Der in diesem Jahr im Schiller Verlag Bonn-Sibiu erschienene, ziegelschwere Wälzer mit dem türkisblauen Einband von Dieter Brandes präsentiert sich im Titel allzu bescheiden: „Nationen, Kulturen und Religionen in Rumänien“ heißt das Werk, das Umschlagbild zieren zwei Kathedralen, und es handelt sich um eine vor vier Jahren geschriebene Dissertation in Theologie… Die Überraschung schlägt im Geleitwort zu: „Dieter Brandes beschränkt sich in seiner Forschung nicht auf die Analyse religiöser und ethnischer Konflikte der Vergangenheit, sondern schlägt einen Ansatz des Verstehens, der Versöhnung und der spirituellen Erneuerung vor, der durch das Prisma des theologischen und pastoralen Konzepts ‚Healing of Memories‘ (Heilung der Erinnerungen) vermittelt wird“, schreibt darin Erzbischof und Metropolit Andrei. Es handelt sich um ein Konzept, das in Südafrika entstanden ist und die Traumata der dort in der Kolonialzeit praktizierten Apartheit-Politik heilen sollte...
Als Pilotprojekt für einen europaweiten Ansatz wurde die Technik „mit besonderem Feingefühl auf die rumänischen Realitäten angewendet“ und „zu einem lebendigen Instrument für die Wiederherstellung von Vertrauen und Gemeinschaft zwischen Konfessionen, ethnischen Gruppen und Generationen“, schreibt der Metropolit weiter.
An dem Satz muss man sich erst einmal festbeißen: Ist es nicht genau das, was unsere durch Deportationen, Kommunismus, Enteignungen, Repressalien, Auswanderung und Arbeitsmigration vergangenheits-traumatisierte Gesellschaft – erneut gerade wieder zwischen Mainstream und Extremisten zerrissen – braucht? Das „brave“ theologische Werk entpuppt sich beim Durchblättern als Zündstoff im positiven Sinne. Wem das Schicksal der Gesellschaft in Rumänien am Herzen liegt, sollte sich die Lektüre nicht entgehen lassen. Vielleicht taugt sie als Idee für ein Revival, als Ansatz für ein breiteres, auch vom Staat getragenes Programm (in Kanada wurde genau das umgesetzt), zumindest aber als Augenöffner für der breiten Masse weniger bekannte „Therapiemethoden“. Und sicher ließe sich „Healing of Memories“, wie im vorliegenden Werk beschrieben, mit kleineren Abwandlungen auch in modernen Problemfeldern anwenden: Mobbing an Schulen, sexueller Missbrauch, Fremdenhass und Gewalt gegen Migranten…
Das trotz seiner Stärke und des wissenschaftlichen Stils auch für die Allgemeinheit lesenswerte Buch wurde im Juni im Hermannstädter Erasmus-Büchercafe (wo man es auch kaufen kann) und im Bukarester Schillerhaus von den Pfarrern Dieter Brandes und Jürgen Henkel im Namen der mitherausgebenden ökumenischen Gesellschaft „Ex fide lux“ vorgestellt.
„Healing of Memories“ – der Ansatz
Die Methode „Healing of Memories“ (HoM) ist ein personenzentrierter Versöhnungsprozess mit einem opferzentrierten Ansatz – im Gegensatz zum ursachenzentrierten Ansatz in der Strafjustiz. Die Methode hat ihren Ursprung in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Bei den ersten freien Wahlen 1994 fragte man sich dort: Wie geht man mit einer belasteten Vergangenheit um? Wie können die Grundbedürfnisse einer zuvor geteilten
Gesellschaft befriedigt werden? Zur Aufarbeitung der während der Apartheid begangenen Verbrechen wurde die „Truth and Reconciliation Commission“ (TRC) gegründet.
Der Schwerpunkt von HoM liegt auf dem Dialog zwischen Opfer und Täter und nicht auf Streit. Es geht nicht darum, dass jemand recht bekommt, sondern dass beide Seiten die Gelegenheit erhalten, einander ihre Perspektive zu schildern, subjektiv und ohne Kritik zu erhalten.
Weil Opfer und Täter Teil einer Gemeinschaft sind, kommt dieser im Versöhnungsprozess eine wichtige Rolle zu. So wuren die ersten HoM-Sitzungen unter den Augen der Öffentlichkeit abgehalten. Allerdings wurde schnell klar, dass dies kein geeigneter Raum für die Opfer-Täter Konfrontationen war. Um psychische Wunden zu verarbeiten, braucht es einen sicheren Schutzraum.
1998 wurde darauf in Kapstadt unter Desmond Tutu, Vorsitzender der TRC, das „Institute for Healing of Memories“ gegründet. Das Ziel des Instituts war, einen „Beitrag zur Heilung von Einzelpersonen, Gemeinschaften und Nationen“ zu leisten. Im ganzen Land wurden HoM-Workshops abgehalten.
Bald verbreitete sich die Methode auch in weiteren afrikanischen Ländern und schließlich auf anderen Kontinenten. Auf dem Weg dorthin wurden andere traditionelle Konflikttransformationsprozesse einbezogen, etwa Garaca aus Uganda, ein traditionelles Rechtssystem mit Schwerpunkt auf Erhaltung des Friedens statt Bestrafung. Das Ziel von Garaca ist eine mentale Täter-Opfer-Versöhnung durch Schuldanerkenntnis und Vergebung. Oder Mato-Oput, eine Zeremonie, in der die Konfliktpartner am Ende zusammen einen bitteren Trank aus Blättern des Oput-Baumes einnehmen, um die Bitterkeit der Vergangenheit hinter sich zu lassen.
„Healing of Memories“ erobert die Welt
In Australien wurde HoM von den Kirchen eingesetzt, um sich mit dem systematischen Völkermord an den Aboriginies auseinanderzusetzen. In Lateinamerika eröffnete die „Befreiungstheologie“ neue Wege für die Aufarbeitung des indigenen Völkern zugefügten Leids und zu ihrer Achtung. In Kanada begann der landesweite Aufarbeitungsprozess des Völkermords an den Ureinwohnern in den 1970er Jahren zuerst durch die Kirchen und wurde dann im 21. Jh. vom Staat aufgegriffen. Auch in Indien, Sri Lanka und Thailand gab es vorsichtige Schritte in diese Richtung. Nur die USA haben sich bis heute vor einem solchen Prozess in nennenswertem Umfang distanziert.
In Europa wird HoM zuerst in Nordirland und Norwegen aufgegriffen. In Skandinavien waren die Samen jahrhundertelangen Leidenssituationen ausgesetzt, in Nordirland hatte die Herrschaft des englischen Königreichs die Menschen seit sieben Jahrhunderten terrorisiert. Dort wird schnell klar, dass Vorurteile und Ausgrenzungen von Personen oder gesellschaftlichen Gruppen oft auf generationenübergreifenden Erinnerungen beruhen.
Rumänien als Pilotregion
In Südosteuropa wurde HoM erstmals 2004 eingeführt. Als Pilotregion wurde Rumänien ausgewählt, weil es konfessionelle, kulturelle, nationale historische Spannungsfelder aufweist, ohne dass es jedoch zu Gewaltexzessen kam. Nach der Gründung der ökumenischen Stiftung „Reconciliation in South Eastern Europe“ (RSEE) in Hermannstadt/Sibiu 2008 (erste Präsidenten der Stiftung waren der evangelische Bischof Dr. Christoph Klein, der orthodoxe Metropolit Lauren]iu Streza und der reformierte Bischof von Großwardein/Oradea, Istvan Csüry; erster Generalsekretär der Autor des vorliegenden Buches/der Doktorarbeit, Pfarrer Dieter Brandes, im Auftrag der Konferenz Europäischer Kirchen und des Weltkirchenrats) wurde dann in Kooperation mit den theologischen Fakultäten in Hermannstadt und Klausenburg/Cluj Napoca mit der Ausbildung von Mediatoren für HoM begonnen.
In den Workshops sollten diskriminierte ethnische, religiöse oder soziale Gruppen durch Storytelling und Storylistening im geschützten Raum und mithilfe der Dialogtechnik des radikalen Respekts und rückhaltlosen Gesprächs eine Stimme bekommen. Das Belastende durfte unwidersprochen ausgesprochen werden, das Gesagte den Raum nicht verlassen. Diskussionen darüber, ob die Wahrheit gesagt wurde, waren tabu. Denn Grundlage für die Versöhnungsarbeit ist nicht der Streit um die historische Wahrheit, sondern das eigene und fremde Erleben, Anteilnahme, und ein empathisch-verstehendes Aufeinanderzugehen.
Lange tradierte Verletzungen gründen sich in Rumänien z.B. auf Deportationen nach dem Frontwechsel im Zweiten Weltkrieg, Vertreibungen aus Bessarabien und der Bukowina, Judenpogrome, Unterdrückung und Verfolgung im Kommunismus, Benachteiligung der Dobrudscha-Rumänen in osmanischer Zeit, etc., aber auch z.B. Differenzen im Geschichtsverständnis wie bei der Kontinuitäts- und Migrationstheorie.
Die HoM-Workshops wurden von 2004 bis 2010 für historische Regionen mit unterschiedlichen traumatischen Ereignissen getrennt durchgeführt. Dabei sind je nach Zugehörigkeit zu einer kulturellen religiösen Gruppe auch generationenübergreifende Geschichtsbilder zutage gefördert worden, die teilweise in direktem Widerspruch zueinander stehen. Ein besonderes Ziel der HoM-Prozesse war auch, die eigene Bewertung und teilweise Überschätzung der Bedeutung historischer Ereignisse infrage zu stellen und damit Spannungen und Konflikte mit anderen Glaubengemeinschaften zu reduzieren.
Fazit
Das Buch geht ausführlich auf die verschienenen historischen Ereignisse ein, unter Berücksichtigung von Regionen, Ethnien, Religionen/Konfessionen, Konflikten, bis zurück in die Dakerzeit. Denn nicht nur die letzten Jahrzehnte sind prägend für die kultur-religiöse Identität von Einzelnen und Volksgruppen, sondern auch die „deep historical streams“, schreibt Brandes im Schlusskapitel. „Deshalb zählt zum versöhnten Miteinander auch der Respekt gegenüber den Vorgenerationen und deren erfahrenem Unrecht. Denn im kollektiven Bewusstsein werden eben Vorstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen über lange Zeit hinweg tradiert, die den Kontakt mit den ‚Anderen’ erheblich belasten können.“
„Nationen, Kulturen und Religionen in Rumänien“, Dieter Brandes, 2026, Schiller Verlag Bonn-Sibiu, ISBN 978-3-949583-77-3





