Die Krähen wissen, wo das Herz wohnt

Anton Sterbling legt mit „Ungewissheiten heimwärts fliehender Krähen" ein melancholisches, kluges und streckenweise meisterhaftes Buch vor. Eigentlich ist es eine erfrischende Sommerlektüre.

Man sollte dieses Buch nicht unterschätzen. Es ist schmal, beinahe unscheinbar. Doch wer glaubt, hier einige Gedichte für einen ruhigen Sommernachmittag zu finden, irrt. Anton Sterbling hat ein Buch geschrieben, das lange nachwirkt. Ich habe es an einem Nachmittag gelesen und am Abend noch einmal begonnen. Das geschieht selten. Sehr selten. Anton Sterbling gehört zu jenen Autoren, die nichts mehr beweisen müssen. Als Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat, später als Soziologe und Hochschullehrer in Deutschland, kennt er Macht und Ohnmacht gleichermaßen. Seine Literatur lebt genau aus dieser Spannung. Sie ist nie sentimental, aber voller Erinnerung. Nie laut, aber von großer Eindringlichkeit.

 

Das vereiste Gedächtnis der Krähen

Was hat es mit den Krähen dieses Buches auf sich? Sie sind keine Dekoration, sie sind sein Wappentier und sein Deutungsschlüssel. Seit Odin seine Raben Hugin und Munin, Gedanke und Gedächtnis, ausschickte, seit Trakls schwarzen Vögeln, ist der Krähenflug in der Dichtung ein Bild für das Denken selbst, das ausfliegt und heimkehrt, und für den Tod, der es begleitet. Sterbling dreht dieses uralte Emblem nun auf seine, auf die Emigrantenweise: Seine Krähen fliehen „heimwärts", aber die Heimat, der sie zustreben, gibt es nicht mehr. Im Titelgedicht, datiert auf den 16. März 2024, heißt es: „Wenn man zu weit weg gegangen ist / und nicht mehr zurück kann, / da es die Spuren nicht mehr gibt / zu den eigenen Spuren“, dann bleiben die verlorenen Bilder nur noch „in ihrem vereisten Gedächtnis / der heimwärts / fliehenden Krähen …“. Man lese diese Verse zweimal: Die Krähen sind hier das ausgelagerte Gedächtnis der Vertriebenen, Tiefkühlarchive der Erinnerung, und „vereist“ ist dieses Gedächtnis, weil niemand mehr da ist, der es auftauen könnte. Das ist große, konzentrierte Lyrik. Und im Gedicht „Die Krähen, die weisen …“ wird der Vogelzug zum Abschiedszeremoniell eines ganzen Landstrichs: Die Krähen „fliegen und kreisen” über den Weingarten, „den bald verwaisten”. Der Reim von „weisen” auf „verwaisten” deutet an, dass Weisheit letztlich nichts anderes ist als das bewusste Erleben von Verlassenheit. „Noch suchen die Gedanken / die Weisheit der Krähen, in den Kellern, / im Dunkel des gärenden Weins, / der verklungenen Flüge, / des Sommers, / der Sehnsucht.“ Dass dieser Lyriker auch anders kann, härter, karger, beweist „Deportation 1945", das Gedicht über die Verschleppung der Banater Deutschen in die Sowjetunion: „Dunkle Wolken zieh'n / mit den nordostwärts fahrenden Zügen / wie eine Ahnung des Todes.“ Und dann die Toten in der „eiserstarrten Erde", wieder das Eis!, darunter „der toten Väter, die nie ihre / noch ungeborenen Söhne / kennen werden“. Kein Kommentar, keine Anklage, nur die kreisförmige Wiederkehr der ersten Strophe am Schluss, als führen die Züge noch immer. Daneben das Temeswar-Gedicht „Ungewissheiten dieser Stadt“, dem Weggefährten Richard Wagner zum Siebzigsten gewidmet: „In dieser Stadt gehen wir / durch die Jahrhunderte / wie durch verschiedene Länder, / verschiedene Sprachen, / ständig auf Missverständnisse / und Irrtümer zu.“ Und die Pointe, die ich mir einrahmen möchte: „In dieser Stadt warten wir vergeblich, / auf das Ende der Kunst.“ Schöner ist der Vielvölkerstadt Temeswar selten gehuldigt worden und wahrer: Denn, dass die Kunst dort nicht endet, wo die Deutschen gegangen sind, das ist ja die unausgesprochene Hoffnung dieses ganzen Buches. Und der Soziologe? Er meldet sich in den Armenleute-Gedichten zu Wort, doch siehe da: als Dichter. „Vom Umzug armer Leute“ beginnt mit einer Beobachtung von beinahe brechtscher Lakonie: „Wenn arme Leute / einziehen und ausziehen, / wenn arme Leute / ein- und ausziehen müssen.“ Das unscheinbare „müssen” am Strophenende trägt die ganze Last. Und im Schwestergedicht „Über das Elend armer Leute" heißt es von den Armen, sie könnten sich „nicht mehr verbergen“ und wüssten zugleich, „dass sie schuldig gemacht werden, / für das zunehmende Elend“. Sie schämen sich, „dass sie immer mehr werden“, denn: „überall sind sie schon zu viele, / viel zu viele arme Leute.“ Das ist Sozialanalyse im Gedicht, ohne ein einziges Fachwort, die Beschämung der Armen als letzte Stufe ihrer Enteignung.

 

Undine am Wörthersee

Die Erzählung „Eine unbedachte Begegnung am Wörthersee” ist ein Kabinettstück von altmodischer Eleganz. Ein alternder Schriftsteller wird von einer Frau an den See bestellt, die aussieht wie seine vor siebzehn Jahren spurlos verschwundene Geliebte Anna Katharina. Nur weißhaarig. Diese Anna Katharina hatte einst eine Devise, die den Kern des Buches enthält: „Ich begleite Dich bis zum Schwimmbecken, schwimmen musst Du aber allein.“ Welch ein Satz! Förderung ohne Gnade, Liebe ohne Bürgschaft und zugleich, natürlich, eine Wasser-Metapher, die auf Undine vorausweist. Denn eines Tages bringt Anna Katharina eine junge, blasse, blonde Frau mit nach Hause und stellt sie vor mit den Worten: „Nenne sie Undine”. Jahrzehnte später hält die weißhaarige Wiedergängerin dem Erzähler ein Manuskript vor, das er nie aus dem Haus gegeben hat: „Die Endlosigkeit der Grenze oder Undine geht wieder“ und fährt ihn an: „Dein Text zeigt mir, dass Du überhaupt nichts über Undine weißt, nichts von all dem begriffen hast!“ Hier ist alles doppelbödig: Die Wasserfrau Fouqués und Giraudouxs, die den treulosen Mann richtet, kehrt wieder als Richterin über ein „progressives“, „emanzipiertes“ Paar der Bundesrepublik; und der Titel des fiktiven Manuskripts verrät, dass die Grenze, jene Grenze, der Sterbling vier Gedichte widmet, für den Emigranten endlos ist: Man überquert sie einmal und dann nie wieder ganz. Wie das Phantastische ins Alltägliche sickert, ist meisterlich gemacht: schwarze Katzen, zwei Ausflugsschiffe, die „das erste Mal seit über hundert Jahren” auf dem Wörthersee zusammenstoßen, und der ungeheuerlichste Satz des Buches, beiläufig hingesagt beim Kaffee: „Auf eines dieser Schiffe wollte ich mit Dir gehen, dort hätten wir auch Undine getroffen und wären zusammen auf den Grund des Wörthersees gesunken. Aber es soll doch anders kommen, habe ich mir gerade überlegt.“ Dann legt sie das Geld für ihren Kaffee auf den Tisch, den Kuchen rührt sie nicht an, und geht grußlos. E.T.A. Hoffmann hätte daran seine Freude gehabt.

 

„An die Arbeit, Professor!“

Die zweite Erzählung, „Das Charisma des Diktators“, ist der politische Ernstfall des Bandes. Ein Geschichtsprofessor, Verfasser einer Studie über Max Webers Charisma-Konzept, folgt nach dem Zusammenbruch seiner Ehe einer obskuren Einladung in einen autoritären Staat und wird dort in einer bewachten Villa genötigt, eine mindestens achthundertseitige Führerbiografie zu schreiben, auf exakt 1200 nummerierten Blättern, von denen keines „abhandenkommen“ darf. Die Audienz beim Staatsführer, vermutlich einem Doppelgänger, dauert einen einzigen heiseren Befehl lang: „An die Arbeit Professor, an die Arbeit!“ Sterbling führt hier vor, wie Sprache unter der Diktatur verwest: Der Gefangene kompiliert „dogmatisches ideologisches Gesäusel“ und wer aufgemerkt hat, erinnert sich, dass im Gedicht „Sich im Dunkel verlierende Wortgestalten“ von den „Rüstungen des Gesäusels“ die Rede war. Das Wort wandert vom Liebesgedicht in die Folterkammer der Propaganda: So genau, so bewusst ist dieses Buch komponiert. Die grimmigste Pointe: Im Straflager ist das einzige Buch, das der Professor lesen darf, sein eigenes Werk. Und die traurigste Figur ist Eva, Geliebte und Bewacherin in einem, die ihn an der Grenze verabschiedet: „Das ist er, unser Gast. Dieses Mal geht es wohl in ein anderes Gästehaus mit ihm. Dort werde ich nicht mehr benötigt.“ Der Brief der Tochter schließlich, der mit den Worten endet: „Ich habe Angst …“, reißt die Parabel ins Reale: Ceaușescus lange Arme, jeder Banater weiß davon. Kafka, gewiss, aber ein Kafka, der die Diktatur nicht träumte, sondern überlebte. Eigentlich, das ist Kafka in einer Banater Deutung, „Das Schloss" unter den Palmen der Macht, und zugleich, jeder wird es merken, eine Parabel auf Ceaușescus Rumänien und auf jeden Staat, der Wissenschaftler zu Hofschreibern dressiert. Die grimmige Pointe, der Gefangene darf im Lager nur ein einziges Buch lesen: sein eigenes Machwerk, gehört zum Besten, was mir seit Jahren an politischer Groteske begegnet ist. Hier zeigt sich, was Satire vermag, wenn sie aus Erfahrung gespeist und durch Form gebändigt wird: Sie belehrt nicht, sie entlarvt. Dass der Erzähler nie den Ton hebt, dass er die Ungeheuerlichkeiten im Plauderton eines Bildungsbürgers berichtet, macht den Schrecken nur größer. Und welch eine Figur ist diese Eva, Gefährtin und Bewacherin in einem, zärtlich und undurchschaubar, deren letzter Satz an der Grenze zu den kältesten und traurigsten dieses Buches gehört. So schreibt nur jemand, der die Diktatur nicht aus Archiven kennt, sondern aus der eigenen Haut. Und zum Schluss, noch eine Bemerkung: Egal ob Prosa oder Gedichte, durch das ganze Buch geistert das Motiv des Doppelgängers: zwei Anna Katharinas, zwei Ausflugsschiffe, ein gedoppelter Diktator, und am Ende weiß der Held nie, ob die Frau neben ihm „die von vor siebzehn Jahren“ ist oder „die von vor vier Monaten“. Das ist keine Marotte, das ist die Poetik des Emigranten: Wer auswandert, verdoppelt sich, einer bleibt zurück, einer geht. Und die Krähen pendeln zwischen beiden. Was bleibt? Ein reiches, ein weises, ein wunderbar menschliches Buch, dessen Krähen man nicht mehr vergisst. Sie fliegen heimwärts, gewiss, und finden die Heimat nicht. Aber dieser Autor hat sie gefunden: in der Sprache. Dort ist Anton Sterbling, das beweist jede Seite, längst angekommen, als Erzähler, den man lieben muss.