Großsanktnikolaus – Im Nákó-Kastell von Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare wurde in den späten Abendstunden des 17. Juni der Bărăgan-Deportation und ihrer Opfer gedacht. Aus Großsanktnikolaus waren in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1951 201 Familien mit 694 Mitgliedern – vom Säugling bis zur Ur-Oma – zwangsverschleppt worden und ihr gesamtes Vermögen wurde vom Staat beschlagnahmt. Beziehungsweise ohne das Einverständnis der Besitzer, aber mit „akribisch“ angelegten Inventurlisten an staatliche Unternehmen weitergegeben oder der entstehenden landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaft einverleibt. (In Großsanktnikolaus heißt es noch heute, damals seien einige der mit der Anlegung der Inventurlisten Betrauten „über Nacht“ reich geworden ...) Da der Stichtag der Bărăganverschleppung gerade auf die orthodoxen Pfingsten fiel, nannte man diese Tage später und nennt sie so bis heute „schwarze Pfingsten“.
201 Familien – Rumänen, Serben, Deutsche, einige Ungarn – mit insgesamt 694 Mitgliedern, buchstäblich vom Säugling bis zur Ur-Oma! – wurden zur „Umsiedlung“ in die Steppenlandschaft des Bărăgan gezwungen, weil sie für die moskautreuen Kommunisten vor Ort „unsichere Elemente“ waren. Interessant und ein zusätzlicher Hinweis, dass der Befehl zur Zwangsumsiedlung aus einem rund 25 km breiten Grenzstreifen zum damaligen Tito-Jugoslawien aus Stalins Moskau kam: zur gleichen Zeit wurden auch aus den Grenzgebieten Bulgariens und Ungarns „unsichere Elemente“, „Chiaburen“ und „Kulaken“ umgesiedelt, denn den Vorwand dazu lieferte ein Aneinandergeraten Josef Stalins mit Jugoslawiens Diktator Josip Broz Tito.
(Nebenbei bemerkt: in jenen Jahren – zum Beginn der 1950er Jahre – wurde auch die „Banater Maginot-Linie“ – das weiträumige, auch heute noch von der Nationalstraße DN 58A aus gut sichtbare Bunkersystem mit Einzel-, Doppel- und Mannschaftsbunkern – im Raum zwischen Wojtek und Birda gebaut. Dieses System fungierte, gemäß einer Auskunft des Verteidigungsministeriums nach einer schon etwas länger zurückliegenden Anfrage des Museums des Banater Montangebiets unter dem ehemaligen Direktor Dr. Dumitru Țeicu, heute noch unter den strategischen Planungen Rumäniens.)
Über das tragische Ereignis der Bărăganverschleppung sprachen (Foto rechts) auf Einladung von Kulturhausdirektor Dr. Sergiu Soica – der selber ein Buch zum Thema dokumentiert und veröffentlicht hat (zusammen mit seiner Frau, Dr. Romina Soica – die ADZ berichtete) – der Vorsitzende des Vereins ehemaliger Bărăgan-Verschleppter, Filiale Temesch, der Rechtsanwalt Tiberiu-Silviu Sarafolean, der der Sohn des Gründungsvorsitzenden des Vereins, Silviu Sarafolean, ist (die Familie Sarafolean stammt aus dem Raum Großkomlosch-Großsanktnikolaus), sowie Bürgermeister Dănuț Groza, selber Sohn einer ehemaligen Bărăgandeportierten (seine Mutter nahm an dieser Veranstaltung teil).
Tiberiu S. Sarafolean (Bildmitte) sprach über Erfolge des Vereins (zahlreiche Buchveröffentlichungen, Dokumentationen und Fallstudien, Sammlungen von Erzählberichten, etwa durch Dr. Smaranda Vultur, Viorel Marineasa, Daniel Vighi oder Kollektivveröffentlichungen der Vereinsmitglieder), aber auch über Schwierigkeiten (etwa das jüngste Urteil des Verfassungsgerichts über Entschädigungen für Nachkommen Deportierter). Bürgermeister Dănuț Groza traf einen Nerv der drei im Saal anwesenden Überlebenden der Deportation, aber auch vieler Teilnehmer, als er sich voller Empathie bemühte, den zahlreich Anwesenden klarzumachen, was es bedeutet, in einer einzigen Nacht durch staatliche Willkür praktisch alles zu verlieren, was eine Familie im Lauf von Generationen an materiellem und geistigem Vermögen zusammengetragen hat – bis auf das nackte Leben. Das zu schützen man gezwungen war, im Bărăgan sich eine Notunterkunft und letztendlich für fünf Jahre ein Not-Haus zu bauen, mit vor Ort improvisiertem „Baumaterial“, um zu überleben.
Das Präsidium war im Vordergrund durch ein diskretes Arrangement markiert (auf unserem Foto unten links): sonnengetrocknete Lehmziegel, wie man sie zwischen Juni 1951 und Wintereinbruch in den anderthalb Dutzend neuangelegten Dörfern in der Trockensteppe des B˛r˛gan in der Freizeit – die Tagesnorm musste erst einmal erfüllt werden! – in aller Eile erzeugen musste. Die Verschleppten mit Zwangsaufenthalt im Bărăgan wurden nämlich bei der Ankunft aus den Lastzügen/Lastwagen auf offenem Feld abgeladen, mit dem „Rat“, sich zügig Unterkünfte zu errichten, der Winter im Bărăgan sei „sibirisch“. Zwischen den Lehmziegeln des Arrangements brannte eine Kerze. Hinter diesem Arrangement, vor den Referenten: ein Bund Weizenähren – eines der (ökonomischen) Ziele der Verschleppung war die Urbarmachung der Trockensteppe südöstlich von Bukarest durch diese Zwangsarbeiter aus dem Banat und aus dem westlichen Oltenien.
Den Abschluss dieses Teils des Bărăgan-Gedenkens gestalteten die elfjährige Sopranistin Ania-Sara Botoș, ein Musiktalent aus Großsanktnikolaus, das von einem Gesangstrainer aus Wien geschult wird, begleitet am Klavier vom Vizepräsidenten des Filialforums Lowrin des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat, Mario Mateaș. Zu Gehör gebracht wurden Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel und eine Serenata von Enrico Toselli.
Symbolträchtig und hochemotional ging es danach weiter. Dr. Sergiu Soica und Bürgermeister Dănuț Groza luden alle Anwesenden ein, in den bereitstehenden Bus der Stadt einzusteigen und gemeinsam zum „Großen Bahnhof“ von
Großsanktnikolaus zu fahren, wo eine Gedenkminute gestaltet werden sollte. Denn dort hatte der Leidensweg der 201 Familien mit 694 Familienmitgliedern aus Großsanktnikolaus in der Nacht vom 17. auf 18. Juni 1951 begonnen. Die Familie Dr. Sergiu und Dr. Romina Soica hatte Bahnsteig eins am Großen Bahnhof mit einem 80 Meter langen weißen Tuchstreifen belegt (Foto links), auf dem, handschriftlich, sämtliche Familiennamen der am 17./18. Juni 1951 in die (letztendlich fünfjährige) Verbannung Transportierten verzeichnet waren. Nach einem auf Rumänisch gesprochenen Vaterunser des (hauptberuflich) griechisch-katholischen Pfarrer Dr. Sergiu Soica und einer Schweigeminute wurden die etwa 50 Anwesenden aufgefordert, im Bereich des Familiennamens eines ihnen Bekannten oder Verwandten, der auf dem weißen Tuch verzeichnet war, eine brennende Kerze aufzustellen. Die Kerzen hatte das Ehepaar Soica vorher auf Kosten des Rathauses besorgt und allen Anwesenden zur Verfügung gestellt. Das handschriftliche Verzeichnis der Familiennamen der Verschleppten, die Liste aller damals aus Großsanktnikolaus in den Bărăgan zum Zwangsaufenthalt Gezwungenen, hatte Dr. Romina Soica übernommen.






