Hermannstadt – Ana-Maria Păpureanu und Silviu Țicu müssen sich sehr genau im Klaren darüber gewesen sein, mit wem sie es zu tun hatten. Sonst würden sie als Experten des Museums selber kein bisschen mit Informationen und Redezeit gegeizt haben. Aber auch Outdoor-Profi Adrian Tudose, seit 14 Jahren beruflich freischaffend mit der Kamera aktiv und Mitglied der Nichtregierungsorganisation von Naturfotografen in Rumänien (FORONA), drang nicht profund in das Fachliche ein, sondern gab weder kleinlaut noch überheblich zu, dass für ihn „ein Traum in Erfüllung“ gehe. Wer László Rákosy (70) noch nicht gekannt haben soll, konnte ihn Mittwochmittag, am 29. Juli, in Hermannstadt/Sibiu hautnah in seinem Element erleben: die konkurrenzlose Nummer Eins der Schmetterlings-Forschung im Inland und nicht nur geriet beim Vortrag zwar nicht in Rage, nutzte die Gunst der Stunde jedoch für ein Plädoyer, das allen großen und kleinen Umstehenden mit beharrlicher Freundlichkeit ins Gewissen redete. „Wo keine Schmetterlinge leben, rate ich, nicht zu wohnen“, empfahl der Vorsitzende der Lepidopterologischen Gesellschaft in Rumänien gleich vom Start der Ausstellungseröffnung weg. „Flug in die Welt der Falter“ ist eine fotografisch-dokumentarische Expo im Naturkundemuseum in der Harteneck-Gasse/Str. Cetății, die bis zum 20. September auf neugierige Augenpaare harrt. Ob es ihr beschieden ist, die noch gut übersichtliche Besucherzahl vom Tag der Vernissage letztlich in den Schatten zu stellen?
Rákosy würde sich ungemein freuen. „Denjenigen, die hier nicht anwesend sind, bedeuten Schmetterlinge leider nichts“, statuierte er als Professor von der Biologischen und Geologischen Fakultät der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj (UBB). „Lepidoptera sind wohl die charismatischste Insekten-Ordnung“, pflichtete Silviu Țicu schon mal im Voraus bei.
Für den Menschen direkt nützliche Tiere wie etwa die Bienen sind Schmetterlinge nicht. Zu den Bestäubern allerdings zählen sie auf jeden Fall, und ohne ihre Zuarbeit am Reichtum von Gemüse und Obst, so László Rákosy, würden der Weltbevölkerung „75 Prozent Nahrung“ fehlen. „Falter indizieren ein gesundes Medium.“ Und wegen ihrer Eleganz und Schönheit sorgen sie unter Menschen für „gute Stimmung“, die sich bei Abwesenheit sogleich verschlechtert. Der prominent-berüchtigte Fall der Kleinstadt Kleinkopisch/Copșa Mică zum Beispiel, deren toxisches Terrain und Umland im späten Kommunismus keinen einzigen Schmetterling mehr beherbergten, trage noch heute Spuren jener lebensfeindlichen Industrialisierung durch die stillgelegte Buntmetallfabrik „Sometra“. „Die regionalen Daten, an deren Erfassung während der 80er-Jahre ich mitarbeitete, waren von solch negativer Eindrücklichkeit, dass es uns verboten wurde, sie zu publizieren“, erinnert sich Rákosy. „Die Stadt der größten Verschmutzung in Europa war Kleinkopisch und nicht Manchester.“
Vom Birdwatching, das sich im Westen zum Breitensport entwickelt hat, erzählt László Rákosy unverhohlen neidisch. „Im Vereinigten Königreich Großbritannien strömen am Wochenende Zigtausende raus, um mit dem Smartphone Falter zu identifizieren“, während der gleichen App „Butterfly Count“ Anwender in Rumänien und Bulgarien fast gänzlich abgingen. In Brüssel schließlich habe man sich auf der Europakarte davon überzeugen können. „Es ist eine Angelegenheit von Erziehung und Bildung, von Zivilisation und Kultur, die App zu gebrauchen“, findet Lepidopterologe Rákosy, dem das endlich doch zaghafte Auftauchen im Kontinent positiv auffällt. „Wir waren die weiße Karte Europas, fangen jedoch an, wieder Boden gutzumachen.”
Zentimetergenau gemähte Rasen ohne Blumen und großflächiges Sprühen von Chemikalien gegen ein paar Insekten vor Haustüren und Zimmerfenstern findet László Rákosy, für den sich die Frage zur Wahl zwischen „Komfort“ und „leichter Unannehmlichkeit“ gar nicht erst stellt, gleichermaßen kontraproduktiv.
„Der Einsatz von Pestiziden muss abnehmen!“ 4200 Arten Schmetterlinge leben noch in Rumänien, das nur warme Länder wie Spanien überträfen, wohingegen einige der zentraleuropäischen Naturparks 75 Prozent ihrer Fauna eingebüßt hätten. Dem kann auch Adrian Tudose nur beipflichten: „Man besucht einen Naturpark in Holland und sieht höchstens drei bis vier Arten.“ Ein Glück, dass die aktuelle Expo in Hermannstadt vorzeigt, was es vor dem Aus dringend zu schützen gilt.





