Ein Leben, in dem sich alles um Musik dreht

Bariton, Musikpädagoge und Komponist Wilfried Michl zwischen München und dem Banat

Michl (rechts) ist ein Musiker, der durch Dr. Franz Metz (links) seine alte Heimat und ihre Musik nach der Auswanderung noch einmal ganz neu kennengelernt hat.

Von der Geige auf dem Dachboden der Großmutter über Schuberts „Winterreise“ und große Kirchenmusik bis zu einem Musical über Temeswar und Liedern in banatschwäbischer Mundart reicht das musikalische Leben von Wilfried Michl. Der 1953 in Orzydorf/Orțișoara geborene Bariton lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Doch gerade die Musik hat ihn immer wieder ins Banat zurückgeführt. Seit rund 15 Jahren gehört er zu den regelmäßigen Mitwirkenden der von Franz Metz initiierten Banater Konzertreihen.

„Ich könnte mir ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen. Bei mir dreht sich alles darum“, sagt Michl.

Das klingt angesichts seiner Biografie weniger nach einer Floskel als nach einer ziemlich genauen Beschreibung. Er ist Sänger, Geiger, Musikpädagoge, Komponist und Textautor. Er hat Oper und Operette gesungen, Liederabende gestaltet, Kirchenmusik aufgeführt und während seiner Tätigkeit an der Münchner Fachakademie für Sozialpädagogik 25 Musicals komponiert. Inzwischen veröffentlicht er eigene Kompositionen im Internet – nach eigenen Angaben sind es bereits mehr als 700.

Begonnen hat alles in Orzydorf. Der Ort besaß eine ausgeprägte Musiktradition und war insbesondere für seine Blaskapellen bekannt. Michls erstes Instrument wurde allerdings die Geige. Bei seiner Großmutter entdeckte er auf dem Dachboden eine Violine – und, wie er erzählt, gab er sie danach nicht mehr aus der Hand. Unterricht erhielt er zunächst bei einem älteren Orzydorfer Musiker, Herrn Bleich, später bei Schwester Bernadette und bei Meinhardt Slavik. Letzterer leitete in Orzydorf ab 1964 ein Leichtmusikorchester, in dem später auch Wilfried Michl und sein Bruder Manfred spielten. Das Ensemble errang zweimal einen zweiten Preis beim Kulturgruppenwettbewerb des Kreises Temesch. 

Musik gehörte aber auch zum Familienleben. Michls Vater und dessen Geschwister seien im Dorf als gute Sänger bekannt gewesen. „Wir haben schon zweistimmig gesungen“, erinnert er sich. Sein Bruder habe bereits als Vierjähriger beinahe selbstverständlich eine zweite Stimme dazugesungen. Wilfried Michl nahm an Wettbewerben teil, reiste mit Musikgruppen durch Rumänien und bereitete sich schließlich auf ein Musikstudium in Temeswar vor. Bei Erich Koch erhielt er Geigenunterricht und wurde zugleich intensiv in Solfeggio und Musiktheorie geschult. Die Aufnahmeprüfung bestand er nach eigener Erinnerung als Zweitbester. Doch dann nahm sein Leben eine unerwartete Wendung: Nur zwei Wochen später erhielt die Familie die Genehmigung zur Ausreise nach Deutschland. Das Studium in Temeswar trat Michl nicht mehr an.

In Deutschland musste er zunächst das Abitur nachholen. Danach studierte er in München zuerst am Konservatorium und später an der Musikhochschule Schulmusik für das Lehramt am Gymnasium und Gesang. Dass er neben der Sängerausbildung auf einen soliden pädagogischen Beruf setzte, geschah nicht ganz freiwillig. Seine Eltern bestanden darauf. „Gott sei Dank, würde ich heute sagen“, meint Michl rückblickend.

Vom Geiger zum Bariton

Dass aus dem Geiger schließlich ein Sänger wurde, hatte wiederum etwas Zufälliges. Zur Ausbildung am Konservatorium gehörte Stimmbildung. Ein älterer Tenor, der nach Michls Erinnerung selbst in Bayreuth gesungen hatte, hörte die kräftige Stimme des Studenten und erklärte ihm kurzerhand, aus ihm werde er einen Sänger machen. Michl musste nicht lange überzeugt werden. 

Eine ausschließlich solistische Sängerkarriere erwies sich jedoch als schwierig. Die Konkurrenz in Deutschland sei enorm gewesen, erinnert sich Michl. So wurde das zweite Standbein, auf dem seine Eltern bestanden hatten, zum eigentlichen Beruf. Nach Stationen an Gymnasien kam er an die Fachakademie für Sozialpädagogik in München. Dort fand er ein Arbeitsfeld, das Pädagogik, Musik und Bühne auf ungewöhnliche Weise miteinan-der verband.

Mit seinen Studierenden entstanden Jahr für Jahr große Musicalproduktionen. Michl komponierte insge-samt 25 Stücke, bei 23 schrieb er auch die Liedtexte. Dass er überhaupt zum Komponieren kam, beschreibt er selbst wieder als Zufall. Im Schulmusikstudium hatte er zwar Tonsatz gelernt, Fugen und Inventionen schreiben müssen, aber zunächst nicht daran gedacht, eigene Bühnenwerke zu schaffen.

Eine Kollegin, die an der Schule Theater machte, bat ihn irgendwann, Musik für eine Produktion zu schreiben. Der Versuch gelang. Das erste gemeinsame Musical wurde ein solcher Erfolg, dass daraus eine Tradition entstand.

Die Produktionen wechselten zwischen Märchen-stoffen und selbst erfundenen Geschichten. Besonders eng mit Michls Herkunft verbunden ist „Ilonka und die Macht der Karten“, das 2012 in München auf die Bühne kam.

Ein Temeswar-Musical in München

Das Stück spielt im Banat des 19. Jahrhunderts und führt mitten in das multiethnische Temeswar. Auf der Bühne standen die Pestsäule und Fassaden des Domplatzes, Bürger trugen ungarische, rumänische und banatschwäbische Trachten. Auch musikalisch wollte Michl die verschiedenen Kulturen der Region hörbar machen: Taragot, Zymbal und schwäbische Blasmusik trafen aufeinander. Deutsche, rumänische und ungarische Motive wurden miteinander verbunden. 

Michl schrieb die Musik und die Songtexte und war für die musikalische Leitung verantwortlich. Zwölf Vorstellungen fanden vom 24. Januar bis zum 4. Februar 2012 im Anton-Fingerle-Bildungszentrum in München statt; nach Angaben der Projektseite sahen mehr als 4500 Besucher die Produktion. 

Dabei sollte das Banat nicht als folkloristische Kulisse dienen. Michl brachte Erinnerungen an die Mehrsprachigkeit seiner Heimat ein. Ungarische und rumänische Passagen gehörten ebenso dazu wie schwäbische und „temeswarerische“ Wendungen. Bei der Aussprache halfen Studierende mit rumänischem Hintergrund. Franz Metz beschrieb das Musical seinerzeit als Versuch, die multiethnische Kulturlandschaft des Banats musikalisch auf die Bühne zu bringen. Besonders symbolträchtig war ein musikalischer Höhepunkt, bei dem ein ungarisches, ein deutsches und ein rumänisches Motiv gleichzeitig erklangen. Die Produktion ist ausführlich mit Ton-, Bild- und Videomaterial online dokumentiert.

Franz Metz und die Rückkehr ins Banat

Für Michls erneute intensive Verbindung mit der Banater Musikkultur wurde eine Begegnung mit Franz Metz entscheidend. Nach einem Konzert in Nürnberg machte ihn Stadträtin und Banaterin Helmine Buchsbaum auf den ebenfalls im Münchner Raum lebenden Organisten und Musikwissenschaftler aufmerksam. Ein Anruf genügte. „Wir wohnen gar nicht weit auseinander“, erzählt Michl. Aus dieser beinahe zufälligen Bekanntschaft wurde eine langjährige musikalische Zusammenarbeit.

Seit 2010 kam Michl nach eigener Aussage fast jedes Jahr für Konzerte ins Banat. Er sang in Temeswar, in der Wallfahrtskirche Maria Radna und in zahlreichen Dorf- und Stadtkirchen. Dabei lernte er eine musikalische Landschaft kennen, die ihm in seiner Jugend selbst nur teilweise vertraut gewesen war.

Früher habe sich sein persönlicher Radius vor allem zwischen Orzydorf, Temeswar und Arad bewegt. Durch die Konzertreisen kamen Lenauheim, Hatzfeld, das Banater Bergland und zahlreiche weitere Orte hinzu.

Eine besondere Bedeutung hat für ihn die Wiederentdeckung Banater Komponisten. Viele ihrer Werke habe er vorher überhaupt nicht gekannt. Umso größer sei seine Begeisterung gewesen, als Metz ihm diese Musik erschloss. „Das sind tolle Sachen, die schade wären, wenn sie in Vergessenheit geraten“, sagt Michl und sieht in der Wiederaufführung dieser Werke eine wesentliche Leistung seines langjährigen musikalischen Partners.

Als Sänger beschränkt sich Michl keineswegs auf Kirchenmusik. Er hat große Liedzyklen wie Schuberts „Winterreise“ und Schumanns „Dichterliebe“ gesungen und Operetten- und Opernpartien übernommen.

Zu seinen Bühnenrollen gehörten Eisenstein in Johann Strauß’ „Fledermaus“ und eine Partie in Puccinis „Gianni Schicchi“. Operette gefällt ihm wegen ihrer Leichtigkeit und der Möglichkeit, komödiantisch zu spielen; die Oper empfindet er als musikalisch tiefer. 

„Luschdiche un ernschte Lieder iwer’s Banat“

In den vergangenen Jahren kam ein weiteres Kapitel hinzu: das Lied in banatschwäbischer Mundart.

Ausgangspunkt waren Texte seines Orzydorfer Schulkameraden Rainer Kierer. Ein in der ADZ veröffentlichtes Gedicht beeindruckte Michl so sehr, dass er den Autor anrief und fragte, ob er es vertonen dürfe. Aus der ersten Vertonung wurden weitere.

Nach einem Auftritt im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Russlanddeportation entstand schließlich die Idee zu einer ganzen CD. Unter dem Titel „Luschdiche un ernschte Lieder iwer’s Banat“ wurden Michls Vertonungen von Kierers Mundarttexten veröffentlicht. Das Projekt wurde vom Kulturwerk der Banater Schwaben Bayern unterstützt. Bei einer Präsentation im Haus des Deutschen Ostens in München sang Michl die Lieder, begleitet von Franz Metz am Klavier. Das Haus des Deutschen Ostens bezeichnete die Veranstaltung als musikalische Entdeckungsreise durch das dialektale Erbe der Banater Schwaben.

Michl vertont neue Texte (auch von Banater Dichtern wie Horst Samson), komponiert weiter und stellt seine Werke ins Internet. Musiktradition ist für ihn offenbar etwas, das nur lebendig bleibt, wenn daraus wieder etwas Neues entsteht.

Auch innerhalb der Familie setzt sich die musikalische Linie fort. Sein Neffe Wilfried Michl junior ist Tenor. Beide treten gemeinsam auf und haben auch bei Konzerten mit Franz Metz gesungen. Der Neffe habe ihm einmal erzählt, er sei zum Singen gekommen, weil er so singen wollte wie sein Onkel. „Da fühle ich mich natürlich sehr geehrt“, sagt Michl. Stimmlich passten sie gut zusammen, und das gemeinsame Musizieren mache ihm besonderen Spaß.

Ob sein Weg anders verlaufen wäre, wenn die Familie damals nicht aus Rumänien ausgereist wäre? Michl überrascht mit seiner Antwort. Vielleicht hätte er hier sogar bessere Chancen gehabt, als professioneller Sänger Fuß zu fassen, meint er. In Deutschland sei die internationale Konkurrenz enorm gewesen. Bereuen will er seinen Lebensweg dennoch nicht. Der Lehrerberuf gab ihm Sicherheit und gleichzeitig die Freiheit, Musik zu machen: auf der Bühne, im Konzertsaal, in der Kirche, mit Studierenden und als Komponist.

Beim Singen versuche er, „nicht nur die Noten zu singen, sondern das, was zwischen den Zeilen steht“, sagt er. Gefühl müsse in die Musik einfließen.Vielleicht erklärt gerade dieser Satz, weshalb Wilfried Michls musikalischer Lebensweg so viele scheinbar unterschiedliche Bereiche miteinander verbinden konnte: Orzydorf und München, Geige und Gesang, Schule und Bühne, Schubert und schwäbische Mundart, große Kirchenmusik und selbst geschriebene Musicals. Und immer wieder das Banat.