Teil I
„Die Welt braucht auch Antihelden“. Dieser Satz, der eigentlich die Pointe eines Witzes darstellt, den die neue Freundin eines wohlhabenden russischen Geschäftsmanns beim Abendessen erzählt und der aus dem in Cannes preisgekrönten Film „Minotaur“ des Regisseurs Andrej Swjaginzew stammt, könnte das Motto der 25. Auflage des Internationalen Filmfestivals „Transilvania“ (TIFF) darstellen. Denn viele Filme, die ich zwischen dem 12. und dem 21. Juni beim Festival in Klausenburg sah, handelten von Antihelden, von Außenseitern, von Verlierern. Die Geschichten vom Scheitern zogen sich wie ein roter Faden durch das diesjährige Festivalprogramm. Und zogen Tausende von Zuschauern in ihren Bann. Die Filme haben gezeigt: Superhelden sind langweilig. Die Welt braucht Geschichten über unperfekte Menschen. Geschichten, die von Grauzonen handeln.
An seinem 25. Jubiläum hat sich TIFF zu einem der wichtigsten Kulturevents in Rumänien etabliert. Zu den Highlights dieser Edition zählen der regnerische Eröffnungsabend mit Nadia Com²neci auf dem Hauptplatz im Herzen der Stadt, der neue Almodovar-Film „Bitter Christmas“ in der märchenhaften Kulisse des Banffy-Schlosses in Bon]ida, der Brunch auf der Terrasse des „Casa TIFF“ mit einem Menü inspiriert vom Film „The Golden Spurtle“, in dem es um eine Porridge-Weltmeisterschaft in einem schottischen Dorf geht, die Filmlegende Ornela Muti im Studenten-Kulturhaus, der nach frischem Kaffee duftende Kinosaal „Victoria“ bei den Vormittagsvorstellungen um 10 Uhr, die Zeitschrift „Aperitiff“, die an jedem Festivaltag erscheint und in der man täglich herausfinden kann, welche Filme sich auf den ersten Plätzen der Publikumswahl befinden, die Leute, die sich auf der Straße, in den Bussen und Trams, in Bars und Parks über Filme unterhalten. TIFF war immer nahe am Publikum. Und gerade deshalb erhielt bei der Abschlussgala im Klausenburger Nationaltheater eine Zuschauerin einen Preis. Seit 25 Jahren hat sie keine einzige Auflage des Festivals verpasst und hat dabei über 300 Filme gesehen.
Kino ist ein Erlebnis – zwei Stunden lang im Dunkeln vor einem riesigen Bildschirm, man ist mitten drin in einer Geschichte, zusammen mit Hunderten von anderen Menschen.
Forrest Gump auf der rot-gelb-blauen Bank
„Noch immer hier. Seit 25 Jahren“ – so lautet der diesjährige Slogan des Festivals. Das Werbeplakat zeigt einen Mann, der auf einer in den Farben der rumänischen Nationalflagge angestrichene Bank sitzt. Es ist eine Anspielung auf die Bank, auf der die beliebte Filmfigur Forrest Gump mit einer Schachtel Pralinen sitzt und jedem der dort wartenden Personen aus seinem ereignisreichen Leben erzählt. Die in den Farben Rot, Gelb und Blau angestrichene Bank sieht genau so aus, wie die Bänke in Klausenburg vor 25 Jahren, die der damalige ultra-nationalistische Bürgermeister Gheorghe Funar anstreichen ließ. Heute muss man über diese Bänke schmunzeln, gleichzeitig erinnert man sich an die Zeit, in der Regisseur Tudor Giurgiu und der Filmkritiker Mihai Chirilov auf die Idee kamen, ein internationales Filmfestival in Klausenburg zu organisieren. Damals war die Stadt am Somesch grau und etwas düster, es gab zwar ein reges Studentenleben, aber wenige kulturelle Events. Die Leute gingen ins Kino, aber eher zu Blockbustern und weniger zu europäischen Filmen. Doch Jahr für Jahr hat es das Festival geschafft, das Publikum zu erziehen und heute sind auch europäische Kunstfilme gut besucht. Das ist eine große Errungenschaft in den Zeiten von Netflix & co.
In einem Interview in der Zeitschrift Aperitiff erinnert sich Mihai Chirilov, der unermüdliche Festivalkurator, an die erste Auflage des Festivals. Damals hat man die Verfilmung des Romans von Elfriede Jelinek „Die Klavierspielerin“ im Studentenkulturhaus gezeigt. „Es gab so schockierende Szenen, dass ein paar Frauen aus dem Publikum ohnmächtig geworden sind. Das hat sich dann herumgesprochen. Dann kamen immer mehr Leute in die Kinos“. Gerade einmal 40 Filme zeigte man beim Festival im Jahr 2022. Heute sind es über 200 pro Auflage.
Warteschlangen, große Hits und viele Erinnerungen
Im Jahr der ersten TIFF-Edition lebte ich als Studentin in Klausenburg. Ich habe das Festival aber verpasst. Seit 2006 sind die 10 Tage im Juni in meinem Kalender eingekreist: komme, was wolle, das Festival verpasse ich nicht. 20 Jahre seit meinem ersten TIFF steht auf dem Klausenburger Hauptplatz die rot-gelb-blau angestrichene Bank bereit. Man kann sich setzen und fotografieren lassen. Dabei begibt man sich auf eine Zeitreise in die 2000er Jahre. Und zieht seine eigene TIFF-Bilanz.
Bilder und Erinnerungen kommen plötzlich hoch: 2006, als ich im voll ausgebuchten Victoria-Kino auf dem Boden saß und fast atemlos dem Film „A fost sau n-a fost“ von Corneliu Porumboiu über die Revolution 1989 in Vaslui folgte. Der Film Lunatic des tschechischen Regisseurs Jan Švankmajer, der mir auch nach 20 Jahren nicht aus dem Kopf geht. Die Warteschlangen vor dem Florin-Piersic-Kino im Jahr 2007, als der Film 4 Monate, 2 Wochen und 3 Tage von Cristian Mungiu die Goldene Palme in Cannes erhalten hatte und Leute aus dem ganzen Land nach Klausenburg reisten, um ihn vor der Premiere im Herbst zu sehen. Die Zeiten, in denen man einen Film schaute und danach die Schauspieler Kaffee trinkend auf einer Terrasse unter den Linden auf dem Hauptplatz erspähen konnte. Den koreanischen Thriller „Train to Busan“ im Kino im Stadtviertel M²r²{ti. Das Corona-Jahr 2020, in dem man die Filme nur im Freien zeigen konnte. Die kalten Augustnächte, als wir mit der Hoteldecke in die Filmvorführungen auf Schulsportplätzen gingen und die Party mit Schutzmasken, wo nur wenige Leute anwesend waren – richtige Fans, so wie früher. Das Popcorn im Piersic-Kino, das ausgezeichnet schmeckt. Die Abende im Lokal „Vărzărie“, vielleicht das einzige Lokal, das sowohl zu Beginn des Festivals als auch heute noch existiert.
Teil II
Über 200 Filme und Veranstaltungen, 1000 Gäste und 130.000 Besucher. Das sind die Zahlen der 25. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Transilvania, das für 10 Tage im Juni Klausenburg in die rumänische Filmhauptstadt verwandelt hat. Die 10 Tage sind für Kinofans wie Weihnachten mitten im Sommer. Sie beginnen mit einem Cappuccino aus dem Pappbecher bei den Vormittagsveranstaltungen in den Kinos Victoria, Astra oder Florin Piersic und enden oft nach Mitternacht im Kinosaal bei einem Wettbewerbsfilm, auf dem Hauptplatz bei einer Freilichtveranstaltung oder auf einer Terrasse im Stadtzentrum, wo man sich mit Freunden und Bekannten über die Filme, die man gesehen hat, unterhält.
„Ich bin jetzt beim TIFF, ich kann nicht reden”, flüstert eine ältere Dame ins Handy. Die Projektion im Florin-Piersic-Kino, dessen Saal mit 729 Plätzen der größte staatliche Kinosaal Rumäniens ist, hat gerade begonnen. Kaum ein Platz ist noch freigeblieben. DieserAnblick lässt jeden Filmliebhaber das Herz höher schlagen – denn der beste Ort, um Filme zu sehen, ist und bleibt der Kinosaal. In diesen Momenten ist man sicher, dass das Kino den Kampf mit den Streaming-Anbietern nie verlieren wird. Denn wo ist es schöner, in eine andere Welt einzutauchen, als im Kino? Bei Filmen, die Fragen stellen. Die aufmerksam machen auf die Welt, und die Menschen, die um uns herum sind. Oder bei denen man einfach die Welt um sich herum vergisst. Bei denen man sein Handy ausschaltet und für 120 Minuten dem Alltag entflieht. Vor einer großen Leinwand.
Über den Tod, doch verblüffend lebens-bejahend: Die Idylle
Es gibt viele Antihelden im niederländischen Film, der ironisch „Die Idylle“ genannt wird. Im Mosaikdrama in der Regie von Aaron Rokus begleiten wir mehrere Generationen einer dysfunktionalen Großfamilie, die alle nach dem Glück suchen, es aber nie so richtig finden. Doch viel-leicht ist es wichtiger im Leben, das Glück zu suchen, als es zu finden.
Der Film beginnt mit einer Speed-Dating-Veranstaltung. Victor, der sich endlich mit über 40 Jahren und nach einer langen Beziehung mit einer Frau outet, bemerkt, dass es auf dem Dating-Markt nicht gerade leicht ist. In der nächsten Szene lernen wir seine Schwester kennen. Die geschiedene Operndiva Annika erhält gerade eine unheilbare Krebsdiagnose und beschließt, ihr Leben neu zu erfinden. Dann folgt die Geschichte von Joke, der Großmutter der beiden Geschwister. Diese will nur das eine: endlich sterben. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, versucht sie erstmals, sich beim jungen und exotischen Pool-Reiniger Hilfe zu holen. Ihr Sohn, der Vater von Victor und Annika, ist depressiv und befindet sich in einem Heim. Dann lernen wir einen 10-jährigen Jungen kennen. Timo erfährt gerade von einer Wahrsagerin in seinem Alter, dass er nur noch sieben Tage zu leben hat. Deshalb will er so schnell wie möglich seine Bucket-List abhaken. Doch wer ist Timo? Wer sind seine Mutter und sein Vater und welchen Bezug haben sie zu Annika?
Eines haben die fragilen und besonders liebenswerten Figuren des Films gemeinsam: sie alle müssen lernen zu akzeptieren, dass kein Weg vor ihnen vorgezeichnet ist.
Und die Zuschauer folgen ihnen gebannt und denken dabei an ihre eigene Suche. Ein Film über den Tod und über Verlust, der verblüffend lebensbejahend ist. Und dessen Ende, als die beiden Geschwister eine Videobotschaft entdecken, die ihr Vater vor mehr als vier Jahrzehnten bei der Geburt von Victor aufgenommen hat, kaum ein Auge trocken ließ.
Eine ungewöhnliche Freundschaft
Ein Antiheld, der jedem in Erinnerung bleiben wird, der den spanischen Film „Maspalomas“ in der Regie von Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga bei TIFF gesehen hat, ist der 76-jährige Vicente. Vor 25 Jahren hat er Frau und Tochter verlassen, um ein freies und erfülltes Leben als homosexueller Mann auf der Insel Gran Canaria zu führen. Zwischen Sonne, Strand und ausgelassenen Partys im Urlaubsort Maspalomas genießt er die Unabhängigkeit, die er sich spät im Leben erkämpft hat. Doch ein Schlaganfall reißt ihn abrupt aus diesem Alltag. Seine Tochter bringt ihn zurück nach San Sebastián, wo er in einem Pflegeheim untergebracht wird. In der ungewohnten Umgebung zieht sich Vicente zurück und verschweigt aus Angst erneut seine sexuelle Identität. Damit droht er zu dem verbitterten und einsamen Mann zu werden, der er nie sein wollte. Erst die Begegnung mit seinem neuen Mitbewohner, ein eher konservativer alter Mann, gibt ihm letztendlich den Mut, sich nicht zu verstecken. Maspalomas ist ein Film, über seelische und körperliche Eingrenzungen, über ausgelöschte Identitäten, darüber, wie schwierig es ist, sich in manchen Umgebungen zu behaupten, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, und darüber, wie leicht es sein kann, alles zu verlieren, was man bereits erobert hat. Der Film spiegelt den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Konformität wider und zeigt, wie Einsamkeit und Angst vor Ablehnung dazu führen können, dass sich ein Mensch weigert, sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Doch manchmal entsteht Freundschaft ganz unerwartet und zwischen komplett verschiedenen Menschen. Und schenkt neuen Mut. „Maspalomas“ zeigt, dass man nie in Schablonen denken sollte. Nie Menschen in „Schubladen“ stecken sollte. Nie „Etiketten“ setzen sollte. Denn die Welt, in der weir leben, ist nie schwarz oder weiß. Sondern immer grau. Und die Schönheit des Lebens besteht oft in den unerwarteten Momenten.
(Fortsetzung folgt)







