text Verlag Rangsdorf 2026, 228 Seiten · Hardcover · 24 × 22 cm, 197 Fotos · 18 Naturfilmsequenzen, ISBN 978-3-942062-78-7 · 34,00

Es geschah vor etwa 8000 Jahren: Das Mittelmeer brach durch den Bosporus ins hundert Meter tiefer liegende Schwarze Meer. Es überflutete das Tieflanddreieck zwischen Galatz, Prymorske und Dunavățu de Sus. In die neu entstandene Meeresbucht mündet die Donau. Auf 2860 Kilometern sammelt der Fluss Schwemmmaterial und Sedimente und schiebt sie vor sich her, ergießt sie ins Meer. Die Landschaft verändert sich ständig: Flussarme werden zu Binnengewässern. Brack- und Süßwasserseen, Sandbänke und Inseln entstehen.  Angeschwemmte mächtige Lössschichten aus den Eiszeiten formen die Donau um. Aus dem einzigen Sfântu Gheorghe-Arm zweigen weitere Arme ab. Versanden, verlanden, bis das Wasser sich wieder Bahn bricht. Ein Wechselspiel, das sich bis heute im Kleinen vollzieht. Zurückgelassen hat es eine bunte Landkarte aus dunkelblauen Seen, Auwäldern, Kanälen und ausgedehnte Schilfbeständen: das Donaudelta.

Und eine gigantische, aber höchst fragile Biodiversität. Lebensformen fassen Fuß auf dem schwankenden Teppich aus losgerissenen, frei treibenden, verlandeten Schilfinseln (rumänisch: plauri) und Seerosenblättern. Wer den Fuß auf eine solche vermeintlich feste Insel setzt, kann erleben, wie sie zurückweicht, fällt metertief ins Wasser, und die Insel schwappt zurück und schließt die Lücke augenblicklich, als wäre nichts geschehen. Keine Chance, aus dem schwimmenden Wurzeldickicht an die Oberfläche zu gelangen... 

„Wer ins Delta fährt, der fährt ins Vergessen“, sagt ein altes Sprichwort der Donaufischer. 

Ein Staunen und ein Mahnen

Doch nicht das Gruseln will es lehren, dieses zauberhafte Buch, sondern das Staunen. Und die Ehrfurcht vor diesem Naturwunder, dem verbale Superlative nur dürftig gerecht werden: 1800 Quadratkilometer Schwemmland, bedeckt von Schilf, bis zu sechs Metern hoch, das größte zusammenhängende Schilfgebiet der Erde! 5800 Quadratkilometer insgesamt, 3477 auf rumänischem, der Rest auf ukrainischem Gebiet. 4178 stehen unter Naturschutz. Dazwischen: Bis zu 12 Meter hohe Sanddünen. Der subtropische Letea-Urwald. Salzwiesen und Salzsteppen. Faszinierende Biodiversität: fleischfressende Schlingpflanzen, deren Fangblasen in zwei Millisekunden zuschlagen – eine der schnellsten Bewegungen im Pflanzenreich. Die griechische Baumschlinge mit weißbehaarten violetten Blüten, in der Mitte ein gelbes Nebenkrönchen. Die Sägeschrecke, die sich nahezu ausschließlich parthenogenetisch vermehrt, weshalb es fast nur Weibchen gibt. Der Steppenrenner – ein Künstler der Abkühlung unter den Amphibien, verbreitet bis in die Wüste Gobi in der Mongolei.

Aber auch: „Flächen, die mit Förderung der Europäischen Union ungebrochen und folgend intensiv genutzt werden – eine Entwicklung, die gerade in den vergangenen 20 Jahren besonders an Fahrt aufgenommen hat“, warnen die Autoren von „Im Donaudelta und in den Steppen der Dobrudscha“, Christoph Robiller und Christoph Unger. Und: Moderne, hochmotorisierte Boote, die in jagende Pelikanverbunde brettern, um Touristen das Spektakel auffliegender Vögel zu bieten. Die Maßlosigkeit der Sportfischerei. Intensive Beweidung. Verschlechterung der Wasserqualität. Die Vertiefung des ukrainischen Donauarms für die Schifffahrt. Und ein immer niedriger Wasserstand, weil Anrainerstaaten ihre Felder aus der Donau bewässern. Hinzu kommt eine „häufig wechselnde, politische statt wissenschaftliche, zu wenig dem Naturschutz verpflichtete Reservatsleitung“, kritisiert Dr. J. Botond Kiss vom Danube Delta National Institute for Research and Development im Geleitwort.

Fragile Gleichgewichte, Rettung möglich

Spektakuläres wechselt mit Erschütterndem. Da-zwischen: Zum Niederknien schöne Fotos. Seltenheiten wie die Beutelmeise beim Füttern ihrer Jungen, die aus einem hängenden Nest gucken, das aussieht wie eine verfilzte Wollsocke. Wahrscheinlich einzigartig: das Foto ihrer Paarung. Ein großer Teil des Bildbands widmet sich der Fisch- und Vogelwelt, den Reptilien, den Insekten, den Steppenräumen der Dobrudscha als Reste einer artenreichen Kulturlandschaft – die Nymphe einer Östlichen Haubenfangschrecke auf einer Steppen-Pfingstrosenknospe; die Krabbenspinne mit erbeuteter Wildbiene auf der gelb-rot leuchtenden geöffneten Blüte. Wie lang muss man auf der Lauer liegen, um derartige Spektakel zu bannen? Den Karsttälern und Steppenwäldern mit ihrem hohen Totholzanteil, der eine artenreiche Schmetterlings- und Käferfauna begünstigt. Das Foto des Männchens der roten Röhrenspinne: feuerrotes Abdomen, schwarze Beinchen, haarig, lauert es in zehn Zentimeter tiefen, mit Spinnenseide ausgekleideten Wohnröhren. 

Im Măcin-Gebirge dann die Spezialisten trockener Lebensräume: Schlangen, Echsen, Landschildkröte. Und ein unscheinbarer Vogel, der ausschließlich Steppen und Halbwüsten bewohnt: der Isabellschmätzer, der in verlassenen Zieselbauen nistet und dessen Vorkommen eng an die Zieselpopulation gebunden ist. Durch die Zerstörung der Steppenflächen und dem damit einhergehenden Verschwinden der Ziesel ist er stark bedroht, warnen die Autoren. Aber auch dem endemischen Rumänischen Hamster setzen zunehmende Agrarmonokulturen zu: Pufferstreifen mit Wildvegetation könnten sein Überleben sichern.

Immer wieder wird auf fragile Gleichgewichte hingewiesen. Oft würden kleine Maßnahmen reichen, um einer Art zu helfen, etwa die Sicherung von Höhleneingängen mit einem Gitter zum Schutz der Fledermäuse, die aus touristisch stark besuchten Höhlen fast vollständig verschwunden sind. Die aber sachgemäß erfolgen muss, damit das Versperren des Eingangs nicht das Mikroklima verändert. 

Eine weitere große Gefahr für die Fledermäuse stellen Windkraftwerke dar. Die hochgelobte Quelle erneuerbarer Energien erweist sich als fatal auch für Zugvögel, befindet sich die Dobrudscha doch im wichtigsten Migrationskanal. Ein Teil der Tiere wird durch Rotorblätter erschlagen. Ein anderer fällt dem sogenannten Barotrauma zum Opfer: durch den Druckabfall hinter den Rotorblättern platzen den Fledermäusen die Lungen. Das Abschalten der Windmühlen während der Zugphasen könnte die Anzahl der Todesopfer deutlich verringern, raten die Autoren. Und werben mit zauberhaften Flugaufnahmen unweigerlich für Sympathie für diese bizarren, bedrohten Wesen: das Kleine Mausohr, die Langfußfledermaus, die Große und Mehely-Hufeisennase, die Wasserfledermaus – Tiere, die mit den Händen fliegen, wie ihr griechischer Name verrät: Chiroptera.

Immer noch ein Vogelparadies, aber...

Ein großer Teil des Buches widmet sich der Vogelwelt. Mit rund 360 Vogelarten, davon 174 als Brutvögel, ist das Donaudelta ein wahres Vogelparadies. Für durchziehende Vögel stellt es einen wichtigen Tritt-stein dar. Das „Wahrzeichen“ des Donaudeltas, der Rosapelikan, wies noch Mitte des 19. Jahrhunderts einen Bestand von Millionen Brutpaaren auf. Doch haben ihnen Fischer erbarmungslos zugesetzt: Drohnenzählungen zufolge gibt es noch etwa 16.000-19.000 Brutpaare. Durch die Vogelgrippe, aber auch die Aufhebung der Sperrung von Schutzzonen in Kanälen und Seen sowie der Obergrenze für die Stärke der Bootsmotoren 2015 zugunsten von Tourismus und Fischerei, ist die Zahl der viel selteneren Krauskopfpelikan-Brutpaare sogar auf 300 bis 250 abgesunken. Dringend müssten die Schutzzonen, die es in den 1990er Jahren gab, wieder eingeführt und die Einhaltung der Verbote durch Ranger des Biosphärenreservats kontrolliert werden, empfehlen die Autoren. 

Unter dem Foto der Brutkolonie im Razim-Sinoe-Lagunenkomplex, eröffnet ein QR-Code den Zugang zu einer beeindruckenden gefilmten Szene. Solche QR-Codes finden sich an verschiedenen Stellen im Bildband und ergänzen den visuellen Eindruck. Das Do-naudelta bewegt sich – und lebt! 

Manche Vögel besetzen bizarre Nischen: Etwa die Weißbart-Seeschwalbe, die auf dem schwankenden Schwimmpflanzenteppich aus Seerose, Wassernuss und Krebsschere brütet. Leider führt der Schnellbootverkehr durch Wellen zu argen Verlusten an Gelegen und Jungvögeln. Der Braune Sichler hingegen ist gegen eine Absenkung des Wasserspiegels besonders empfindlich, etwa durch Ausbaggern von Donauarmen für die Schifffahrt; immerhin gibt es noch 1000 bis 1400 Brutpaare. Gute Nachrichten auch für den Löffler. Sein Bestand gilt derzeit als ungefährdet.

Säugetier-Protagonisten 

Wie kommt der Schakal ins Donaudelta? Goldschakale sind in den vergangenen 50 Jahren verstärkt aus der Ukraine eingewandert und besetzten die freigewordene Nische des stark bejagten, inzwischen ausgerotteten Wolfs. Er profitiert nicht nur von den Beutetieren des Wolfs, sondern vor allem von unsachgemäß entsorgten Hausabfällen.

Was ist mit den früher so häufigen schwimmenden Wildschweinen passiert? Ihr Bestand ist aufgrund der Afrikanischen Schweinepest stark zurückgegangen.

Gibt es auch ursprünglich nichtheimische Tiere? Ja, der Marderhund, er wurde in den 1950er Jahre wegen seines Fells in der Ukraine ausgesetzt und ist von dort ins Delta eingewandert. Bedrohlich für den extrem selten gewordenen einheimischen Europäischen Nerz ist der aus Amerika eingeführte Mink. Seine Population ist allerdings stark zurückgegangen.

Wie, Katzen sind wasserscheu? Nicht die Wildkatze im Delta, die selbst in feuchtesten Bereichen überlebt und sich als gewandter Schwimmer entpuppt. 

Über 40 Säugetierarten, von der Wasserspitzmaus bis zur Fledermaus, leben heute im Donaudelta.

Umweltfaktor Mensch

Zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert, als das Delta zum Osmanischen Reich gehörte, blieb es so gut wie unberührt, schreibt Botond Kiss. 

Dies hat sich gründlich geändert. Doch nicht immer war das Vorhandensein des Menschen negativ. Die Diversität, die über die Jahrhunderte entstand, schuf das erstaunlichste ethnische Mosaik Europas mit Minderheiten wie Lipowanern, Ukrainern, Türken und Tataren. Die einst traditionelle Bauweise – schilfgedeckte Häuser aus ungebrannten Lehmziegeln – stand im Einklang mit der Natur. Wurde das Haus verlassen, verfiel es zu Erde.

Ein ganzes Kapitel widmet sich den Veränderungen durch den Menschen seit der Gründung der Europäischen Donaukommission zur Regelung der Schifffahrt 1856 in Sulina. Der Höhepunkt der Zerstörung: als während der sozialistischen Planwirtschaft 1960 bis 1986 rund 20 Prozent des Feuchtgebiets trockengelegt wurden. Das ganze Donaudelta sollte industrialisiert werden, so der Plan von Ceaușescu. Ein Papierkombinat in Brăila verarbeitete bereits Riesenmengen an Schilf zu Material für Schrift und Druck... 

Die Rettung der Natur war der Zusammenbruch der subventionierten Betriebe durch die freie Marktwirtschaft, diagnostizieren die Autoren. Doch das brachte andere Probleme: aus großen landwirtschaftlichen Betrieben wurden zahlreiche Pferde herrenlos. Zu diesen als Schädlinge an der natürlichen Vegetation gesellen sich heute die von der EU stark subventionierten, frei beweglichen Kühe. Und seit Rumäniens Beitritt zur EU haben große Agrarkonzerne aus Westeuropa, den USA und China die Federführung in der Kornkammer Rumäniens übernommen. Mit all den bekannten negativen Folgen für die Natur.


Arten-Verzeichnisse

Ein QR-Code bietet Zugang zu den Listen der im Donaudelta vorkommenden Arten zum Download: 

- Säugetiere: 75 Arten
- Amphibien und Reptilien: 30 Arten
- Vögel: 372 Arten

www. naturlichter.de bietet zahlreiche weitere Fotografien und Informationen.


Die Autoren

Dr. Christoph Robiller ist Facharzt für Radiologie und Nuklearmedizin und Chefarzt der Zentralklinik Bad Berka. Seit der Jugend befasst er sich mit Naturfotografie, ist Autor mehrerer Bücher und Mitarbeiter an Fernsehproduktionen als Naturfilmer. Er hält regelmäßig Vorträge über Naturschutz.

Dr. Christoph Unger ist Biologe in Jena und war 10 Jahre lang Mitarbeiter für Artenschutz in der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Hildburghausen in Südthüringen. Heute ist er Kurator für Ornithologie am Naturkundemuseum Erfurt und Vorsitzender des Vereins der Thüringer Ornithologen.