Über berühmte Menschen wissen wir gewöhnlich zu viel.
Wir kennen ihre Häuser, ihre Reisen, ihre Freunde. Fotografien zeigen sie beim Essen, bei Empfängen, im Urlaub. Nach ihrem Tod bleiben Briefe, Nachbarn, Kollegen und Erinnerungen zurück.
Bei Ion Mihai Pacepa geschah beinahe das Gegenteil.
Je berühmter sein Name wurde, desto unsichtbarer wurde der Mensch, der ihn trug.
Das war kein Zufall. Es war das Ergebnis einer Entscheidung, die im Sommer 1978 begonnen hatte. Nicolae Ceaușescus ehemaliger Geheimdienstgeneral war in die Vereinigten Staaten geflohen und zum Tode verurteilt worden. Die Securitate suchte ihn. Die Amerikaner mussten deshalb nicht nur einen Überläufer schützen. Sie mussten ihm ermöglichen, auf Dauer ein anderer zu werden.
Nach Jahren intensiver Befragungen begann das schwierigere Experiment: ein normales Leben.
Aber was bedeutet „normal“, wenn der eigene Lebenslauf geheim bleiben muss?
Pacepa konnte einem neuen Bekannten nicht erzählen, was er beruflich wirklich getan hatte. Er konnte nicht beiläufig von früheren Kollegen sprechen. Er konnte nicht in einer rumänischen Gemeinschaft auftauchen und hoffen, dass niemand ihn erkannte. Ein Foto konnte gefährlicher sein als eine falsche Adresse.
So entstand ein amerikanisches Leben, dessen wichtigste Eigenschaft seine Unauffälligkeit war.
Ausgerechnet darin liegt heute das Problem des Historikers.
Wo genau lebte Pacepa?
Wir wissen es nicht mit Sicherheit.
Und vielleicht stellen wir damit die falsche Frage.
Entscheidend ist weniger, wo er lebte, als wie er lebte: so, dass sich Jahrzehnte später kein lückenloser Weg rekonstruieren lässt.
Allmählich entstanden dennoch kleine Risse in der Unsichtbarkeit. Menschen, denen Pacepa vertraute, lernten Teile seines wirklichen Lebens kennen.
Zu ihnen gehörte Ronald Rychlak, der spätere Mitautor von „Disinformation“. Aus seinen Erinnerungen erscheint ein Pacepa, der mit dem mächtigen General aus Bukarest kaum noch etwas gemeinsam zu haben scheint.
Da ist Mary Lou, eigentlich Cynthia, die amerikanische Frau an seiner Seite. Da sind Musik und Konzerte; sie spielte Viola. Da sind Baseballspiele der Baltimore Orioles und Tennis. Es gibt die Welt eines Yachtclubs und die unspektakulären Gewohnheiten eines amerikanischen Alltags.
Gerade diese Kleinigkeiten sind bemerkenswert.
Sie erzählen von einer zweiten Flucht, die viel länger dauerte als jene von 1978: der Flucht aus der eigenen Bedeutung.
Pacepa schrieb weiter. Schließlich erschien „Red Horizons“. Später folgten Artikel und weitere Bücher. Der Name Ion Mihai Pacepa kehrte damit in die Öffentlichkeit zurück.
Der Mann hinter diesem Namen tat es nicht.
Er konnte eine öffentliche Stimme besitzen, ohne eine öffentliche Person zu werden.
Das erzeugte eine merkwürdige Doppelwelt. Leser konnten seine Gedanken kennen, ohne zu wissen, wo der Autor am Abend zu Bett ging. Journalisten konnten über ihn schreiben, ohne ihn fotografieren zu können. Menschen konnten über seine Vergangenheit streiten, während seine Gegenwart verborgen blieb.
Selbst enge Mitarbeiter kannten ihn zunächst unter anderen Namen.
Nach Jahrzehnten des Versteckens muss die Möglichkeit, wieder als Pacepa sprechen zu können, eine eigentümliche Befreiung gewesen sein. Denn ein Deckname schützt zwar das Leben. Gleichzeitig zwingt er einen Menschen dazu, täglich einen Teil seiner eigenen Geschichte zu verleugnen.
Mit den Jahren veränderte sich auch die Gefahr. Ceaușescu war tot, das kommunistische Regime verschwunden, die Securitate aufgelöst. Doch Pacepa blieb vorsichtig.
Noch 2009, als er sich in Miami mit der rumänischen Fernsehjournalistin Lucia Hossu Longin traf, erschien er nicht einfach allein. Ein ehemaliger FBI-Mann, Wayne A. Barnes, begleitete ihn. Ronald Rychlak erinnerte sich später daran, dass Pacepa in seinen letzten Jahren seine Sicherheit lieber selbst organisierte und Menschen vertraute, die er kannte.
Aus staatlichem Schutz war persönliche Vorsicht geworden.
Vielleicht war das nach so vielen Jahrzehnten gar nicht mehr anders möglich.
Wer vierzig Jahre lang gelernt hat, dass Sichtbarkeit Gefahr bedeutet, wacht nicht eines Morgens auf und beschließt, wieder sichtbar zu werden.
So blieb Pacepas amerikanische Existenz bis zuletzt seltsam arm an den Dingen, aus denen gewöhnlich Biografien entstehen: keine bekannte dauerhafte Adresse, kein öffentliches gesellschaftliches Leben, keine Gemeinde, die ihn als prominenten Bürger beanspruchte.
Dafür gab es einen privaten Alltag.
Eine Frau.
Freunde.
Musik.
Sport.
Arbeit.
Schreiben.
Und Sicherheit.
Biografien erzählen normalerweise davon, welche Spuren ein Mensch hinterlassen hat.
Pacepas amerikanisches Leben erzählt auch davon, wie erfolgreich ein Mensch Spuren vermeiden konnte.
Mehr als vierzig Jahre nach seiner Flucht können wir noch immer nicht mit letzter Sicherheit sagen, wo Ion Mihai Pacepa all diese Jahre lebte.
Das ist keine bloße Lücke in seiner Biografie.
Vielleicht ist es der überzeugendste Beweis dafür, wie erfolgreich sein amerikanisches Verschwinden gewesen war.
Rüdiger von Kraus
(Leseprobe auf Deutsch aus dem in Kürze im Corint Verlag, Bukarest, in rumänischer Sprache erscheinenden Buch „Pacepa în America“)
