10.000 Kilometer, 14 Länder und mehr als 40.000 Höhenmeter: Das Crataegutt Seniors Racing Team aus Österreich hat sich für diesen Sommer eine außergewöhnliche Herausforderung vorgenommen. Seit dem 15. August fährt die Gruppe entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs von der Nordspitze Norwegens bei Kirkenes bis ans Schwarze Meer. Inzwischen ist das Team in Nordmazedonien angekommen. Am 8. September standen dort rund 4000 Höhenmeter auf dem Programm.
Organisator der Reise ist Herbert Lackner. Der 86-jährige Österreicher gehört selbst zum Fahrerteam. „Wir sind am 15. August an der Nordspitze von Norwegen in der Nähe von Kirkenes losgefahren und haben vor, innerhalb der nächsten Woche am Schwarzen Meer anzukommen“, erzählt er im Gespräch. Ziel ist Karevo in Bulgarien.
Die Dimensionen der Tour sind beeindruckend: Bis zu 300, manchmal 320 Kilometer legen die Radfahrer an einem Tag zurück. Die sieben Fahrer sind in zwei Gruppen aufgeteilt und wechseln sich ab. „Grundsätzlich wechseln wir jeden zweiten Tag“, erklärt Herbert Lackner. Während eine Gruppe unterwegs ist, stehen den anderen die beiden Begleitfahrzeuge zur Verfügung. Zwei Wohnmobile und zwei Vans begleiten die Reise, eines davon jeweils direkt hinter den Radfahrern, ein weiteres für das Medienteam.
Die Route orientiert sich am Iron Curtain Trail, der entlang der ehemaligen Trennlinie Europas führt. Doch die historische Strecke ist längst nicht überall so einfach befahrbar, wie es auf der Karte aussieht. „Die Orientierung ist manchmal sehr schwierig“, sagt Lackner. Immer wieder führen die ausgewiesenen Varianten auf Straßen, die für Radfahrer inzwischen gesperrt sind. Auch alte Routenbeschreibungen helfen nicht immer weiter. „Manche Varianten wurden vor zehn, zwölf Jahren publiziert. Dann wurde aber das Land verkauft, ein Zaun gebaut, ein Haus gebaut. Man steht plötzlich vor dem Ende.“ Die Route müsse deshalb häufig spontan neu festgelegt werden.
Gerade darin liegt ein Teil des Reizes der Reise. Sie führt durch Landschaften und Orte, an denen die Geschichte des Kalten Krieges noch sichtbar ist. Bei Point Alpha in Deutschland fuhr das Team über einen ehemaligen Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen. In Drasenhofen besuchte es eine Gedenkstätte mit 56 Eisensäulen, die an Menschen erinnern, die im Grenzgebiet getötet wurden.
Auch die jüngere Geschichte der bereisten Länder begegnet den Radfahrern unmittelbar. Anfang September ging es innerhalb eines Tages durch Kroatien, Serbien und Ungarn, mehr als 300 Kilometer. An der serbischen Grenze sorgte der umfangreiche Reiseproviant für Aufregung. Die Beamten kontrollierten Kartons mit Trekkingnahrung und Brot. „Da haben wir an der serbischen Grenze ein Problem bekommen“, erzählen die Radfahrer. Die Beamten hätten zunächst offenbar vermutet, dass die Gruppe Lebensmittel schmuggeln könnte, doch schließlich durften sie weiterfahren.
Am Samstag, dem 5. September, machte ein Teil der Gruppe einen Abstecher nach Temeswar/Timișoara. Während die Gruppe um Alfred Lechnitz die eigentliche Radetappe fuhr, besuchte Lackners Gruppe die Stadt. Der Aufenthalt passte thematisch zur Reise: Temeswar, auch als „Klein-Wien“ bekannt, war Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie und ist bis heute von dieser gemeinsamen Geschichte geprägt. Die drei Radsportler Herbert Lackner, Josef Bichl und Lothar Färber wurden von der Konsularassistentin am Österreichischen Honorarkonsulat in Temeswar, Lavinia Georgescu, und von Alexander Kuhn, dem Vorsitzenden der Herzensösterreicher in Temeswar und Mitglied im Temeswarer Masters-Seniorenschwimmverein, empfangen. „Der Besuch bot uns interessante Einblicke und natürlich auch Gelegenheit für nette Gespräche“, heißt es im Reiseblog.
Für einen der Teilnehmer war Temeswar allerdings nur ein kurzer Zwischenstopp. Josef Bichl, der wenige Tage zuvor seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, nutzte die frühe Ankunft des Teams, um noch 35 Kilometer der nächsten Etappe vorauszufahren. Bichl ist dreifacher Senioren-Weltmeister im Radsport. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Teams bringt die Gruppe insgesamt 42 Goldmedaillen von Weltmeisterschaften, Senioren-Olympiaden und ähnlichen Wettbewerben auf.
Die sportliche Erfahrung der Gruppe ist beträchtlich. Herbert Lackner berichtet, dass das Team zweimal das „Race Across America“ gewonnen hat, ein rund 5000 Kilometer langes Rennen von der West- zur Ostküste der USA, das nonstop gefahren wird. Doch bei der aktuellen Tour geht es nicht in erster Linie um sportliche Rekorde. „Wir wollen auch ein bisschen Vorbild sein für die ältere Generation“, sagt Lackner. „Dass man aktiv sein soll, dass man Sport betreiben soll. Und nicht sagen: Ich kann nicht mehr.“
Bichl sieht es ähnlich. „Der Radsport ist jetzt für uns eigentlich ein Lebenselixier geworden. Gesundheit, Fitness“, sagt er. Gleichzeitig ermögliche der Sport, die Welt kennenzulernen. Bichl selbst hat schon als Kind mit dem Sport begonnen und später unter anderem Skilanglauf, Fußball, Tennis und Marathon betrieben. Zum Radsport kam er mit 40 Jahren.
Was also ist das Geheimnis, auch mit 80 oder 86 Jahren noch täglich viele Kilometer zurückzulegen? Für Lackner beginnt es im Kopf: „Das ist eine mentale Einstellung. Man muss sich halt auch gern bewegen. Wenn es eine Qual ist, dann wird es nicht funktionieren.“ Wichtig sei, überhaupt eine Aufgabe und ein Hobby zu haben. Gerade nach dem Eintritt in den Ruhestand dürfe man nicht einfach aufhören, aktiv zu sein. „Man bleibt länger fit im Kopf, mental auch“, sagt Bichl. Radfahren, Schwimmen und Langlaufen seien besonders geeignet, weil sie die Gelenke schonen. Krafttraining könne zusätzlich helfen, die Muskulatur zu stärken.
Auf ihrer Fahrt erleben die Senioren aber nicht nur sportliche Herausforderungen. Sie kommen auch mit den Menschen vor Ort in Kontakt. In Kroatien etwa wurde die Gruppe auf einem Campingplatz gastfreundlich aufgenommen. Gleichzeitig beobachten die Österreicher aufmerksam die Veränderungen der Landschaft. Besonders betroffen zeigte sich Lackner von der Trockenheit in der Region.
„Hier war ich erschüttert. Von dieser Dürre, von diesen riesigen Maisfeldern“, erzählt er. Die Felder seien teilweise völlig vertrocknet gewesen, auch riesige Sonnenblumenfelder hätten ihn beeindruckt – allerdings im negativen Sinn: „Ich habe noch nie in meinem Leben so große Sonnenblumenfelder gesehen, die total schwarz waren.“ Die Auswirkungen des Klimawandels seien auch in Österreich zu beobachten. „Das wird schon ein Problem“, sagt er.
Während die sportliche Herausforderung noch einige Tage andauert, ist die Reise für das Team längst mehr als eine lange Radtour geworden. Sie verbindet Sport mit Geschichte, Begegnungen und der Beobachtung einer sich verändernden Landschaft. Am 7. September durchquerte die Gruppe das Eiserne Tor an der Donau, am folgenden Tag ging es über einen hohen Pass. Am 8. September schließlich standen in Nordmazedonien rund 4000 Höhenmeter auf dem Programm. Nach zahlreichen Kurven, Anstiegen und Abfahrten zeigte sich das Team am Abend zwar erschöpft, aber beeindruckt von der Landschaft.
Noch ist das Schwarze Meer nicht erreicht. Doch für Lackner und seine Mitstreiter ist das Alter kein Grund, kürzer zu treten. Mit ihrer Reise wollen sie zeigen, dass Bewegung und sportliche Aktivität bis ins hohe Alter möglich sind.
