Glutrot geht die Sonne am Waldrand unter, ringsum das endlose Grün der Weinberge, Wiesen und Felder. Zwischen Rebenreihen, so gerade, dass man hindurch schießen könnte, schießt nur einer – der Fotograf, mit Kamera und Licht: Fängt Kinderlachen ein, harmonisches Stimmengewirr, Musik und Gesang. Bannt Talare, Abendkleider und Jeans zwischen Grillduft, Gläserklirren, Lichterketten und angeregten Gesprächen an ellenlangen Tischen – in vier Sprachen: Deutsch, Rumänisch, Ungarisch und Sächsisch. Ein kleines Mädchen flicht einen Blumenkranz, assistiert von der Frau eines Bischofs aus Deutschland, die Organistin übersetzt, setzt den Kranz auf den Kopf der Journalistin und die ungarische Bäuerin neben dieser lächelt. Kleine Glücksmomente für die Ewigkeit, die sich in den folgenden Tagen verdichten: Wenn wir einander besser kennenlernen, einander zu spüren beginnen, vereint vom Geist des guten Bogeschdorfer Weins...
Und der Geschichte Siebenbürgens: jahrhundertelanges freundliches Miteinander der Ethnien, die diesen Raum bewohnen – Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Ungarn und Roma. Eine selbstverständliche Plurikulturalität, ein freundliches „Ich bin Ich“ und „Du bist Du“, ein permanentes „Komm, wir wollen uns einander in Freundschaft zeigen“, oft ein „Komm, lass uns gemeinsam feiern“. So wie heute, auf der zweiten Ausgabe des Bogeschdorfer Wein- und Kulturfestivals vom 31. Juli bis 2. August, veranstaltet von den Familien Gaber und Fülöp, die eine lange Geschichte zu Geschäftsfreunden und Botschaftern dieser interethnischen Freundschaft werden ließ.
„Eine Botschaft, die wir so dringend brauchen wie nie zuvor in Europa“, betont Dr. Bernd Fabritius, der Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, auch gegenüber der ADZ, nachdem er auf der Festbühne die Grüße von Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ausgerichtet und den rumänischen Parlamentariern dafür gedankt hatte, dass sein „Appell von Bogeschdorf“ im letzten Jahr nicht ungehört verhallt ist. Dass Rumänien immer noch, wie seit Jahren, im Europarat als „Best practice“-Beispiel für seine vorbildliche Minderheitenpolitik gelobt werden kann.
„Vertrauen heißt das Zauberwort“
Drei Tage Blasmusik und Volkstanz. Zwei Nächte Live-Konzerte auf zwei Bühnen. „Das war schon großstadtwürdig, sowas hat das Dorf noch nie erlebt“, findet Helmuth Gaber, der Initiator des Weinfests. „Und die Rockband am Samstagabend“, kommentiert er lachend, „zweimal ist die Stromzufuhr rausgeflogen und die spielten einfach ohne weiter, als wär nichts gewesen!“ Für ihn steht schon jetzt fest, dass es auch im nächsten Jahr wieder ein Wein- und Kulturfest geben wird.
2006 hat der aus Bogeschdorf/Băgaciu stammende, nach Deutschland ausgewanderte Siebenbürger Sachse hier als Unternehmer, Landwirt und Winzer begonnen, nachdem er aus dem launigen Wunsch seines damals 70-jährigen Vaters das im Kommunismus verlorene Land wieder aufgekauft und mit Unterstützung seiner Familie den traditionellen sächsischen Weinbau wiederbelebt hatte. Inzwischen sind die Weißweine von „Terra Regis“ hochgelobt und mehrfach prämiert. Sohn Konstantin verbrachte zuletzt ein ganzes Jahr vor Ort und kümmerte sich um Landwirtschaft und Weinberg. Doch schon lange hatte man einen Geschäftspartner vor Ort gesucht – und schließlich gefunden: im Landwirt László Fülöp, der das Weingut nun von den Gabers übernommen hat und zusammen mit seinem Bruder Zoltan unter dem Brand „Ywine“ weiterführt.
László Fülöp ist Bauer aus Leidenschaft, studierter Agronom, in Großwardein/Oradea spezialisiert auf Gartenbau mit Zierpflanzen. Heute bewirtschaftet er 1500 Hektar Land und hält rund 500 Stück Vieh. Die Winzerei sei für ihn die „Kirsche auf der Torte“, sagt er begeistert. Schon Vater und Großvater hätten Weinbau betrieben und er selbst habe sich seit dem neunten Lebensjahr die Sommerbräune stets schon im Frühling bei der Arbeit in den Rebstöcken geholt. „Bauer sein – das lernt man nicht im Internet“, lacht er und erzählt. „Wenn um vier Uhr morgens das Telefon klingelt: Die Kühe sind ausgebrochen und laben sich an der Kultur! Und eine halbe Stunde später, nachdem du sie eingefangen hast, klingelt es nochmal: Jetzt ist die Melkmaschine kaputt! Zum Vieh kannst du nicht sagen: Heute ist Weihnachten! Oder: Heute melde ich mich krank.“
Die deutsch-ungarische Kooperation funktioniert zu beider Zufriedenheit. „Vertrauen heißt das Zauberwort“, verrät Helmuth Gaber. Und László Fülöp erzählt, wie sie sich kennen- und schätzen gelernt haben: Als Nachbarn von über dem Hügel, die sich schon lange gegenseitig helfen.
Der „Bogeschdorfer Appell“ vom letzten Jahr hat gefruchtet
Beiden sieht man den Stolz beim Blick auf die Festbühne an, die die Redner nach und nach erklimmen, darunter die Bürgermeister der Orte Bogeschdorf und Gănești, beide Partner beim Fest, ein Kreisratsmitglied von Mureș, die rumänische Abgeordnete Dumitrița Gliga, der Magdeburger Bischof Dr. Johann Schneider, ausgewanderter Siebenbürger Sachse, der Vorsitzende des Vereins der Siebenbürger Sachsen aus Bayern, Manfred Binder, der evangelische Pfarrer aus Mediasch, Mihai Udrea... Und der bereits genannte Fabritius, der letztes Jahr auf dem ersten Weinfest eine flammende Botschaft an das rumänische Parlament gerichtet hatte, als dieses im Begriff war, die Vertretung der nationalen Minderheiten aus Spargründen infrage zu stellen. „Dieser Bogeschdorfer Appell hat zum Glück gefruchtet“, freut sich Fabritius (die ADZ hat berichtet), wofür er sich auch bei Gliga, stellvertretend für alle Parlamentarier, bedankte. „Es wäre sehr bedauerlich gewesen, wenn das rumänische Parlament aus vielleicht kurzsichtigen Spargedanken gerade die vorbildliche Minderheitenpolitik Rumäniens kaputtgemacht hätte.“
Die festliche Kulturveranstaltung hat eine unglaublich wichtige Botschaft zu senden, betont Fabritius außerdem: „Für ein friedliches Europa – und das brauchen wir so dringend wie selten zuvor“ – sei interethnische Freundschaft der beste Garant. Selbst hinter „Verwerfungen wie dem Ukraine-Krieg“ stünden interethnische Konflikte, „der vorgeschobene Grund“ für die russische Intervention „war der Schutz der russischen Minderheit in der Ukraine“. „Erstarkender Nationalismus stellt nach meiner Einschätzung die größte Gefahr für den Fortbestand demokratischer Strukturen dar“, begründet Fabritius seinen Einsatz für Minderheiten. „Deshalb ist ein solches Fest wie hier, wo ethnische Minderheiten, Ungarn, Deutsche und Roma, in der Art, wie sie Siebenbürgen 900 Jahre geprägt haben zusammen feiern, von der Bedeutung her nicht zu unterschätzen – und das ist auch der Grund, warum sich die Bundesregierung entschlossen hat, diese Kulturtage zu unterstützen.“
Eindrücke vom Fest
Alexandra Gaber eilt emsig mit Tabletts voll frischem Hanklich von Gast zu Gast. Im Hinterhof rühren Köche in riesigen Kupfertöpfen Gulasch und Bohneneintopf. Bald duftet es auch nach Mici und Grillfleisch. Der spritzige, trockene Weißwein mundet – tagsüber mit viel Mineralwasser genossen – herrlich in der Sommerhitze. Gäste schwappen Tag und Nacht von der Straße in den offenen Hof, angelockt von Tanz und Musik. In diesem Jahr bestreiten die Tanzgruppen des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien – angereist aus Sächsisch Regen/Reghin, Schäßburg/Sighișoara und Hermannstadt/Sibiu – die Szene, im letzten Jahr war es die „Projektgruppe Haferland“ der Siebenbürger Sachsen aus Deutschland gewesen. Bewundernswert trotzen die jungen Leute in ihren Trachten der infernalischen Hitze. „Die Kinder lieben diese Auftritte und die Gemeinsamkeit“, schwärmt die Forumsvorsitzende aus Sächsisch Regen, Gerlinde Tămășani, die mit sechs Paaren der Tanzgruppe „Goldregen“ – alles Schüler der deutschen Schule – angereist ist.
Besondere musikalische Highlights boten die Gruppen „Corax“, „The Pipers“ und „Strangers Party Band“ in ihren Abendkonzerten, aber auch die Musikstudentin „Sara cu vioara“ mit ihren schmissigen Interpretationen moderner Musik. Selbstverständlich darf auch die Blasmusik nicht fehlen: die Bläser von Petersberg/Petrești und Bogeschdorf. Unermüdlich im Einsatz: Moderator Bela Szekely-Varga von Radio As - Târnăveni.
Auch auf der Straße vor dem Festplatz tobt der Bär: Popcorn, Baumstriezel, Shaorma und eine zweite Bühne, das Abendkonzert bestreiten dort die „Muzicieni din Ceuaș“, eine bekannte Roma-Band aus dem Nachbardorf mit ihrem schnellen, schmissigen Balkan-Jazz.
Guter Wein braucht eine Geschichte
„Wein erzählt eine Geschichte über Klima, Boden und Menschen und ist dafür gemacht, Freunde zusammenzubringen und neue Freundschaften zu schmieden“, sagt Dumitrița Gliga. „Wichtig ist, dass der Wein eine Geschichte hat“, betont László Fülöp und verweist auf die jahrhundertelange sächsische Tradition des Weinbaus an der Kleinen Kokel. Sein Ziel bei diesem Weinfest sei nicht, die größtmögliche Besucherzahl zu erzielen, sondern den Wein unter Kennern bekanntzumachen, sagt er. Dabei helfen die Vereine der Weinkavaliere, „ihre Anwesenheit zeigt, dass das Interesse da ist“, freut sich Fülöp. Mit ihren schmucken Kostümen sind sie angereist aus Târnaveni, Bălăușeri und sogar aus dem fast 300 Kilometer entfernten Großcarol/Carei.
„Ywine“ kultiviert der-zeit vier Sorten, übernommen von „Terra Regis“, erzählt Fülöp weiter – „für mich ist das eine große Ehre, denn Helmuth Gaber liebt seine Weinberge wie seine Kinder“: zehn Hektar Rhein Riesling und fünf Hektar Chardonnay, Königsast und Pinot Gris. „Wir können auch Cuvee machen und dann vielleicht auf sechs Sortimente kommen“, meint Fülöp. Doch die Idee sei, den Weintourismus in der ganzen Region als Weinstraße zu fördern. Dann sollen auch andere Weingüter mit ihren Produkten Diversität schaffen und gemeinsam profitieren. Denn der Weinmarkt sei riesig, es sei schwer, Wein über die Region hinaus zu verkaufen. Doch seien die trockenen Bogeschdorfer Weine wegen ihres angenehmen Säuregrads besonders qualitätsvoll. Im Kommunismus habe man Wein aus Bogeschdorf ins ganze Land verschifft, zur Korrektur des Säuregrades anderer Weine.
Als Bauer und Winzer vertritt László Fülöp eine interessante Philosophie: Es müsse einem klar sein, dass man „vielleicht nur 30 Mal im Leben säen und ernten“ könne. So sei jedes Jahr eine besondere Herausforderung, die nicht verpasst werden dürfe. „Wenn du eine Fehlernte hast, hast du ein ganzes Jahr verloren!“
Das Weinfest wollen Helmuth Gaber und László Fülöp auch in Zukunft gemeinsam ausrichten. „Er macht die Werbung, wir produzieren“, erklärt der 48-jährige Fülöp und fügt an: „Wir sind Bauern, keine Organisatoren von Events, aber wir wollen, dass wir das auch auf hohem Niveau können.“
Dass dies der Fall ist, beweist nicht nur dieses Fest, sondern auch der Auftakt dazu: die freitagabendliche Weinprobe mit Speisen und Musik auf einer einfachen bewaldeten Terrasse. „Das war eine Steigerung zu dem letztjährigen Weinseminar mit Lese, Keltern und dem schönen Miteinander am Abend“, findet Helmuth Gaber. „Die Weinprobe am Waldesrand kann man nicht mehr toppen: exklusiv, toll, einfach und edel.“
Ein besonderer Kanal zu Gott
Kein Fest der Sachsen ohne Gottesdienst in der evangelischen Kirche: Dort defilieren wir am Sonntagmorgen hin, an meiner Seite, etwas schüchtern, Katalin Fülöp, Lászlós und Zoltans Mutter. Sie sei zum ersten Mal in dieser Kirche, gesteht sie. Jemand müsse ja immer auf dem Hof sein, deshalb habe sie letztes Jahr keine Zeit gehabt. In der schmucken Kirche mit dem über 500 Jahre alten Flügelaltar ist es bereits ziemlich voll. Nur noch einmal im Jahr findet hier Gottesdienst statt, erzählt Helmuth Gaber. Eine riesige Sonnenblume vor dem Altar fängt das Licht aus schmalen, hohen Fenstern ein. Das Altarkreuz wirft seinen Schatten auf das Jesusbild. Von der Orgelempore leuchten golden die Blasinstrumente der Bogeschdorfer Bläsergruppe – Adventisten aus der lokalen Roma-Gemeinde. An der Orgel sitzt die Organistin Edith Toth aus Mediasch. Ihr abwechselndes Spiel lässt die Kirche in Erhabenheit erbeben – kaum jemand, der das später nicht ergriffen bemerkt.
Ein besonderer Kanal zu Gott hat sich geöffnet: Pfarrer Mihai Udrea aus Mediasch predigt von den Gaben, die Gott uns anvertraut hat und wie wir damit umgehen, anhand der Gleichnisse vom Pflüger und vom Perlenhändler (Matthäus 13). Es geht um das Aufgeben von bisher Allem für das Finden von Höherem, das er mit Beispielen aus dem täglichen Erleben illustriert. Mit ihm predigt – auf Sächsisch! – der Bischof von Magdeburg, Dr. Johann Schneider, ein aus Meschen/Moșna ausgewanderter Siebenbürger Sachse, der gerade in Siebenbürgen Urlaub macht. Von „falschen Propheten“ aus der Berufungsgeschichte von Jeremia zieht er die Parallele zu den modernen „falschen Propheten“: jenen im Kommunismus, die die gute Ernte lobten, während die Kartoffeln im Keller verfaulten, bis zu denen von heute in Social Media und Internet, die uns politisch herausfordern, wie die erstarkende ultranationalistische AfD in seiner Wahlheimat Sachsen-Anhalt. So wird auch er bald ein Rückkehrer sein: In Meschen hat er sein Elternhaus zurückgekauft und will sich dort zusammen mit seiner Ehefrau, einer Universitätsprofessorin für Theologie in Halle, zur Ruhe setzen. Der Wunsch nach Freiheit – „oder was ich damals davon verstanden habe“ – hatte ihn einst auswandern lassen, „wir sind ja immer geprägt vom Kontext, in dem wir leben“, fügt er an.„Aber Gott schenkt uns die Freiheit, zu entscheiden“. Und notfalls umzudenken...
Helmuth Gaber freut sich über die Atmosphäre im evangelischen Gotteshaus: „Dieses ganze Spektrum, dieses Kunterbunte Transsylvaniens – Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Ungarn, Roma, und dieser sehr besondere Pfarrer Udrea, der in allen Richtungen offen ist und das Kunterbunte auch durch seine Art verkörpert, das alles war heute auch in der Kirche abgebildet.“
Zwischenfall in gelben T-Shirts
Am Sonntag standen dann auf einmal um die 20 Leute in gelben T-Shirts mit Parteilogo der ultranationalistischen „AUR“ vor der torlosen Einfahrt des Hofs. Sie wollten zum Festplatz, um Handzettel zu verteilen und für ihre Partei zu werben. Gaber verwehrt ihnen den Zutritt im Parteidress. Sie beklagen lauthals Diskriminierung, doch er bleibt hart. „Ich sagte, ziehen Sie sich bitte um, denn andere Parteien sind auch nicht hier. Auf der Straße dürfen Sie alles machen - aber auf meinem privaten Grundstück sind Sie nicht als Partei eingeladen worden.“ „Sie diskriminieren und das wird Folgen haben“, droht der Abgeordnete. Dann ziehen die Gelben schmollend ab und der Zwischenfall ist schnell vergessen.
Doch was umso mehr im Gedächtnis bleibt, sind die Botschaften jener, die hier für Freundschaft in Vielfalt, Freiheit und Demokratie plädierten. Die sie leben, vorleben, sie sich vielleicht sogar zur Lebensaufgabe gemacht haben. Ein Schatz, für den es lohnt, so manches aufzugeben – das überhöhte Ego, den falschen Stolz –, um Höheres zu gewinnen. Dies ist die Weisheit eines Weinfests...















