„Berufe werden wieder ehrbar“

Reschitzaer Vizebürgermeister Daniel Călin zur Frage des Arbeitsplatzmangels in der Stadt

Reschitza – In relativ regelmäßigen Abständen laden die Reschitzaer Journalisten von Caon (d.i. CarașOnline) Lokalpolitiker zu Hintergrundgesprächen ein. Jüngst war es der Reschitzaer Vizebürgermeister Daniel Călin, der auch mit der Frage konfrontiert wurde, wie er den oft erhobenen Vorwurf gegenüber der Stadtleitung sieht, sie tue zwar sehr viel für die urbanistische Um- und Neugestaltung der Stadt, aber zu wenig, um Investoren in der Stadt ansässig zu machen und Arbeitsplätze zu schaffen. Wie erwartet, widersprach Stadtvize Călin dieser Behauptung. Mit Argumenten.

Die Stadtverwaltung arbeite konstant und aktiv im Bereich der Kontakte mit potenziellen Investoren: „Unsere Arbeit ist eine sehr aktive in diesem Bereich. Wir haben die Agentur für Lokalentwicklung geschaffen, ADRL, und meine Kolleginnen Oana Borza und Dana Mantaș machen ihren Job sehr gut. Sie haben monatlich Dutzende Begegnungen mit potenziellen Investoren, die am Ansässigwerden in Reschitza interessiert sind.“

Reschitza habe aber ein großes Problem: „unsere geografische Lage ist leider so, dass wir, was verfügbares freies Gelände für Greenfield-Investitionen betrifft, kaum Spielraum haben. Wir sitzen zwischen Hügeln, da liegen unsere verfügbaren Flächen, und Großinvestoren können wir kaum bieten, was sie bräuchten. Bei uns ist´s leider nicht wie in Temeswar, wo du mal so fünf Hektar aus der Ebene herausnimmst und schwupp-diwupp eine große Fabrik hinbaust. Trotzdem: das Bild von einer Stadt Reschitza, wo du keine Anstellungsmöglichkeit findest, ist falsch! Es ist ein künstlich erzeugtes Problem, das von Mund zu Mund unreflektiert widergekäut wird. Nur, um der Stadtverwaltung etwas in die Schuhe zu schieben.“

Er, der Stadtvize, sei überzeugt: „So lange ich durch die Stadt gehe, vorbei an Geschäften, wo in der Auslage steht „Angajăm“ – „Wir stellen ein“, wenn ich also einmal keine Handelsräume sehen werde, die Personal suchen, wenn ich keine Unternehmer mehr sehen werde, die massenhaft zu den Arbeitsplatzbörsen kommen und keine Arbeitnehmer finden, erst dann beginne ich mir Sorgen zu machen!“

Das Problem sieht er in einem ganz anderen Bereich: dem Bedarf nach einem Mentalitätswandel. Stadtvize Călin gab an, er habe langfristig untersucht, wer diejenigen sind, die in den Sozialmedien Arbeitsplatzmangel in Reschitza beklagen, Reschitza habe „keine freien Arbeitsplätze“. Rund 50 Prozent seien Rentner. 25-30 Prozent sind Bürger, die nicht mehr in der Stadt leben. „Aber wenn sie´s schreiben, weil sie zurückkehren möchten, genießen sie meine volle Sympathie!“ Bloß 10-15 Prozent sind reell auf Arbeitssuche Befindliche. Meist Hochschulabsolventen, die schwer einen Arbeitsplatz finden im Bereich, für den sie sich auf der Hochschule vorbereitet haben.

Es sei zum Problem geworden, dass Rumänien die Jugend ermutigt, eine Hochschule zu besuchen, „denn sehr viele haben die Hochschule besucht, ohne wirklich eine Neigung zu ihrem Studienfach zu haben, ohne fest davon überzeugt zu sein, dass sie für das Ausbildungsziel auch geeignet sind. So findet man dann Hochschulabsolventen/Hochschulabsolventinnen, die in einem Großkaufhaus Verkäufer sind.“

„Einmal umgekehrt: wir haben in der Stadt Elektriker von „Elektroechipamente Industriale“ (EEI), die mit netto 2000 Euro nach Hause gehen, und im Rathaus Hochschulabsolventen, die mit knapp 1000 Euro monatlich heimgehen, beide jeweils netto. Soll man sich da nicht fragen, wozu 4-5 Hochschuljahre genutzt haben? Wenn ein guter Handwerker das Mehrfache verdienen kann? Das Rathaus kann nicht Arbeitsplätze für jeden Hochschulabsolventen schaffen. Hingegen fördert es den dualen Berufsschulunterricht, schon lange und konsequent.“

Das sei die zu nutzende Chance. Nicht nur durch seine praxisorientierte Struktur, durch die Vorab-Sicherung eines Arbeitsplatzes, sondern auch durch die Verdienstmöglichkeiten, bereits ab Schulungszeit. „Zudem sorgt die Stadt für Gratis-Unterkunft und -Verpflegung während der Schulzeit. Und die Praxiszeit in der Vertragswerken geschieht gegen Bezahlung. Was nötig ist, ist ein Mentalitätswandel: ein Beruf ist wieder ehrbar, wenn er gut beherrscht ist. Mentalitätswandel ist mindestens so wichtig wie massive Investitionen in die Wirtschaft!“