Reschitza – Wie verwandelt man eine überbordende Industrietradition, die eine Stadt prägte, die sich entvölkert, in einen gastfreundlichen Raum für die verbliebene Gemeinschaft? Die Antwort auf diese verzwickte Frage wird in Reschitza zwischen dem 31. Juli und dem 2. August innerhalb des UrbanEye Film Festivals gesucht. Dahinter steckt aber viel mehr als ein Festival, auf dem historische und dokumentarische Aufnahmen und Filme sowie Architektenvorschläge und –träume zur Diskussion gestellt werden. In der Bielefeld-Straße im Lunca-Pomostului-Viertel zwischen Hausnummer 8 und 10 – aber auch an anderen Stellen der Stadt, die von den federführenden Architekten der Veranstaltung als Schlüsselstellen für Reschitza angesehen werden – schafft man Möglichkeiten zum offenen Dialog mit der Bevölkerung, für Workshops, auch mit Kindern, zur Filmprojektion – sämtliche Veranstaltungen und Events sind mit freiem Zutritt.
Ausgehend vom „Paradox des Wohnens“, definiert von den Veranstaltern als „eine Stadt, die zur gleichen Zeit sowohl zu viel, als auch zu wenig hat“, gemeint sind Wohnraum und Prägung, stellen die jungen Architekten an alle Interessierten kleiner und mittelgroßer Städte die Frage, wie mit der „Wohnungskrise“ umzugehen ist, wenn viele Wohnungen leerstehen und zu vergammeln beginnen – wie auch in Reschitza konkret der Fall.
Damit schlagen sie neuerlich ein unter den Teppich gekehrtes Thema an, denn Rumänien kommt aus der bis zum Wahnsinn forcierten Industrialisierungspolitik des Ceaușescu-Kommmunismus – die auch zu einer „Ver-Wohnblock-isierung“ mancher Industriestädte führte, mit viel, aber qualitätsmäßig schlechtem Wohnraum in unzähligen Wohnsilos, mit einem riesigen Wohnungsfonds, mit dem heute kaum jemand noch etwas zu tun haben möchte, nicht ganz paradoxerweise auch wegen der Kosten von Fassadeninstandhaltung und Pflege des gemeinsam genutzten Innenraums.
Vor einigen Monaten hatten die jungen Architekten in Klausenburg ein anderes geflissentlich übersehenes Phänomen angesprochen, die „Gentrifikation“ und das explosive Ansteigen der Mietkosten – denn geflissentlich übersehen wird hierzulande auch, dass dieses Volk, das nach 1990 durch einige Regierungsmaßnahmen auf relativ günstigem Weg zu einem „Volk der Wohnungsbesitzer“ wurde, sich allmählich zu einem „Mietervolk“ zu wandeln beginnt. Die Reschitzaer Veranstaltung wendet sich also einer „Wohnungskrise anderer Natur“ zu als sie in der Boomstadt Klausenburg und Umgebung zu verzeichnen ist. Anders gesagt: „Reschitza als Fallbeispiel einer urbanistisch sich gezielt wandelnden alten Industriestadt mit einem riesigen (vernachlässigten und auf dem Weg des Vergammelns befindlichen) Wohnungsfonds, die unter demografischem Schrumpfen leidet“.
Neben Dokumentationen aus den Archiven des Reschitzaer Maschinenbauwerks UCMR – einst das größte Rumäniens – werden auch Fallbeispiele aus der ganzen Welt gezeigt und zur Diskussion gestellt.
Die Architekten wollen auch Möglichkeiten der Regenerierung des riesigen Vorrats an ungenutzten Industriehallen ansprechen, ebenso Chancen der Nutzung durch Industriearchäologie – an einem Fallbeispiel, die Regenerierung und Umwandlung der Industrieseilbahn, wird soeben gearbeitet. Das Ganze wurde (natürlich auf Englisch...) Re{i]a Industrial Heritage Lab getauft und wird von den Architektinnen Marina Batog und [tefana B²descu geleitet. Damit wird die Veranstaltung Freitag-abend eröffnet.
Samstag geht es weiter mit morgendlichen Veranstaltungen für Kinder – erdachte Städte, mögliche Städte – aus Sicht der Kinder. Einschreibungen bei „de-a-arhitectura.ro“. Abends sind zum Thema „Vom Appartement in die Stadt – Gemeinsam wohnen“ Vertreter der Kommunalverwaltung eingeladen.
Danach wird der tschechische Film „Die Wohnungsbesitzer“ gezeigt, eine schwarze Komödie. Sonntag wird das Gelände des Maschinenbauwerks UCMR mit Führung besucht. Die Führung übernimmt Ioana Ciolea vom Museum des Amateurfilmers in Reschitza. Abends wird, ausgehend von kanadischen Film „Alleine wohnen“ (2020) die Problematik der immer mehr Alleinwohnenden angesprochen, um auch das andere Thema, das des Alterns, anhand des kanadischen Films „When We Grow Older“ (2023) zur Diskussion zu stellen.
Bei der Veranstaltung handelt es sich um ein Projekt des Vereins „ARTA în dialog“, finanziert vom Architektenorden Rumäniens und organisiert vom Rathaus Reschitza, dem Verein „Make Better“ (MKBT) sowie dem Verein „De-a Arhitectura“.




