„Gemeinsames Terrain – Landschaften an der Bega“

Ein Projekt, das Mensch und Natur zusammenbringt

Das Projekt verbindet Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft.

Der Urbane Garten der West-Universität Temeswar dient als Treffpunkt für gemeinschaftliches Gärtnern, Bildung und den Austausch über urbane Bio-diversität. Fotos: Teren Comun – Peisaje pe Bega / teren-comun.ro

Der Bega-Kanal ist das Herzstück des Projekts. Gemeinsam mit Initiativen wie „Ecluze pe Bega“ („Schleusen an der Bega“) rückt es dessen ökologische und kulturelle Bedeutung in den Mittelpunkt.

Die Bega und ihre Ufer bieten zahlreichen Vogelarten einen Lebensraum und machen die urbane Biodiversität Temeswars sichtbar. Auch Nutrias haben sich entlang der Bega angesiedelt und gehören inzwischen zum Stadtbild.

Die Bega ist weit mehr als ein Kanal, der die Stadt Temeswar/Timișoara durchquert. Sie ist Lebensraum, Erholungsort, kulturelles Erbe und verbindendes Element des städtischen Ökosystems. Genau hier setzt das Kulturprojekt „Teren Comun – Peisaje pe Bega“ (Deutsch: „Gemeinsames Terrain – Landschaften an der Bega“) an. Künstler, Landschaftsarchitekten, Biologen, Ökologen, Archäologen und weitere Fachleute arbeiten gemeinsam daran, die urbane Natur neu sichtbar zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Bevölkerung zu fördern.

Projektleiterin Andreea Săsăran erklärt, die Idee sei aus der gemeinsamen Überzeugung entstanden, dass es in Temeswar bereits zahlreiche Initiativen rund um Natur, Biodiversität und die Bega gebe. Ziel des Projekts sei es gewesen, dieses Wissen erstmals auf einer gemeinsamen Plattform zu bündeln und Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen an einen Tisch zu bringen. „Wir beginnen nicht bei null. Viele Organisationen und Initiativen beschäftigen sich seit Jahren mit der Bega. Dieses Wissen wollen wir sichtbar machen und miteinander vernetzen“, sagt sie. 

Diese Aktivitäten sind nun auf der Plattform teren-comun.ro gebündelt und öffentlich zugänglich gemacht. Die Plattform wurde am 30. Juni im IT – A Space for IT (ehemalige Elba-Fabrik) vorgestellt. Diese versteht sich als offenes Archiv lokaler Projekte und Expertisen. Gleichzeitig bildet sie die Grundlage für neue Kooperationen und zukünftige Forschungs- und Kunstprojekte.

Für den Landschaftsarchitekten und Kurator des Projekts Alex Ciobotă beschreibt der Titel „Gemeinsames Terrain“ nicht nur einen geografischen Ort, sondern vor allem eine gemeinsame Arbeitsweise. „Die Bega wird zu einer urbanen Plattform des Miteinanders. Unterschiedliche Disziplinen und Erfahrungen kommen zusammen, um gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu entwickeln“, sagt der Kurator.

Die Bega als gemeinsamer Lebensraum

Kern des Projekts sind interdisziplinäre Residenzen, in denen Künstler gemeinsam mit Landschaftsarchitekten, Architekten und Wissenschaftlern arbeiten. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in Installationen, künstlerische Interventionen und neue Formen der Wissensvermittlung zu übersetzen. Daten sollen zu Geschichten, wissenschaftliche Konzepte zu emotional erfahrbaren Erlebnissen werden.

Zum kreativen und wissenschaftlichen Team gehören unter anderem die Landschaftsarchitekten Alex Ciobotă und Raluca Rusu (AsoP Vest), die Biologen Alexandru Rădac (West-Universität Temeswar), Alina Ivașcu und Cosmin Ivașcu (ICAM), die Naturpädagogin Alexandra Recășan, die Künstlerin Andreea Săsăran, der Architekt Bogdan Isopescu (FAUT), der Archäologe Cristian Floca (Rumänische Akademie), der Künstler Dan Vișovan (FAD) sowie das Künstlerduo Mimi Ciora und Sergiu Sas (Indecis Artist Run).

Begleitet werden die Residenzen von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm mit Workshops, Vorträgen, Führungen und Mitmachformaten, das den Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Bevölkerung fördern soll.

Vier Perspektiven auf die urbane Natur

Im Mittelpunkt stehen vier Forschungsschwerpunkte: Gemeinschaftsgärten, urbane Wiesen, Feuchtgebiete sowie die Archäologie der Landschaft. Dabei geht es nicht allein um wissenschaftliche Forschung, sondern auch darum, diese Erkenntnisse durch Kunst und Vermittlungsprogramme für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ein besonderes Augenmerk richtet das Projekt auf urbane Wiesen, die häufig lediglich als ungepflegte Grünflächen wahrgenommen werden. Tatsächlich übernehmen sie jedoch wichtige ökologische Funktionen. Sie kühlen die Stadt, filtern Feinstaub und bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Kartierungen durch die beteiligten Biologen zeigten, dass selbst kleine Wiesenflächen in Temeswar eine überraschend hohe Artenvielfalt aufweisen.

Auch entlang der Bega wurden zahlreiche Tier- und Pflanzenarten dokumentiert – darunter seltene Vogelarten, die Europäische Sumpfschildkröte sowie verschiedene wirbellose Wasserorganismen, die als Indikatoren für eine gute Wasserqualität gelten. „Wir verfügen über wertvolle Naturräume mitten in der Stadt. Dieses Potenzial sollten wir erkennen und für eine nachhaltige Stadtentwicklung nutzen“, betont Ciobotă.

Ein weiterer Schwerpunkt beschäftigt sich mit der Archäologie der Landschaft. Mithilfe historischer Karten, GIS-Daten, Satellitenbildern und LiDAR-Technologien untersuchen Wissenschaftler und Künstler gemeinsam die Entwicklung der Bega und ihrer Auenlandschaft. Dabei geht es nicht um nostalgische Rückblicke, sondern um konkrete Erkenntnisse für den zukünftigen Umgang mit Wasser, Landschaft und Klimawandel. Historische Flussläufe und ehemalige Feuchtgebiete könnten wichtige Hinweise liefern, wie Städte künftig besser auf Trockenperioden und steigende Temperaturen reagieren können.

Besonderen Wert legt das Projekt auf die Einbindung der Bevölkerung. Anders als bei klassischen Künstlerresidenzen wird der kreative Prozess bewusst geöffnet. Workshops, Führungen, Filmabende, Exkursionen und Mitmachaktionen ermöglichen es Interessierten, die Arbeit der Fachleute unmittelbar zu begleiten.

Zu den bisherigen Veranstaltungen gehörten unter anderem ein Workshop über Bisamratten und Nutrias an der Bega, ornithologische Führungen, Pflanzaktionen in Gemeinschaftsgärten, Filmvorführungen sowie Exkursionen zu urbanen Wiesen. In den kommenden Wochen stehen ein Fotoworkshop unter dem Titel „Natur durch die Linse“, gemeinsames Gärtnern sowie eine Kanutour auf der wilden Bega auf dem Programm. Dabei erhalten die Teilnehmenden Einblicke in die Biodiversität des Flusses aus der Perspektive eines Biologen.

Für Andreea Săsăran besteht der wichtigste Erfolg des Projekts darin, dass Menschen unterschiedlichster Hintergründe über die Natur miteinander ins Gespräch kommen. „Wenn es um Natur geht, entsteht erstaunlich viel Einigkeit. Menschen suchen gemeinsam nach Lösungen, wie wir mit anderen Arten zusammenleben können“, sagt die Projektleiterin. Alex Ciobotă verbindet damit einen weitergehenden Gedanken: „Es geht nicht nur um Wissenschaft oder Kunst. Es geht darum, gemeinsam eine Kultur der urbanen Natur aufzubauen.“ Dieser Ansatz wird mit dem Begriff der Konvivialität – dem respektvollen Zusammenleben von Menschen, anderen Lebewesen und ihrer gemeinsamen Umwelt – ergänzt.

Anstehende Veranstaltungen 

Im Juli setzt das Projekt „Gemeinsames Terrain – Landschaften an der Bega“ sein öffentliches Programm mit Workshops, Exkursionen und Mitmachangeboten fort. Alle Termine verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse mit künstlerischen Perspektiven und laden dazu ein, die urbane Natur rund um die Bega neu zu entdecken. Architekturstudierende der Fakultät für Architektur und Stadtplanung (FAUT) absolvieren unter der Leitung des Architekten Bogdan Isopescu eine Praxis zum Thema Gemeinschaftsgärten und urbane Landschaften (12.–19. Juli). Am 14. Juli findet in der Urbanen Gartenanlage der West-Universität Temeswar die Veranstaltung „Copilit {i privit de film“ (Deutsch: „Gärtnern und Kino“) statt – ein Nachmittag mit gemeinschaftlichem Gärtnern und einer Filmvorführung, begleitet von den Landschaftsarchitekten Alex Ciobotă und Raluca Rusu.

Am 16. Juli lädt  die Künstlerin Andreea Săsăran mit dem Workshop „Natur durch die Linse“ dazu ein, die Bega fotografisch und mit geschärftem Blick zu erkunden. Im Mittelpunkt stehen die bewusste Naturbeobachtung und unterschiedliche künstlerische Zugänge zur Landschaft.

Gemeinsam mit dem Bio-logen Cosmin Ivașcu können Interessierte am 18. Juli die wilde Bega bei einer geführten Kanutour entdecken. Die Exkursion startet an der Brücke von Remetea Mare und verbindet Naturerlebnis mit Informationen über die Biodiversität des Flusses. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich.

Unter dem Titel „Auf den Spuren der alten Bega“ führt der Archäologe Cristian Floca in den Wäldern von Bistra durch die Geschichte der Flusslandschaft. Die Teilnehmenden erfahren, wie sich der Verlauf der Bega und ihre Feuchtgebiete im Laufe der Jahrhunderte verändert haben und welche Erkenntnisse moderne Technologien wie GIS oder LiDAR über die verborgenen Schichten der Landschaft liefern. Die Führung findet am 30. Juli statt.

Aktuelle Informationen sowie mögliche Programmänderungen zu all diesen Veranstaltungen veröffentlicht das Projektteam fortlaufend auf der Plattform teren-comun.ro und über seine Social-Media-Kanäle.

Das Projekt wird vom Kulturverein ACIA (Asocia-]ia Cultural² pentru Intervenție Artistică) organisiert und vom Nationalen Kulturfonds Rumäniens (AFCN) kofinanziert. Laut Veranstalter wird das Projekt nicht als einmalige Kulturinitiative, sondern als langfristigen Prozess angesehen.