Alle drei Jahre hält die OECD der Weltschulpolitik einen Spiegel vor: PISA, das „Programme for International Student Assessment“, testet 15-Jährige in rund 80 Ländern in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften – aber nicht auf auswendig gelerntes Schulwissen, sondern auf die Fähigkeit, dieses Wissen auf reale Situationen anzuwenden: Eine Preisrechnung im Supermarkt, ein Zeitungstext, eine einfache naturwissenschaftliche Schlussfolgerung. Die Skala ist auf einen historischen OECD-Mittelwert von 500 Punkten geeicht; als Faustregel gelten 30 Punkte Unterschied als etwa ein Schuljahr Lernrückstand. Am Dienstag wurden die Ergebnisse des neuesten Zyklus veröffentlicht. Sie geben wenig Anlass zur Beruhigung – am wenigsten für Rumänien.
Rumänien hinkt ein Vierteljahrhundert hinterher
Rumänien nimmt seit 2006 teil an den PISA-Tests. Der Blick auf zwei Jahrzehnte zeigt kein Bild eines Landes, das aufholt, sondern eines, das nach einem kurzen Hoch wieder abrutscht. 2012, auf dem historischen Höhepunkt, erreichten rumänische Schüler 445 Punkte in Mathematik. Seither: 444 (2015), 430 (2018), 428 (2022), nun 419 (2025). Bei Lesen und Naturwissenschaften ist das Bild fast deckungsgleich – ein struktureller, über zehn Jahre anhaltender Abwärtstrend, unterbrochen nur von einem Plateau zwischen 2018 und 2022, als sich alle drei Werte bei exakt 428 Punkten einpendelten.
Man könnte einwenden: Der OECD-Schnitt sinkt ja auch, von 494 (2012) auf geschätzt 463 Punkte (2025) in Mathematik – ein globaler, pandemiebedingter Einbruch. Das stimmt. Aber Rumäniens Rückgang begann bereits 2012, lange vor Corona und noch vor der breiten Verbreitung von Smartphones in Schulklassen. Dass der numerische Unterschied zum Durchschnittswert geringer ist als vor 10 Jahren, deutet ja nicht auf eine Verbesserung der rumänischen Schüler hin, denn die Vergleichsbasis ist auch gesunken. Tragisch ist nur, dass es in den letzten 15 Jahren trotz allerhand Programmen wie „gebildetes Rumänien“ und einer ganzen Reihe mehr oder weniger begabter Bildungsministern nicht zu einem Wachstum gekommen ist. Wir behalten also den Trend.
Wo Rumänien heute steht
Die aktuellsten Detailwerte stammen aus PISA 2022 (die Aufschlüsselung für 2025 folgt erst 2027): 428 Punkte in allen drei Fächern, Platz 45 bis 48 von 81 getesteten Ländern. Fast jeder zweite rumänische Schüler – 49 Prozent – erreicht in Mathematik nicht einmal die Mindestkompetenzstufe 2, jene Schwelle, ab der man laut OECD-Definition „effektiv und produktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen“ kann. Beim Lesen sind es 42 Prozent, bei Naturwissenschaften 44 Prozent. Ein Drittel der rumänischen Schüler (33,2 Prozent) verfehlt dieses Minimum gleichzeitig in allen drei Fächern – der OECD-Schnitt liegt bei 16,4 Prozent. Auf der anderen Seite der Skala: Nur vier Prozent erreichen Spitzenniveau in Mathematik, halb so viele wie im OECD-Durchschnitt.
Im europäischen Bild führt Estland unangefochten (510/511/526 Punkte 2022), gefolgt von Irland, Finnland und Polen. Rumänien bewegt sich am unteren Ende, gemeinsam mit dem Großteil Südosteuropas.
Im direkten Balkan-Vergleich liegt Rumänien hinter Kroatien (463 Punkte in Mathematik) und Serbien (440), etwa gleichauf mit Griechenland (430), aber klar vor Bulgarien (417) – das Land, das (gemeinsam mit Rumänien) das EU-Schlusslicht bildet.
Wer sich mit „wenigstens nicht wie Bulgarien“ beruhigt, wählt einen sehr niedrigen Maßstab.
Die Gründe – und warum eine bequeme Erklärung nicht reicht
Nach jeder PISA-Runde folgt üblicherweise dieselbe Liste an Erklärungen: die Pandemie, die Handys, die „schwierige Generation“. Diese Faktoren sind real – aber sie erklären einen weltweiten Trend, keinen rumänischen Sonderfall. Wenn nahezu jedes Land 2022 gegenüber 2018 an Punkten verlor, dann erklärt Corona nicht, warum Estland trotzdem an der Weltspitze steht und Rumänien bei fast 50 Prozent funktionaler Rechenschwäche.
Die eigentlichen Ursachen sind hausgemacht und seit Jahrzehnten bekannt:
Die Stadt-Land-Kluft ist der größte Einzelfaktor: Zwischen Bukarest und dem ländlichen Raum liegen laut dem OECD-Berater Dragoș Iliescu 109 PISA-Punkte (also rund drei Schuljahre Unterschied) – ein Abstand, der die ländlichen rumänischen Schulen auf das Niveau von Indonesien, den Philippinen oder Marokko stellt. Bukarest allein würde im internationalen Vergleich mit europäischen Hauptstädten mithalten, das ländliche Rumänien aber nicht.
Sozioökonomische Herkunft entscheidet in Rumänien mehr als fast überall sonst in der OECD: 25,8 Prozent der Leistungsunterschiede erklären sich durch die soziale Herkunft der Schüler – OECD-Schnitt: 15,5 Prozent. Und diese Kluft wächst, während sie im OECD-Durchschnitt weitgehend stabil bleibt.
Wer zurückbleibt, verschwindet aus der Statistik – und beschönigt sie dadurch: Rund ein Viertel der rumänischen Jugendlichen im entsprechenden Alter besucht laut „Save the Children“ keine weiterführende Schule mehr; auf dem Land liegt die Abbruchquote bei 27,5 Prozent (in Großstädten bei 3,3 Prozent). Diese Schüler tauchen in PISA gar nicht erst auf. Die tatsächliche Bildungsmisere ist damit eher unter- als überzeichnet.
Privatnachhilfe kompensiert das hinkende öffentliches System – nur eben nicht für alle: Städtische Eltern geben 30 bis 40 Prozent mehr für Nachhilfe aus als Familien auf dem Land. Was in wohlhabenderen Ländern ein Zusatzangebot ist, wird in Rumänien zunehmend zur Voraussetzung, um überhaupt mitzuhalten – ein System, das bestehende Ungleichheit nicht ausgleicht, sondern noch weiter verstärkt.
Chronische Unterfinanzierung und institutionelle Instabilität: Sie runden das Bild ab. Nur ca. 2,5 Prozent des BIP Rumäniens ist der Bildung gewidmet, wobei der OECD-Durchschnitt beim fast Doppelten liegt.
Lehrer haben wir aber zur Genüge: Mit 1,9 Prozent unbesetzten Stellen liegt Rumänien sehr nahe am OECD-Schnitt von 1,6 Prozent. Nur ist der Lehrerjob oftmals nicht wegen der Liebe zum Fach attraktiv, sondern aufgrund des parallelen Bildungssystem der Nachhilfestunden und After-Schools, das ein Vielfaches des öffentlichen Gehalts ermöglicht.
Was Rumänien von Estland lernen könnte
Der Vergleich mit Estland ist deshalb interessant, weil es kein einfacher Sonderfall ist, sondern ebenfalls ein kleines, postkommunistisches Land mit begrenzten Ressourcen – und trotzdem seit rund zwei Jahrzehnten kontinuierlich an die Weltspitze aufgestiegen. Das estnische Modell beruht auf vier Prinzipien, die sich fast eins zu eins als Gegenentwurf zu Rumäniens Schwächen lesen lassen:
Erstens: echte Lehrerautonomie. Estnische Lehrkräfte entscheiden selbst über Unterrichtsinhalte und -methoden im Rahmen eines nationalen Curriculums – bei entsprechend hohen Qualifikationsanforderungen (Masterabschluss als Standard). Rumänien tut das Gegenteil: ein zentralisiertes, wenig flexibles System, in dem Lehrer eher Vorgaben ausführen als gestalten.
Zweitens: konsequente Chancengleichheit statt früher Selektion. Estland trennt Kinder nicht früh nach Leistung, sondern investiert gezielt in sozial-emotionale Kompetenzen bereits im Kindergarten.
Rumänien hingegen lässt die soziale Herkunft bereits in der Grundschule über den weiteren Bildungsweg entscheiden.
Drittens: ein kultureller Anspruch – „aim high and work hard“ (steck dir hohe Ziele und arbeite hart) – der in Estland tief verankert ist und sich in hohen Erwartungen an Schüler und Lehrer gleichermaßen niederschlägt.
Viertens: ein pragmatischer, nicht ideologischer Umgang mit Digitalisierung. Estland verbietet Handys nicht pauschal, sondern integriert sie als Werkzeug – bei gleichzeitig massiver Investition in digitale Infrastruktur seit den 90er-Jahren.
Was jetzt zu tun wäre
Konkret hieße das für Rumänien: gezielte Zusatzressourcen für ländliche Schulen statt Gießkannenprinzip; verbindliche Frühförderprogramme für sozial benachteiligte Kinder bereits vor der ersten Klasse; eine Aufwertung des Lehrerberufs durch echte Gestaltungsfreiheit statt zusätzlicher Bürokratie; und – das ist vielleicht am unbequemsten – der politische Wille, das Bildungssystem als Investition statt als Sparposten zu behandeln, über mehrere Legislaturperioden hinweg, unabhängig von der Regierungspartei. Vielleicht waren da die kommunistischen fünf, zehn und fünfzehn Jahrespläne nicht so schlecht…
Die damals zuständige Bildungsministerin Ligia Deca wertete die PISA-2022-Ergebnisse öffentlich als Beleg für ein „resilientes“ System, das im Pandemie-Vergleich „keine signifikanten Verluste“ erlitten habe. Das ist technisch nicht falsch – und verfehlt trotzdem den Punkt. Ein System, in dem jeder zweite Schüler die mathematische Mindestkompetenz verfehlt, ist kein Erfolg, nur weil es nicht noch schlechter geworden ist. Resilienz ist kein Ersatz für Qualität. Und ein Land, in dem 55 Prozent der Schüler zum Studieren oder Arbeiten ins Ausland gehen wollen (laut einer „Save the Children“-Umfrage), kann sich diese Selbstzufriedenheit auf Dauer nicht leisten.
