Großkarol – Woher kommen wir und was prägt unsere Identität? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die wissenschaftliche Konferenz über die Sathmarer Schwaben, die Pfarrer Emmerich Tempfli am 7. und 8. August 2025 in Sathmar/Satu Mare initiiert hatte. Aus den Vorträgen und Forschungen der damaligen Tagung ist nun ein umfangreicher Sammelband hervorgegangen. Unter dem Titel „Die Geschichte der Sathmarer Schwaben von der Ansiedlung bis zur Gegenwart – Sathmarland, du meine Heimat“ wurde die Publikation in der ersten Augustwoche im Rittersaal des Károlyi-Schlosses in Großkarol/Carei vor einem zahlreichen Publikum vorgestellt.
Organisiert wurde die Buchpräsentation auf Initiative des Römisch-Katholischen Bistums Sathmar und des Demokratischen Forums der Deutschen in Großkarol. Der 430 Seiten umfassende Band enthält 16 Studien von 15 Autoren und zeichnet die rund 300-jährige Geschichte der Sathmarer Schwaben von ihrer Ansiedlung bis in die Gegenwart nach. Damit setzt er einer Gemeinschaft ein wissenschaftlich fundiertes und würdiges Denkmal, die durch ihren Glauben, ihren Fleiß und ihre Treue zur Kirche bleibende Spuren im Leben der Diözese Sathmar und der gesamten Region hinterlassen hat.
Die Autoren – Historiker, Archivare, Ethnografen und Geistliche mit wissenschaftlicher Ausrichtung – stützen sich auf Archivquellen, zeitgenössische Dokumente sowie auf die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungsarbeit. Auf dieser Grundlage beleuchten sie unterschiedliche Aspekte der dreihundertjährigen Geschichte der Sathmarer Schwaben.
In seinem Vorwort betont Diözesanbischof Eugen Schönberger, dass mehr als drei Jahrhunderte nicht lediglich eine Zeitspanne, sondern eine „Kette von Schicksalen, Familien, Gemeinschaften und Generationen“ darstellen. Die deutschen Siedler, die im 18. Jahrhundert in die Region kamen, seien zunächst Fremde gewesen, hätten hier jedoch eine neue Heimat gefunden.
Dabei hebt der Bischof die enge Verbindung zwischen schwäbischer Identität und religiöser Treue hervor. Heimat sei für die Sathmarer Schwaben nicht allein ein geografischer Raum gewesen, sondern ebenso eine geistliche und kirchliche Wirklichkeit. Kirchen, liturgisches Leben, Marienverehrung, Schulen und Familientraditionen hätten dazu beigetragen, dass die Gemeinschaft in der Region Wurzeln schlagen konnte. Der Glaube sei dabei nicht nur Begleiter, sondern eine tragende Kraft der gemeinschaftlichen Identität gewesen.
Die Publikation versteht sich zugleich als wissenschaftliche Aufarbeitung und als Beitrag zur Bewahrung des historischen Erbes. Sie behandelt die Umstände der Ansiedlung ebenso wie die kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse des 18. und 19. Jahrhunderts, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen sowie die einschneidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Dazu zählen die Kriegsjahre, die Deportationen, die Zurückdrängung der deutschen Identität und die Folgen der Auswanderung. Diese historischen Erfahrungen seien Teil des kollektiven Gedächtnisses und verpflichteten dazu, die Vergangenheit ehrlich und respektvoll aufzuarbeiten und zu bewahren.
Bei der Buchvorstellung betonte Camelia Pacz, Vorsitzende des Stadtforums Großkarol, die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte für die Bewahrung der Identität. „Wir sollen unsere Wurzeln, unsere Herkunft nicht vergessen“, sagte sie. Auch deshalb habe das Demokratische Forum der Deutschen die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte der Sathmarer Schwaben fortgesetzt. Im Februar dieses Jahres wurde in Großkarol eine weitere Konferenz zu diesem Themenbereich veranstaltet.
Moderiert wurde die Buchpräsentation von Dr. Péter Levente Szocs, stellvertretender Direktor des Kreismuseums Sathmar. In seiner Einführung ging er auf die Frage ein, wer heute überhaupt als Sathmarer Schwabe bezeichnet werden könne. Die Gemeinschaft, deren Mitglieder sich vor rund 300 Jahren, beginnend in den frühen 1710er-Jahren, in etwa 30 Ortschaften niederließen, sei von Anfang an von unterschiedlichen regionalen Traditionen geprägt gewesen. Diese entwickelten sich in der neuen Heimat weiter. Auch die Schicksale der einzelnen Gemeinschaften verliefen während der beiden Weltkriege, der Deportation, der Kollektivierung und der Aussiedlungen unterschiedlich.
Szocs ordnete den Band und die vorausgegangene Konferenz in die Tradition der heimatkundlichen Forschung ein. Dabei verwies er unter anderem auf die 1931 erschienene Monografie von Stefan Vonhaz sowie auf neuere Forschungsergebnisse aus Tübingen, Budapest und Klausenburg. Zugleich erinnerte er an die im Vorwort des Bandes formulierte Feststellung von Bischof Eugen Schönberger, wonach die Kirche neben ihrem pastoralen Auftrag auch kulturelle und historische Verantwortung trage.
Die Konferenz und die daraus entstandene Publikation seien Ausdruck dieses Verantwortungsbewusstseins.
Anschließend stellte Dr. Péter Levente Szocs den Aufbau des Bandes vor. Das Buch ist in fünf thematische Einheiten gegliedert. Ergänzt wird die Publikation durch ein Personen- und Ortsnamenregister sowie kurze biografische Angaben zu den Autoren.
Herausgegeben wurde der Band von Bernadette Baumgartner, Réka Marchut und EmmerichTempfli. Als wissenschaftlicher Lektor fungierte Zoltán Mihály Nagy, die kirchlichen Lektoren waren Csaba Ilyés und Péter Melega. Ermöglicht wurde die Herausgabe durch das Römisch-Katholische Bistum Sathmar.
Wie bei der Präsentation hervorgehoben wurde, arbeiteten die Autoren nicht nach einem vorgegebenen Themenkatalog, sondern ausgehend von ihren jeweiligen Fachgebieten. Dadurch vereint der Band klassische historische Untersuchungen mit ethnografischen und soziologischen Betrachtungen.
Im weiteren Verlauf stellten die anwesenden Autoren ihre Beiträge in der Reihenfolge des Inhaltsverzeichnisses vor. Der Kirchenhistoriker Emmerich Tempfli präsentierte sowohl die erste als auch die abschließende Studie des Bandes. In seinem Beitrag „Aus der alten Heimat in die neue Heimat.
Ursachen und Umstände der Ansiedlung der Sathmarer Schwaben im Spiegel der neuesten Forschungen“ untersucht er die Hintergründe der Ansiedlung. In der abschließenden Studie „Die Heimat gegen die alte Heimat eingetauscht. Die Auswanderung der Sathmarer Schwaben nach Deutschland“ widmet er sich der Geschichte der Auswanderung im 20. Jahrhundert.
Der Sathmarer Pfarrer István Kinczel sprach über die Auswanderung der Sathmarer Schwaben nach Amerika Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sowie deren Ursachen und Folgen. Bernadette Baumgartner stellte ihre Studie über „Die katholische Kirche und die Sathmarer deutsche Bewegung zwischen 1920 und 1940“ vor. Réka Marchut beschäftigte sich mit dem Verhältnis der Sathmarer Schwaben zur katholischen Kirche während des Zweiten Weltkriegs von 1940 bis 1944.
Csaba Ilyés erläuterte seine Untersuchung über das pastorale und diplomatische Engagement des Römisch-Katholischen Bistums Sathmar während der Deportationen der Schwaben.
Die Beiträge der bei der Veranstaltung nicht anwesenden Autoren stellte Dr. Péter Levente Szocs vor. Darunter waren Tamás Sárándis Studie über die Assimilation der Sathmarer Schwaben während der Zeit der Doppelmonarchie anhand der Volkszählungen, Ferenc Eilers Untersuchung über die deutsch-ungarische Zusammenarbeit in Rumänien in der Zwischenkriegszeit sowie Adalbert Császárs Beitrag „35 Jahre: Demokratisches Forum der Deutschen in Nordsiebenbürgen – eine erfolgreiche Rückkehr zu den Wurzeln der Sathmarer Schwaben“.
Die Buchvorstellung endete mit einer regen Diskussion mit dem Publikum. Anschließend signierten die anwesenden Autoren die von den Besuchern erworbenen Bücher.
Der neue Sammelband verbindet damit wissenschaftliche Forschung mit der Vorstellung einer Gemeinschaft, deren Geschichte eng mit der Entwicklung der Region Sathmar verbunden ist. Er dokumentiert nicht nur die Vergangenheit, sondern soll auch dazu beitragen, das Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und das kulturelle Erbe der Sathmarer Schwaben für kommende Generationen zu bewahren.
Die Publikation ist an der Pforte des Römisch-Katholischen Bistums Sathmar erhältlich. Im Ausland lebende Interessierte können ihre Bestellung per E-Mail an puspokseg@ercsatumare.ro richten.
