Von Andreas bis Arsenie

Porträts und Profile rumänisch-orthodoxer Heiliger in einem gesammelten Werk auf Deutsch

„Heilige der rumänischen Lande“ von Protosingel Ioan Popoiu ist als Band 13 der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek erschienen.

Wer in Rumänien lebt, kommt an diesem Thema nicht vorbei, ob christgläubig oder nicht: die  orthodoxen Heiligen. Zu sehr durchdringen sie alle Lebensbereiche bis tief in den rumänischen Alltag. Sei es die stark medialisierte, alljährliche Prozession zur Heiligen Paraskewa nach Jassy/Ia{i seien es die vielen Feiertage, an denen, obwohl oft keine Staatsfeiertage, gewisse Arbeiten streng tabu sind, oder die unzähligen Namenstage, zu denen man Freunden und Bekannten gratulieren muss. Die Heiligen zu kennen, gehört hierzulande zur Allgemeinbildung. 

Diesem Anspruch Genüge zu tun hilft ein im Schiller Verlag erschienenes Werk von Protosingel Ioan Popoiu (Priester der Orthodoxen Metropolie von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa sowie Erzbischöflicher Kirchenrat des Erzbistums von Deutschland, Österreich und Luxemburg): „Heilige der rumänischen Lande“. Das als Band 13 in der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek erschienene Werk, herausgegeben vom evangelischen Theologen und Publizisten Dr. Jürgen Henkel,  präsentiert erst-mals Porträts und Profile aller Männer und Frauen, die in der Rumänischen Orthodoxen Kirche als Heilige verehrt werden. 

Interessant ist, dass nicht alle davon rumänischer Herkunft sind. Märtyrer der Christenverfolgung in der Antike – etwa Epictet und Astion aus Halmyris in der Dobrudscha, damals Klein-Skythien – zählen genauso dazu wie Bekenner des Glaubens aus der Zeit des Kommunismus, etwa der stark popularisierte Seher-Mönch Arsenie Boca. 

Das Buch wurde im Juni im Hermannstädter Büchercafe Erasmus, wo es auch erhältlich ist, sowie im Bu-karester Kulturhaus Friedrich Schiller von Autor und Herausgeber persönlich vorgestellt.

Märtyrer, Landesfürsten, Einsiedler

Große Namen, die einem im Buch begegnen, sind zum Beispiel: der Heilige Stefan der Große, Fürst der Moldau; der Heilige Calinic von Cernica, einem Kloster nahe der Hauptstadt Bukarest; der Heilige Märtyter Constantin Brâncoveanu, Fürst der Walachei, zusammen mit seinen Söhnen Constantin, Radu, Stefan und Matei sowie seinem Berater Ianache Văcărescu, die in Konstantinopel geköpft wurden; oder der Heilige Neagoe Basarab, ebenfalls Fürst der Walachei. Darüber hinausgehend gibt es sicher auch viele Namen, von denen man vielleicht noch nie gehört hat: die zahlreichen Märtyrer aus Klein-Skythien, die gotischen Heiligen oder die Einsiedlermönche und -nonnen. Zahlreiche Heilige sind an bedeutende Klöster oder Höfe geknüpft, so dass die Kenntnis ihrer Geschichte touristische Führungen oder Präsentationen historischer Ereignisse nur bereichern kann. Andere spielten Schlüsselrollen an Schalthebeln der Macht, wie Kaiser Konstantin der Große, eine der wichtigsten Figuren in der Geschichte des Christentums, der die Religion im 4. Jh. von einer verfolgten Minderheit zur privilegierten Macht im Römischen Reich machte.

Als Kostprobe zum Inhalt seien exemplarisch drei hierzulande besonders populäre Heilige herausgegriffen, die man einfach kennen sollte: Paraskewa, Arsenie von Prislop sowie der Schutzpatron Rumäniens, Andreas. 

Paraskewa: Wirkung erst nach dem Tod

Paraskewa – rumänisch mit dem Beinamen „cuvioasa“, „die ehrwürdige“ versehen – wurde im 10. Jh. im kleinen Küstendorf Epivatai geboren, im heutigen Griechenland. Ihre Familie war wohlhabend, vielleicht sogar adlig. Ihr Bruder Eftimios war von 989-996 Bischof von Madyte, heute Türkei. Paraskewa fühlte sich zur Nonne berufen, reiste schließlich ins Heilige Land und zog sich in ein Kloster in der Jordanwüste zurück, bis ihr im Traum ein Engel erschien, der ihr befahl, nach Hause zurückzukehren und ihr irdisches Leben weiterzuführen. So lebte sie asketisch und unspektakulär bis zu ihrem Tod an ihrem Geburtsort. 

Erst danach entfaltet sich die eigentliche Heiligengeschichte: Nachdem zwei Christen im Traum eine entsprechende Vision hatten, wurde der unversehrte Leichnam von Paraskewa entdeckt und in der Apostelkirche von Epivatai in ein Reliquiar überführt, wo es alsbald zu verschiedenen Wundern und Heilungen kam. Immer wieder wurden ihre Reliquien in Prozessionen durch die Balkanregion getragen. 250 Jahre später ließ Zar Ivan Assen von Bulgarien sie in seine Hauptstadt bringen. Nach der Eroberung Bulgariens durch die Osmanen wurden die Reliquien nach Belgrad gerettet, bis auch diese Stadt von den Türken erobert wurde. Sultan Sülayman der Prächtige entwendete das Reliquiar und brachte es nach Konstantinopel. Nach 120 Jahren in Konstantinopel gingen die Reliquien von Paraskewa erneut auf Wanderschaft, nachdem Patriarch Jeremias I. (1522-1524) sie für ein Vermögen vom Sultan erworben hatte, und landeten auf Umwegen in der Kirche Drei Hierarchien in Jassy/Ia{i, wo sie 1888 einen Brand überstanden, der die Kirche völlig zerstörte. 

Obwohl seit Jahrhunderten auf dem Balkan verehrt, wurde ihr Kult in Rumänien erst 1955 – mitten im tiefsten Kommunismus – offiziell vom Heiligen Synod verkündet. Seither pilgern am 14. Oktober jährlich um die inzwischen zwei- bis dreihunderttausend Gläubige an ihren Schrein. Bücher mit Berichten von neuen Wundern erfreuen sich großer Beliebtheit in Rumänien.

Arsenie: Priestermönch, Ikonenmaler, Seher

Der Heilige Arsenie wurde am 19. September 1910 in Va]a de Sus im Kreis Hunedoara bürgerlich als Zian-Vălean Boca geboren. Nach Abschluss seines Theologiestudiums in Hermannstadt/Sibiu studierte er noch an der Kunstakademie in Bukarest, besuchte aber auch Kurse an der Medizinischen Fakultät. Auf dem Heiligen Berg Athos spezialisierte er sich dann in byzantinischer Ikonenmalerei. In Chi{in˛u erlernte er die Technik des Goldverzierens von Ikonen.

1939 hatte er eine Vision, die ihn dazu bewog, Mönch zu werden. 1940 trat er in das Kloster Sâmbata de Sus ein und erhielt den Mönchsnamen Arsenie. Zum Leiter des Klosters aufgestiegen, wurde dieses zu einem bedeutenden Wallfahrtsort, wo Pilger seinen Rat suchten. So geriet er ins Visier der Securitate. Zweimal wurde er verhaftet, weil man ihn bezichtigte, Kontakte zu Legionären – antikommunistischen Kämpfern aus den Fogarascher Bergen – zu unterhalten. Um ihn aus dem Blickfeld der Miliz zu entfernen, entsandte ihn der Metropolit 1948 nach Prislop zur Wiederherstellung des verlassenen Klosters. Dennoch wurde er bis kurz vor Lebenende von der Securitate überwacht, mehrmals verhaftet und von der priesterlichen Tätigkeit suspendiert. 

Arsenie Boca war auch für seine seherische Gabe bekannt. Kurz vor seinem Tod prophezeite er den Tod Ceau{escus und den Fall des Kommunismus. 2024 wurde vom Heiligen Synod seine Heiligsprechung beschlossen. Der Gedenktag wurde offiziell auf den 28. November, den Tag seines Todes in Sinaia, festgelegt. Es ist zudem der Tag des Heiligen Stefan, dessen Lebenszenen Arsenie auf der Altarwand der Kirche in Dr˛g˛nescu nahe Bukarest dargestellt hatte. 

In der sehenswerten dortigen Ikonografie meinen übrigens einige Menschen, verschiedene Prophezeiungen zu erkennen, etwa die Erfindung des Mobiltelefons oder den Terroranschlag auf die  Twintowers... Bezaubernd sind die von Arsenie wie aus Licht gemalten himmlischen Wesen, sowohl dort, als auch auf den im Museum des Klosters Sâmbata de Sus ausgestellten Ikonen. In den Malereien in diesem Kloster hat er übrigens – bewusst oder unbewusst? – die Figuren des Eingangstorbogens mit seinen eigenen, faszinierend durchdringenden, strahlendblauen Augen ausgestattet.

Andreas: der Erstverkünder

Andreas wurde im Fischerdorf Bethsaida in Ostgaliläa geboren. Sein Bruder ist der nicht minder berühmte Fischer Simon Petrus. Nach dem Johannesevangelium gehörte Andreas bereits zu den Jüngern von Johannes dem Täufer. Er war der erste, der Jesus als Messias erkannte und führte seinen Bruder Petrus zu ihm. 

Der heilige Andreas, Schutzpatron Rumäniens, gilt als Erstverkünder des Evangeliums rund um das Schwarze Meer. Seine Missionsreisen sind zwar nicht in der Apostelgeschichte aufgezeichnet, doch überliefern die Kirchenväter zahlreiche Details dazu: Skythien sei seine Hauptwirkungsstätte gewesen, genannt werden aber auch Epirus, Kappadokien, Galatien,  Thrakien, Makedonien etc.  Er soll zahlreiche Wunder gewirkt haben, darunter auch Totenweckungen. 

„Besonders in der Dobrudscha verbreitete Traditionen können als alte Erinnerungen an die Durchreise des Apostels durch Scythia Minor auf seinem Weg nach Patras interpretiert werden“, schreibt dazu Popoiu. Eine Reihe an Orten tragen seinen Namen: die Höhle des Heiligen Andreas, der Fluss des Heiligen Andreas... Der Heilige Andreas gilt als Beschützer vor bösen Geistern, die mit dem Wintereinbruch in Verbindung gebracht werden. In zahlreichen rumänischen Dörfern wird die Nacht vom 29. auf den 30. November mit Ritualen ähnlich Halloween gefeiert, die auf vorchristliche Zeiten zurückgehen. Landwirte geben dann Basilikum und Weihwasser in die Tränke des Viehs. In der Andreasnacht wird außerdem nach dem Bauernkalender das Zwiebelorakel praktiziert: Zwölf Zwiebeln, eine für jeden Monat, werden auf den Dachboden gelegt und am Heiligen Abend begutachtet: Verdorbene Zwiebeln kündigen für das neue Jahr regnerische Monate an, gekeimte solche mit guter Ernte. 

Der Feiertag des Heiligen Andreas ist der 1. Dezember. Der alte rumänische Name für Dezember lautete übrigens „Andrea“.