Es gibt Jubiläen, die vor allem einen Blick zurück bedeuten. Und es gibt Jubiläen, die zugleich eine Standortbestimmung und ein Versprechen für die Zukunft sind. Die Temeswarer Gemeinschaftsstiftung (Fundația Comunitară Timișoara) hat am 3. August, dem Festtag der Stadt Temeswar/Timișoara, eine Dekade ihres Bestehens gefeiert. Zehn Jahre, indem sich die Gemeinschaftsstiftung von einer lokalen Initiative zu einer regionalen Kraft entwickelt hat.
Als die Stiftung 2016 gegründet wurde, war sie die 16. Gemeinschaftsstiftung in Rumänien. Heute steht hinter ihr ein Netzwerk aus Spendern, Unternehmen, Organisationen, Projektträgern und engagierten Bürgern. Über 14,3 Millionen Lei sind in den vergangenen zehn Jahren in die Gemeinschaft geflossen. Über 600 Projekte und Stipendien wurden finanziert, rund 300 Organisationen und lokale Akteure erhielten Unterstützung. Die Themen reichen von Bildung und Gesundheit über Sport bis hin zu sozialer Inklusion.
Doch die Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Hinter ihnen steht vor allem der Versuch, eine Kultur des Mitmachens und der Philanthropie dauerhaft in der Region zu verankern.
Daniela Chesaru gehört zu den Menschen, die diese Entwicklung von Anfang an begleitet haben. Sie ist Gründungsmitglied und seit 2016 auch Geschäftsführerin der Temeswarer Gemeinschaftsstiftung. Sie erinnert sich an die ersten Jahre, in denen die Organisation zunächst ihre eigene Grundlage schaffen musste. Schon damals habe man sich bewusst gegen die Vorstellung einer kurzfristigen Initiative entschieden. Eine Stiftung, so der Gedanke, müsse langfristig in einer Gemeinschaft verankert sein. „Wir haben uns von Anfang an gesagt: Wir beginnen jetzt, aber in hundert Jahren sollen die Generationen, die nach uns kommen, von unserer Arbeit profitieren und sie weiterführen“, erklärt sie.
Über 14 Millionen Lei in hunderte Projekte investiert
Dieser langfristige Blick prägt das Selbstverständnis der Organisation bis heute. Daniela Chesaru verweist auf Stiftungen in westeuropäischen Ländern, die seit 100 oder sogar 150 Jahren bestehen und unabhängig von politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen ihren Gemeinschaften dienen. Ein ähnliches Ziel habe man sich auch in Temeswar gesetzt. Die ersten zehn Jahre sind damit aus ihrer Sicht erst der Anfang.
Heute lässt sich dieser Aufbau in beeindruckenden Zahlen messen. 14,3 Millionen Lei wurden in Hunderte von Projekten investiert. Rund 300 Menschen beziehungsweise Organisationen erhielten Förderungen und setzten mehr als 600 Projekte um.
Gemeinsam „Dinge besser machen“
Für Daniela Chesaru ist besonders wichtig, dass diese Entwicklung nicht allein von der Stiftung ausgegangen ist. Sie versteht sie als Ergebnis einer Zusammenarbeit mit den Menschen, die in ihren Gemeinden selbst Veränderungen anstoßen wollen. „Wir sind sehr stolz auf das, was wir gemeinsam mit unseren Partnern aufgebaut haben“, sagt die Geschäftsführerin. Die 300 Menschen, die Förderungen erhielten und anschließend Projekte realisierten, hätten dazu beigetragen, „die Dinge in unseren Gemeinschaften besser zu machen“.
Die Stiftung selbst wird vor allem durch Spenden und Sponsoring aus Temeswar und der Region getragen. Dazu kommen nationale und internationale Partner. Dass Unternehmen und Privatpersonen die Organisation über Jahre hinweg unterstützen, ist für Chesariu ein wichtiges Zeichen: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen erleben, dass aus finanzieller Unterstützung konkrete Ergebnisse hervorgehen.
Spender hart erarbeitet
Dieses Vertrauen musste sich die Stiftung allerdings erst erarbeiten. In den Anfangsjahren waren größere finanzielle Beiträge keineswegs selbstverständlich. Chesaru erinnert sich an eine Zeit, in der viele Menschen mit dem Begriff „Spender“ zunächst ausschließlich einen Blutspender verbanden. Dass man auch Zeit, Wissen, Fähigkeiten oder Sachleistungen zur Verfügung stellen kann, war weniger bekannt.
Heute ist dieses Verständnis breiter geworden. „Jeder Mensch, der helfen möchte, hat etwas zu geben – von seiner Zeit über seine Expertise bis hin zu finanziellen Ressourcen“, sagt Chesaru.
Wie sehr sich die Bereitschaft zur Unterstützung verändert hat, lässt sich auch an den durchschnittlichen Spenden ablesen. Zu Beginn lagen diese bei etwa 50 bis 60 Lei. Heute bewegt sich die durchschnittliche Spende nach Angaben der Stiftung bei rund 150 bis 170 Lei. Auch bei den Unternehmen zeigt sich eine deutliche Entwicklung. In den ersten Jahren seien Sponsoringbeträge von etwa 500 Euro üblich gewesen. Mittlerweile gebe es Unternehmen, die die Arbeit der Stiftung mit bis zu 80.000 Euro unterstützen. „Damals glaubte ich nicht, dass so etwas möglich sein würde“, sagt Geschäftsführerin Chesaru. Sie habe solche Größenordnungen zu-nächst aus Bukarest gekannt, aber nicht erwartet, dass sich Vergleichbares auch in Temeswar entwickeln würde.
Der entscheidende Faktor sei letztlich Beständigkeit gewesen. „Wenn du konstant arbeitest, seriös bist und die Menschen sehen, dass es Ergebnisse gibt, dann haben sie Vertrauen, dich weiter zu unterstützen“, beschreibt Chesaru die Entwicklung.
Damit lässt sich die Geschichte der vergangenen zehn Jahre auch als Geschichte eines gewachsenen Vertrauens lesen. Vertrauen in die Organisation, Vertrauen in die Menschen vor Ort und Vertrauen darin, dass gesellschaftliches Engagement tatsächlich etwas verändern kann.
Temeswar nur ein Startpunkt
In den ersten Jahren konzen-trierte sich die Arbeit der Stiftung vor allem auf Temeswar. Das war bewusst so gewählt. Die Stadt sollte zunächst zur eigenen Basis werden, bevor die Organisation ihren regionalen Anspruch verwirklichen konnte. Die Bega-Stadt ist für die gesamte Westregion ein wichtiger Anziehungspunkt. Menschen kommen zum Studieren und Arbeiten in die Stadt, Unternehmen konzentrieren hier Ressourcen, und zahlreiche gesellschaftliche Entwicklungen strahlen über die Stadtgrenzen hinaus.
Für Chesaru war deshalb schon bei der Gründung klar, dass die Stiftung langfristig nicht ausschließlich auf Temeswar beschränkt bleiben sollte. Die Stadt könne als Wachstumspol nicht isoliert betrachtet werden, sondern müsse auch Verantwortung für die umliegenden Gemeinschaften übernehmen.
Nach sieben Jahren waren Team, Ressourcen und Partnerschaften so weit gewachsen, dass der nächste Schritt möglich wurde. Seit drei Jahren arbeitet die Stiftung nicht mehr nur in der Stadt, sondern in der gesamten Westregion – mit einem besonderen Schwerpunkt auf kleineren und ländlichen Gemeinden. Allein im vergangenen Jahr erreichten die Programme der Stiftung rund hundert Gemeinschaften. Ein Schwerpunkt lag dabei auf Bildungsprojekten.
Gerade dort, in kleinen Gemeinden, habe man Menschen kennengelernt, die äußerst aktiv und bereit seien, Verantwortung zu übernehmen, erzählt Chesariu. Häufig fehle es nicht an Ideen oder Engagement, sondern an Möglichkeiten und Unterstützung, diese Ideen umzusetzen.
Ein weiterer Bestandteil für die Arbeit der Gemeinschaftsstiftung ist die Verbindung von Sport, Gemeinschaft und Fundraising. Veranstaltungen wie Timotion haben sich zu einem festen Element der zivilgesellschaftlichen Landschaft in Temeswar entwickelt.
Breites Verständnis von Philanthropie
Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Menschen können gemeinsam aktiv sein und gleichzeitig Geld für lokale Projekte sammeln. Sport wird damit nicht nur als körperliche Aktivität verstanden, sondern als Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen und sie für gesellschaftliche Anliegen zu mobilisieren.
Gerade solche Veranstaltungen zeigen, dass Engagement nicht zwangsläufig in formellen Strukturen beginnen muss. Es kann mit einer persönlichen Entscheidung anfangen: mitzulaufen, zu spenden, Zeit zur Verfügung zu stellen, eine Organisation zu unterstützen oder andere Menschen für eine Sache zu gewinnen.
Über zehn Jahre hinweg hat sich so ein breites Verständnis von Philanthropie entwickelt. Geld ist ein wichtiger Bestandteil, aber nicht die einzige Form des Gebens. Zeit, Wissen, Fähigkeiten und persönliche Beteiligung gehören ebenso dazu. Die Stiftung versteht sich dabei weniger als Organisation, die Lösungen von außen vorgibt, sondern als Vermittlerin von Ressourcen und Möglichkeiten. Wer vor Ort ein Problem erkennt und eine Idee für dessen Lösung hat, soll die Chance bekommen, daraus ein konkretes Projekt zu machen.
Die zehnjährige Entwicklung zeigt, dass dieser Ansatz zunehmend auf Resonanz stößt. Aus kleinen Spenden wurden größere Beiträge, aus einer lokalen Organisation wurde eine regionale Struktur, aus einzelnen Projekten entstand ein Netzwerk. Daniela Chesaru denkt bewusst weit über die nächsten Jahre hinaus. Die eigentliche Bewährungsprobe für eine Gemeinschaftsstiftung liege schließlich nicht darin, zehn Jahre zu bestehen, sondern über Generationen hinweg relevant zu bleiben.
