„Ein Mann von intellektuell außergewöhnlicher Allüre“

Das Neueste über Radu Stanca wurde in Bukarest vorgelegt

Farblich genauso wie das 1904 vom Münchner Architekten Karl Hocheder gebaute Volksbad gestaltet, und auch architektonisch unverkennbar eng mit ihm verwandt: der Altbau, worin Dichter und Theatermacher Radu Stanca in Hermannstadt wohnte. Dem Zweiten Wiener Schiedsspruch verdankte das rumänische Sibiu seinen intellektuell kräftigen Zuwachs aus der Universitätsstadt Klausenburg/Cluj. Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – „Dieses Buch hat mich furchtbar genervt, weil es das Buch ist, das ich selber gerne geschrieben hätte“, räumte am Freitagabend, dem 12. Juni, Literaturwissenschaftler, Professor und Dekan Dr. Dragoș-Valentin Varga von der Lucian-Blaga-Universität mit Augenzwinkern gleich zum Start in der städtischen Humanitas-Bücherei ungefragt ein. Auf die broschierte Biografie „Radu Stanca. Opera trăită“ von Mirela Nagâț bezog er sich, die vergangenes Jahr an der Universität Bukarest damit promoviert und schließlich als Endresultat ihrer Forschungsarbeit in Buchform beim Verlag selber Hochschule veröffentlicht hat. Dass er den 270 Seiten starken Band der Kulturjournalistin und Fernsehmoderatorin schätzt, unterstrich Dr. Varga mittels Erwähnung des prominenten Vergleichsfalls von Thomas Mann, der Hermann Hesse um das „Glasperlenspiel“ sehr beneidet haben soll. Theoretiker Dr. Ion-Matei Tomuș andererseits, Professor für die Theaterausbildung an gleicher Stätte wie auch Dr. Varga, bekannte sich offen dazu, unter den drei Gästen am Podium der Buchvorstellung betreffend Radu Stanca „am wenigsten als ein Experte“ zu taugen; den Namensgeber des Nationaltheaters mitten in Hermannstadt/Sibiu jedoch kennzeichne längst „das Risiko, für die aktuellen Generationen ein Schriftsteller im Lehrbuch zu sein“, weshalb „die Idee zu Vorstellungen seiner Stücke durch Vorlesen gut ist.“ Hin und wieder würde sie auch wirklich umgesetzt, und „es würde mir gefallen, ´Dona Juana´ von Radu Stanca von einem jungen, mutigen Regisseur inszeniert zu sehen, so wie Radu Nica 2004 sich an ´Wie feuere ich meinen Mörder´ von Aki Kaurismäki herangewagt hat.“

Gestorben war Radu Stanca Ende 1962 an den Langzeitfolgen einer nicht endgültig ausgeheilten Lungenentzündung, die er sich in der Kindheit eingehandelt hatte, und erst knapp vier Jahrzehnte später sollte Hermannstadts Theater sich offiziell nach ihm benennen: ein Schritt, der auf den seinerseits 2023 verstorbenen Vorgänger Mihai Bica von Intendant Constantin Chiriac zurückgeht, der selbst Ende 1999 entlassen worden war. Kernpunkt der Diskussion, die sich am Vorstellungstisch abspielte, war eindeutig der von Radu Stanca und Ion Negoi]escu 1940 ins Leben gerufene Hermannstädter Literaturkreis, den Drago{-Valentin Varga als in sich gesunde Bewegung „an der Schnittstelle von Nationalsozialismus und Kommunismus“ verortet. Negoi]escu freilich, seines Zeichens ein Mann recht klarer homosexueller Neigung, reagierte auf die Heirat von Weggefährte Radu Stanca mit Dorina „Doti“ Ghibu eifersüchtig.

Auch Wolf von Aichelburg war informell als ein nicht-heterosexuelles Mitglied des Hermannstädter Literaturkreises bekannt, hielt nebenbei und dabei doch respektvoll Mirela Nagâț in der Humanitas-Buchhandlung auf der Heltauergasse fest.

Radu Stanca für seinen Teil war ab dem Augenblick, wo er Dorina Ghibu kennenlernte, „der Mann einer einzigen Frau“, wie seine im Juli 2025 promovierte Biografin recherchiert hat, und eiferte Goethe, Schiller sowie Lucian Blaga nach. Ab 1947 zog er es neun Jahre lang vor, öffentlich zu schweigen, und hielt bereits 1946 seine Mitredner im Hermannstädter Literaturkreis davon ab, sich bei den zur Macht aufsteigenden kommunistischen Funktionären das Wohlwollen zu einer ideologisch ganz ungebundenen Beilage einer marxistischen Zeitschrift ausbedingen zu wollen. Hermannstadt und sein Theater waren Radu Stanca die Rettung. Ihm, der sich bekanntlich als „der Schönste in Sibiu“ dünkte, wäre die Sichtbarmachung der Stadt als ein Schauspielort zuzuschreiben, resümierte Dr. Mirela Nagâț eine Woche vor dem Hermannstädter Internationalen Theaterfestival in 33. Auflage.