Dimitrie Cantemir, Vermittler zwischen Orient und Okzident

Der Musikant des Sultans von Wolfgang Günter Lerch

Mit Der Musikant des Sultans legt Wolfgang Günter Lerch, langjähriger Nahost-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einen historischen Roman über Dimitrie Cantemir (1673–1723) vor, der weniger auf äußere Spannung als auf kulturelle Vermittlung, Erinnerung und geistige Selbstbefragung setzt. Der 2026 im Berliner Noack & Block Verlag erschienene Text erzählt auf 146 Seiten, aufgegliedert in10 Kapiteln, das Leben des bekannten moldauischen Fürsten, Gelehrten und Musikers, der zwischen Moldau, Osmanischem Reich und Russland seinen Platz suchte. Lerch wählt dafür eine rückblickende Perspektive: Der gealterte Cantemir schaut wenige Monate vor seinem Tod 1723 aus seinem Exil in Charkow (heutige Ukraine – Charkiw) auf ein Leben zurück, das von politischer Abhängigkeit, Exil, Wissensdrang und der Faszination für eine fremde Kultur, die Kultur der Osmanen aber auch die seiner moldauischen Heimat geprägt ist. In der Ich-Erzählung Cantemirs wird auch der Leser oft direkt angesprochen und die eingefügten Apropos und Betrachtungen In der Nachsicht oder Aus der Nachsicht klären den Leser auf über Verhältnisse oder Personen, wie etwa den Fürsten Constantin Brâncoveanu, der bestimmt nur wenigen Lesern bekannt sein dürfte (133) oder erklärt die Politik Peters des Großen von Russland.

„Bei uns in der Moldau, wo man die Herrschaft der Türken hasst, gelten sie als ungehobelte Barbaren, fern jeglicher Kultur, die fremdartigen Kulten huldigen und einen Götzen namens Mahomet oder Allah anbeten. Die uns Moscheen aufdrängen, obwohl wir diese in unseren Dörfern nicht haben wollen. Die aus heiterem Himmel unsere Jungfrauen rauben und unsere Knaben entführen. Die in Zelten hausen und rohes Fleisch essen…“ (Türkische und andere Lehrer – Fünftes Kapitel, 59). Cantemir sah die Religion seiner türkischen Besatzer kritisch. Aber gleichzeitig sah er die Vorteile seines Aufenthalts in Konstantinopel. „Die meisten Sultane sind Freunde der Dichtung und halten sich gewissermaßen Poeten, an deren Werken sie sich ergötzen wie an der Musik. Besonders beliebt ist die Poesie der Perser…“ (60) Wie Wolfgang Günter Lerch  im Kapitel „Wie es weiterging“ (145) hervorhebt, war Cantemir ein Universalgelehrter vom „Schlage Leibniz’“ und ein früher „Brückenbauer zwischen Okzident und Orient“. Sein wissenschaftliches Wirken sei heute „aktueller denn je“, auch wenn er in Europa noch immer wenig bekannt ist. Er zieht Bilanz: „Ich lernte Künste und Gebiete des Geistes kennen, die mir zuvor gänzlich unbekannt oder fremd gewesen waren und die ich ohne das Los einer Staatsgeisel niemals erfahren hätte. Ich knüpfte Kontakte, ja sogar Freundschaften in die höchsten Kreise des Reiches, bis hin zum Großwesir, dem Serasker und vielen anderen Honoratioren. Sie gaben mir so viel, dass ich über sie ein umfangreiches Werkverfassen konnte…“ (S. 88) 

Der Roman gewinnt seine Stärke aus dieser Zwischenstellung. Cantemir erscheint nicht nur als historische Figur, sondern als Grenzgänger zwischen Herrschaftsräumen, Sprachen und Weltbildern. Als Fürstensohn muss er seine Heimat verlassen, am osmanischen Hof leben und später nach Russland ins Exil gehen. Lerch zeigt ihn als Mann, der politischen Zwängen unterworfen ist und gerade dadurch Zugang zu geistigen Welten findet, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. Besonders überzeugend ist, wie der Roman die Begegnung mit Konstantinopel gestaltet: nicht als einfache Gegenüberstellung von Orient und Okzident, sondern als spannungsreiche Annäherung an eine Kultur, die Cantemir zugleich beargwöhnt, bewundert und schließlich wissenschaftlich durchdringt.
Gerade in den Passagen über die osmanische Musik entfaltet Lerchs Roman seine besondere Eigenart. Die Musik ist hier nicht bloß dekorativer Hintergrund, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der Figur. Cantemir lernt Sprache, Formen und Denkweisen des Osmanischen Reiches kennen; aus der Staatsgeisel wird ein Kenner, aus dem Fremden ein Vermittler. Wenn Lerch die Feinheit der Peschrews (sogenannte Ouvertüren), die Kunst der musikalischen Notation und Cantemirs theoretische Beschäftigung mit „türkischen Weisen“ schildert, verbindet er literarische Darstellung mit kulturhistorischer Reflexion. Das gelingt dort am besten, wo Fachwissen nicht belehrend auftritt, sondern aus der Lebensgeschichte der Figur hervorgeht.

Lerch erinnert zugleich an die historische Bedeutung Cantemirs: an den Universalgelehrten, der elf Sprachen beherrschte, seit 1714 Mitglied der Brandenburgischen Wissenschaftlichen Akademie war und mit Incrementa atque decrementa Aulae Othomanicae   – 1714 -1716 entstanden, das bis heute zu den wichtigsten Quellen zur Geschichte jener Zeit gehört – ein für sehr lange Zeit  einflussreiches Werk zur Geschichte des Osmanischen Reiches verfasste. Ebenso wichtig ist sein Beitrag zur Musiktheorie, insbesondere das „Buch der musikalischen Wissenschaft nach der Methode der Buchstaben“, mit dem die osmanische Kompositionen schriftlich festgehalten werden konnten. Lerchs Interesse gilt weniger der dramatischen Zuspitzung als der Wiederentdeckung einer europäischen Randfigur, deren Werk bis heute erstaunlich aktuell wirkt. Dabei besitzt Der Musikant des Sultans eine klare thematische Kraft: Macht und Musik, Kultur und Krieg, Loyalität und Identität werden eng miteinander verknüpft. Der Roman zeigt, wie gefährlich politische Entscheidungen in einer Zeit konkurrierender Großmächte sein konnten. Cantemirs Bündnis mit Zar Peter dem Großen, der gescheiterte Feldzug gegen die Türken und die Flucht nach Russland markieren den Bruch in seinem Leben. Doch Lerch erzählt diesen Bruch nicht nur als politische Niederlage, sondern auch als existenziellen Verlust: Cantemir bleibt ein Mensch, der seine Heimat, die Moldau, vermisst und doch nicht mehr dorthin zurückkehren kann. Die Entscheidung, Cantemir rückblickend selbst erzählen zu lassen, ist wirkungsvoll, birgt aber auch eine Grenze. Der Roman nähert sich seiner Figur mit großer Achtung; dadurch entsteht ein ruhiger, reflektierender Ton, der zur Gelehrtenbiografie passt, manchmal jedoch erzählerische Spannung zurücknimmt. Wer einen handlungsreichen historischen Roman erwartet, könnte die essayistischen und erklärenden Passagen als zu dominant empfinden. Wer sich hingegen für Kulturgeschichte, Orient-Okzident-Beziehungen und die Verbindung von Musik, Macht und Wissen interessiert, findet gerade darin den Reiz des Buches. Der Kenner rumänischer Geschichte, die Cantemir stets als Helden verehrt, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens nicht im Land verbrachte, liest die Geschichte besonders aufmerksam. 

Besonders gelungen ist die Darstellung der osmanischen Musik als kultureller Erfahrungsraum. Sie erscheint nicht als exotische Kulisse, sondern als ernst zu nehmende Kunstform mit eigener Ordnung, Tiefe und gesellschaftlicher Bedeutung. Musik verbindet im Roman persönliche Bildung, höfische Kommunikation und politische Anpassung. Da-durch wird Cantemirs musikalische Begabung zu mehr als einer biografischen Besonderheit: Sie steht für seine Fähigkeit, zwischen Kulturen zu hören, zu übersetzen und zu vermitteln. So ist Der Musikant des Sultans ein leiser, gelehrter und sorgfältig komponierter Roman über eine historische Figur, die es tatsächlich neu zu entdecken lohnt. Lerch gelingt es, Cantemir nicht nur als Fürsten im Spiel der Mächte zu zeigen, sondern als Gelehrten, Musiker und Grenzgänger, dessen Leben Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und kultureller Offenheit aufwirft – und somit an Aktualität gewinnt. Die Stärke des Buches liegt weniger in dramatischer Zuspitzung als in seiner atmosphärischen Dichte und seinem kulturhistorischen Blick. Gerade dadurch bewahrt der Roman die Erinnerung an einen „Brückenbauer zwischen Okzident und Orient“, dessen Bedeutung weit über seine Zeit hinausreicht. Die Leser mit Hintergrund der Landesgeschichte erfahren aus dem Roman auch viel Neues über den Fürsten Cantemir, das so in den Geschichtsstunden des Systems im Kommunismus nicht vermittelt wurde.