Nur all zu oft wird der Begriff „kafkaesk“ in Situationen verwendet, die den Erlebnissen des Angeklagten Josef K. aus Kafkas „Der Prozess“ ähneln: die Erfahrung einer absurden, lebensfeindlichen und sich verselbständigenden Bürokratie. Geschildert wird der Versuch eines Mannes, ein völlig rätselhaftes Ereignis, die eigene Verhaftung, zu bewältigen und aufzuklären. Doch wie würde eine umgekehrte Situation aussehen?
Matei Vișniec bietet in seinem Roman „Herr K. befreit“ eine neue Perspektive und versetzt den verwirrten Herrn K. in eine umgekehrte Situation hinein. Es sei das Gegenteil und gleichzeitig „eine Hommage an Kafkas Werk“, wie der Schriftsteller selbst seinen Roman definiert. In seinem Buch gibt Vișniec Herrn K. seine Freiheit zurück.
„Eines Morgens wird Kosef J. befreit“, mit diesen Worten beginnt Vișniecs Roman. Dabei ist keine Erleichterung oder Freude bei Herrn K. zu deuten, wenn er eines Tages plötzlich und ohne jegliche „Warnung“ erfährt, dass er befreit wird. Ungeschickt nimmt er die Nachricht an, weil er eigentlich mit der Freiheit nichts anfangen kann. Er muss noch warten, bis alle Unterlagen und Genehmigungen fertig sind. Stärker denn je versucht er sich in der Zwischenzeit den anderen Häftlingen zu nähern und hat Gewissensbisse, da er plötzlich von den Wächtern, die ihn früher schlugen, nun höflich und nett behandelt wird. Die Bedeutung der Freiheit kennt Herr K. nicht, niemand hat es ihm beigebracht, wie man „frei sein soll“. Daher kann Herr K. sein Wohlbefinden und seine innere Wärme weiterhin nur in der Haftzelle Nummer 50 finden. Und daher ist auch die geheime Flucht der Häftlinge anders, als man es sich normalerweise vorstellen würde: Sie flüchten nicht in die Welt, sondern ins Unterirdische, wo sie das Gefühl haben, dass sie frei sind. Geschickt weist Matei Vișniec seiner Gestalt einen Teil seiner eigenen Gefühle und Ängste zu, die er 1987 bei seiner Auswanderung nach Paris selbst erlebte. „Als ich in die französische Hauptstadt kam, erlebte ich einen Schock: den Freiheitsschock. Es war, als ob ich aus einem Gefängnis raus kam und nicht wusste, wie ich mit meiner Freiheit umgehen soll“, so Vișniec.
