„Eine Menge angestauter Frust, der Wähler zur AUR treibt“

Soziologen haben umfangreiche Daten zur Wählerschaft der Rechtspopulisten ausgewertet

Anhänger der AUR sind in ihren rechtspopulistischen und souveränistischen Positionen weniger radikal als Unterstützer der POT und der S.O.S., so die Studie.

Hat sie noch 2020 bei den Kommunalwahlen mit weniger als einem Prozent der Wählerstimmen abgeschnitten, steht die AUR seit einem Jahr bei mindestens 35 Prozent in den Umfragen. Die Partei habe eine feste Basis, die ihr die Treue halten dürfte, sagen die Soziologen Mircea Com{a und Bogdan Voicu. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung haben sie Daten verschiedener Umfrageinstitute ausgewertet, um Eigenschaften und Motive der AUR-Wähler zu identifizieren.

Die Ergebnisse zeigen: Die AUR findet ihre Wähler vor allem unter jungen Menschen. Nachdem die Zustimmungswerte bei den 34- bis 40-Jährigen ihren Höhepunkt erreicht haben, fallen sie danach kontinuierlich ab. Bei der Geschlechterverteilung ist die Lage nicht eindeutig. Tendenziell scheinen Männer aber stärker von der Partei angesprochen zu werden als Frauen. Ein klareres Bild zeigt sich beim Bildungsabschluss: Insbesondere Menschen mit mittlerem Niveau sympathisieren im Durchschnitt stark mit der AUR. Diese Gruppe dürfte im Wesentlichen für den Zuwachs ihrer Umfragewerte in der zweiten Hälfte 2025 verantwortlich sein. Mit steigendem Bildungsgrad nimmt die Zustimmung deutlich ab.

Weil die Menschen dort im Schnitt schlechter gebildet sind, wählt auf dem Land ein größerer Anteil der Menschen die AUR als in der Stadt. Bei den vergangenen Wahlen war die Partei zunächst vor allem im Banat, der Dobrudscha und der Region Moldau erfolgreich und konnte sich danach fast auf das gesamte Land ausdehnen. Ausnahme bilden die von der ungarischen Minderheit bewohnten Gebiete sowie die Großstädte.

Hinter der Studie stecken der Soziologe und Wahlforscher Mircea Com{a von der Babe{-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj sowie der Soziologe Bogdan Voicu von der Rumänischen Akademie. Im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung werteten sie Daten der Wahlbehörde, des Nationalen Statistikinstituts, zweier Ministerien sowie dreier Umfrageinstitute aus. Sie fokussierten sich dabei auf den Zeitraum von der vergangenen Parlamentswahl 2024 bis zum Mai 2025.

Anhaltender Vertrauensverlust

Den Ergebnissen nach eint viele AUR-Wähler die Ansicht, dass Rumänien in die falsche Richtung steuere. Im Gegensatz dazu ist ihr Bild von der kommunistischen Zeit überdurchschnittlich positiv. Vieles sei damals gut gelaufen und das Leben besser gewesen. Tatsächlich sei heute in Rumänien der Wohlstand und die Möglichkeiten im Leben ungleicher verteilt als in früheren Zeiten, sagt Wissenschaftler Bogdan Voicu. Zwar sei diese Schere in den vergangenen vier Jahren nicht weiter gewachsen, „aber wir haben immer noch eine Menge angestauten Frusts, und das treibt die Wähler zur AUR“.

Den Institutionen des heutigen Rumäniens wie dem Parlament, der Regierung, der Justiz und den Medien schenken die Anhänger der Partei wenig Vertrauen. Korruption und höhere Steuern fürchten sie besonders stark. Einzig die Kirche genießt nach wie vor hohes Ansehen. Auch die EU habe lange Zeit eine Ausnahme gebildet, so Soziologe Voicu. Doch in den vergangenen Jahren habe die große Diaspora in ihren Aufnahmeländern EU-Skepsis erlebt und trage die nach Rumänien hinein – wenn beispielsweise Heimkehrer aus Deutschland von immer mehr Flüchtlingen aus anderen Ländern berichteten, die rumänischen Arbeitsmigranten Arbeitsplätze wegnähmen, gibt Voicu ein Beispiel. Dieser Faktor sei nicht zu unterschätzen, habe doch die Hälfte der Rumänen enge Freunde, die im Ausland leben.

Internationale Krisen als Verstärker

Die vielen internationalen Krisen wie die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Inflation haben die Entwicklung laut der Studie beschleunigt. Dass gleichzeitig PNL und PSD ständig an den Regierungen beteiligt waren, habe den Eindruck erweckt, es gebe keine wirklich Opposition – und den Wunsch nach einer solchen verstärkt. Daher wundert es nicht, dass die AUR ihre Stimmen vor allem von früheren PSD-Anhängern und Nichtwählern bezieht. Besser als andere Parteien weiß sie außerdem, Menschen in den sozialen Netzwerken zu erreichen und ein Identifikationsgefühl auszulösen.

Etablierte Parteien ließen großes Potenzial ungenutzt, mit dem sie Menschen erreichen könnten, meint Bogdan Voicu. Sie bezahlten für Meinungsumfragen, nutzten die Ergebnisse aber nicht, da sie „nicht wissen, wie sie das machen sollen“. Außerdem rät er, die Fragen gezielter auszuwählen. Zu welchen Themen wünschen sie Wähler eine offene Debatte? Welchen Grad an lokaler Selbstverwaltung halten sie für sinnvoll? „Das müssen die Politiker wissen, um diese Themen richtig anzusprechen“, so der Soziologe. Beide Autoren beklagten bei der Vorstellung ihrer Ergebnisse mehrfach, dass die Datenlage in Rumänien insgesamt dünn sei.