„Ein gut vorbereitetes Kind kann seine Emotionen benennen und einordnen, lässt sich aber nicht von ihnen steuern“

Interview mit Sonderpädagogin Ioana Cristina Constantinescu

Ioana Cristina Constantinescu ist Sonderpädagogin, BCBA (zertifizierte Verhaltensanalytikerin), Leiterin und Gründerin des Vereins ASCEND KIDS in Kronstadt/Brașov sowie Leiterin des gleichnamigen Kindergartens. Mit ihrer umfassenden Erfahrung in Sonderpädagogik, klinischer Psychologie und angewandter Verhaltensanalyse bietet Ioana einen ehrlichen und mutigen Blick auf die heutige Erziehung. Im Gespräch mit ADZ-Redakteurin Bernice Krech-Lițoiu erklärt sie, warum Überprotektion die Entwicklung von Kindern blockiert, wie Technologie deren Gehirn biologisch verändert und warum eine Erziehung ohne Grenzen unangepasste Erwachsene hervorbringt.


In Ihrer täglichen Arbeit begegnen Sie Kindern unterschiedlichen Alters und ihren Familien. Was sind die größten Veränderungen, die Sie im Vergleich zu vor etwa zehn Jahren beobachten?

Es gibt einen immer stärkeren Trend, das Kind in den Mittelpunkt des Familienlebens zu stellen – allerdings auf eine ungesunde Weise. Das ist ein Erziehungsstil, der das Kind nicht auf ein resilientes Leben außerhalb der Familie vorbereitet. Das Kind steht im Zentrum aller Entscheidungen, und Situationen, die es fordern, ihm Probleme bereiten oder unangenehme Gefühle auslösen könnten, werden systematisch vermieden. Es wird zu einem kleinen „Chef“. 

Beobachten Sie heute eine geringere Frustrationstoleranz bei Kindern? 

Ja, definitiv. Es ist statistisch erwiesen, dass Kinder heute eine deutlich geringere Frustrationstoleranz und eine geringere Fähigkeit zum Belohnungsaufschub haben. Das bedeutet, es fällt ihnen extrem schwer, auf etwas zu warten, das sie im Hier und Jetzt unbedingt wollen. Das ist zum einen das Ergebnis einer Erziehung, die dem Kind prägende Lebenserfahrungen in dieser Richtung vorenthält, zum anderen aber auch eine direkte Folge des übermäßigen Medienkonsums. Durch Bildschirme wird das Gehirn als Organ geschädigt. Die Zentren, die für die exekutiven Funktionen zuständig sind – also für Inhibition (Hemmung) und emotionale Selbstregulierung –, werden beeinträchtigt und können auf die alltäglichen Anforderungen des Lebens nicht mehr normal reagieren.

Was versteht man unter einem gesunden Umgang mit Bildschirmen? Ab welchem Alter und in welchem Umfang sollte Kindern Zugang gewährt werden?

Erziehung beginnt weit vor dem ersten Medienkonsum: Schon im Säuglingsalter lernt ein Kind die Bedeutung von Grenzen. Sagen Eltern „Nein“, müssen sie diese Grenze auch physisch und konsequent untermauern. Wer stattdessen lacht, weil das Kind beim Unfugtreiben „süß“ ist, erzieht es unbewusst zum Ungehorsam und entwertet das Wort. Kinder kommen ohne Sprachverständnis auf die Welt; wir Eltern formen ihre Realität und Bedeutungswelt von Grund auf.
Auf die Mediennutzung übertragen bedeutet das: Bis zum Alter von drei Jahren sollten Kinder idealerweise überhaupt keinen Kontakt mit Bildschirmen haben. Das erfordert von den Erwachsenen Disziplin. Man kann von einem Kind keine Abstinenz verlangen, während man selbst daneben auf dem Smartphone scrollt. Erst mit zunehmendem Alter kann die Bildschirmzeit schrittweise erweitert werden – generell gelten maximal ein bis zwei Stunden pro Tag als Richtwert. Wichtig ist: Diese Zeit muss über den Tag verteilt und darf nicht am Stück konsumiert werden. Technologie an sich ist eine Bereicherung, doch erst unser verantwortungsvoller Umgang mit ihr entscheidet darüber, ob sie dem Kind nützt oder massiven Schaden zufügt.

Was sind die Folgen, wenn diese Empfehlungen ignoriert werden?

Das kindliche Gehirn formt sich nach der Geburt stark durch Umweltreize. Besonders in den ersten Lebensjahren kann übermäßige Bildschirmzeit dieses System überfordern, da schnelle Bildwechsel und Reizflut die natürliche, langsame Entwicklung von Sprache, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit beeinträchtigen können. Diskutiert wird auch, dass dadurch Bereiche wie der präfrontale Cortex, der für Impulskontrolle und Aufmerksamkeit wichtig ist, in ihrer Entwicklung beeinflusst werden können. Das zeigt sich später etwa in geringerer Frustrationstoleranz, starken Wutreaktionen oder Schwierigkeiten mit Veränderungen und Routinen.

Auch die Sprachentwicklung kann leiden, wenn echte, dialogische Kommunikation durch passive Bildschirmnutzung ersetzt wird. In den Kindergärten lässt sich ein rasanter Anstieg von massiven Verzögerungen beobachten, ohne dass organische Ursachen vorliegen. Mir würden viele Eltern entgegnen, dass ihre Kinder mit dem Tablet beispielsweise viele englische Vokabeln gelernt haben. Das ist eine Illusion – diese isolierte Berieslung ersetzt keine funktionale Sprache – die entsteht vor allem im sozialen Austausch. 

Übermäßiger Medienkonsum wird zudem mit Problemen in Lernen und Gedächtnis in Verbindung gebracht, weshalb viele Experten frühzeitige und unkontrollierte Bildschirmzeit kritisch sehen. Entscheidend ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Menge und Art der Nutzung. Eltern, die tiefer in diese Thematik eintauchen möchten, finden in Fachbüchern wie „Generation Angst“ von Jonathan Haid fundierte Aufklärung.

Ab welchem Alter sollten Kinder stattdessen Verantwortung im Praktischen übernehmen?

Die Verantwortung eines Kindes beginnt, sobald es die ersten Schritte macht. Ab dann kann man ihm spielerisch kleine Pflichten beibringen: Spielzeug wegräumen, Hausschuhe ins Regal stellen oder einen Teller in die Spüle bringen. Das Ganze muss nicht streng sein, sondern kann leicht und spielerisch im Alltag passieren, sodass das Kind es kaum als Pflicht empfindet. Wichtig ist, dass Eltern solche Momente bewusst nutzen, statt alles selbst zu übernehmen. Man muss verstehen, dass Erziehung auch ein Vollzeitjob ist. Wer diese kleinen Lerngelegenheiten auslässt, riskiert, dass dem Kind wichtige Erfahrungen in Richtung Selbstständigkeit fehlen. Denn ohne diese Entwicklung von Autonomie leidet später oft auch das Selbstwertgefühl.

Da Sie erwähnten, dass Eltern-sein eine Kernaufgabe ist: Es gibt viele Eltern, die aufgrund von Karriere einen Teil dieser Aufgaben an den Kindergarten, den Hort oder die Schule übertragen. Welches sind die häufigsten unrealistischen Erwartungen, die Ihnen vonseiten der Eltern gegenüber Erziehern oder Lehrern begegnen?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich sage nicht, dass man nicht gleichzeitig arbeiten und Mutter oder Vater sein kann. Aber die Zeit, die man mit dem Kind verbringt, sollte bewusst genutzt werden, um es zu fördern, ihm etwas beizubringen und es auf ein nicht immer einfaches Morgen vorzubereiten. Oft entsteht das Freistellen von häuslichen Pflichten aus dem Wunsch der Eltern, etwas zu kompensieren. Weil sie wenig Zeit haben, vermeiden sie Konflikte und fordern weniger ein – und rutschen so in Überverwöhnung. Auch in Bezug auf Kindergarten und Schule entstehen Probleme, wenn zu Hause keine Regeln, Routinen oder Autonomie vermittelt werden. Dann treffen Kinder in Institutionen, die genau darauf aufbauen, auf Erwartungen, denen sie nicht gewachsen sind – etwa Frustrationstoleranz oder das Aufschieben von Bedürfnissen. Die Rollen dürfen dabei nicht vertauscht werden: Eltern bereiten emotional und im Verhalten vor, Bildungseinrichtungen vermitteln Wissen und soziale Kompetenzen wie Sprache, Schreiben und Struktur. Beide Seiten müssen sich ergänzen – als echte Erziehungspartnerschaft.

Stichwort „Validierung von Gefühlen“: Was bedeutet es konkret, die Emotionen eines Kindes anzuerkennen, ohne dabei grenzenloses Verhalten zu akzeptieren?

Es geht darum, dem Kind beizubringen, Gefühle zu erkennen und zu benennen, und gleichzeitig zu vermitteln, dass Emotionen zwar normal sind, aber kein falsches Verhalten rechtfertigen. Beispiel: „Du bist wütend, weil dein Auto kaputtgegangen ist. Wütend zu sein ist okay, aber ein anderes Kind deswegen zu schlagen ist nicht in Ordnung und hat Konsequenzen.“ Entscheidend ist Konsequenz. Wenn Regeln mal gelten und mal nicht, lernt das Kind keine Selbstregulation. Deshalb müssen Grenzen klar und verlässlich sein. Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Kind im Park immer wieder auf einen Zaun klettert, reicht nicht ständiges Wiederholen oder Drohen. Besser ist eine klare Regel mit Konsequenz: „Wenn du nochmal auf den Zaun kletterst, gehen wir nach Hause.“ Wird die Regel gebrochen, folgt die Konsequenz sofort und konsequent.

Am wichtigsten bleibt aber das Vorbild der Eltern: Kinder orientieren sich stark daran, wie Erwachsene mit Frust und Emotionen umgehen. Wer selbst respektlos oder impulsiv reagiert, kann vom Kind kaum etwas anderes erwarten.

Heutzutage sieht man in den sozialen Medien sehr viel über psychologische Modelle und Erziehungskonzepte. Werden manche dieser Ansätze von Eltern missverstanden?

Es ist gefährlich, dass Erziehungsmodelle oft so angepasst werden, dass sie bestehende Gewohnheiten der Eltern bestätigen und rechtfertigen. Wenn man sich nicht konsequent mit Regeln und Verhalten auseinandersetzen möchte, greift man leicht zu Ansätzen, die genau das legitimieren und als „entspannt“ verkaufen. Die langfristigen Folgen zeigen sich später: Viele junge Erwachsene scheitern im Übergang in Ausbildung oder Beruf, weil sie mit Anforderungen wie Pünktlichkeit, Struktur und Leistung überfordert sind. Stattdessen entstehen Unsicherheit, Angst oder Überforderung im Umgang mit klaren Erwartungen. Das Buch „Motivation und Verstärkung“ von Robert Schramm bietet einen ganz praktischen Ansatz für Familien mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu dem Thema. Für aktuelle Elternschaft empfehle ich die Bücher von Oana Moraru.

Was ist der größte Mythos über Kindererziehung, dem Sie in den letzten Jahren begegnet sind?

Einer wäre die Annahme, dass Kinder sich mit dem Alter von selbst „richtig“ entwickeln und man sie einfach lassen kann. Doch Entwicklung passiert nicht automatisch – kleine Probleme werden sonst später zu großen. Ein weiterer Mythos ist, dass ein glückliches Kind eines ist, dem es an nichts fehlt. Wenn Eltern jeden Wunsch sofort erfüllen, um Frustration zu vermeiden, wirkt das zwar fürsorglich, kann aber langfristig das Gegenteil bewirken. Das Kind lernt dann kaum mit Enttäuschung umzugehen und gewöhnt sich an ständige Belohnung und neue Reize, was später zu Unzufriedenheit oder Überforderung führen kann.

Wenn Sie eine einzige Sache an der Art und Weise ändern könnten, wie rumänische Eltern ihre Kinder heute erziehen, was wäre das?

Ich bin Christin, und meine Werte orientieren sich an biblischen Überzeugungen. Ich würde mir wünschen, dass alle Eltern ihre Kinder nach den biblischen Lehren Gottes erziehen können. Da Er uns erschaffen hat, weiß Er, wie wir als Menschen funktionieren, und alles, was in Seinem Wort steht, ist gesund für Körper und Seele.

Wenn ich die wichtigsten zwei oder drei Punkte aus diesem Bereich nennen müsste, wäre es dem Kind von klein auf den Weg zu weisen, den es gehen soll, und was Moral und Güte bedeuten. Außerdem an Zurechtweisung nicht zu sparen. Wenn das Kind einen Fehler macht, muss es Konsequenzen für sein Handeln tragen. Vor allem aber ist es wichtig, Gott zu suchen, denn von Ihm kommen die Lösungen für alle Probleme in unserem Leben.

Wie sieht in Ihren Augen ein auf das Leben vorbereitetes Kind aus? Was sollte es bis zum Eintritt in die Adoleszenz über sich wissen, können und verstehen?

Das sind viele Dinge. Mir ist wichtig, dass ein Kind versteht, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen, aber dass es auch Fehler gibt, für die man Konsequenzen tragen muss. Es soll keine Angst haben, Neues auszuprobieren und gleichzeitig lernen, auch auf andere Menschen und ihre Bedürfnisse zu achten. Ein gut vorbereitetes Kind kann seine Emotionen benennen und einordnen, lässt sich aber nicht von ihnen steuern. Seine Entscheidungen entstehen aus einer Balance von Vernunft und Gefühl. Es soll lernen, Anstrengung auszuhalten, Frustration und Ablehnung zu verkraften und Belohnung aufzuschieben. Außerdem soll es die reale Welt aktiv erleben, statt hauptsächlich in einer virtuellen zu leben.

Kurz gesagt: Ein Kind, das sich als Teil einer Familie und Gesellschaft versteht – mit Rechten, aber auch mit Pflichten.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!