Wartet man seit Neuestem in irgendeiner Haltestelle in Wien auf ein „Öffi“, wie dortzulande die öffentlichen Verkehrsmittel in der Alltagssprache genannt werden, so fallen einem Großbildplakate mit einem Text auf, den ein Nicht-Wiener, geschweige denn ein Ausländer gar nicht versteht und wohl eher für Klingonisch hält, denn keines von den drei diesen Fragesatz bildenden Wörtern klingt nach bekanntem Standarddeutsch. Und bis der Bus oder die Bim kommt (so heißt nämlich die Straßenbahn im Wiener Volksmund), kann man sich bestenfalls den Kopf zerbrechen, ob darin womöglich irgendwelche Druckfehler unterlaufen sind: Fehlt bei „kan“ vielleicht doch ein n am Ende, oder ist das am Satzanfang stehende Wort das englische für „Gastgeber“? Und spricht man beim dritten Wort die Erstsilbe ge- etwa wie in „Genuss“ oder wie in „Gendarm“ aus?
Sogar muttersprachliche Fahrgäste aus anderen Gegenden des deutschen Sprachraums und ausländische mit recht guten Deutschkenntnissen müssen den Fragesatz mehrmals lesen, um vielleicht doch zu verstehen, was damit gemeint ist. Und beim Entschlüsseln dieser Frage mögen letztendlich die auf den Plakaten abgedruckten Großbilder behilflich sein: das eine zeigt eine Frau offensichtlich sehr laut am Handy sprechen, während sich eine andere Fahrgästin die Ohren zuhält; auf einem anderen Bild beißt ein Mann mit gesegnetem Appetit in eine Leberkässemmel, wobei einem älteren Herrn bestimmt nicht das Wasser im Munde zusammenläuft, denn dieser presst sich angewidert vom Duft der dampfenden Fleischspezialität die Nasenflügel zu, und auf einem dritten Großplakat stößt ein junger Mann einer Dame seinen riesigen, prall gefüllten Rucksack wortwörtlich ins Gesicht.
Was hat es wohl mit diesen Plakaten und mit dieser unverständlichen Frage für eine Bewandtnis?
Bei näherem Hinsehen kann man darauf oben rechts das Logo der „Wiener Linien“ mit dem Untertext „Die Stadt gehört dir“ entdecken. Es geht also um Werbeplakate der Wiener Stadtwerke-Gruppe, also des Unternehmens, welches das größte regionale Verkehrsnetz Österreichs betreibt, womit die Stadt Wien die Fahrgäste mit einem humorigen Zugang und mit der künstlichen Vergrößerung der Ärgernisse zu erziehen versucht. „Für dich egal, für andere eine Qual“ steht nämlich auf allen drei Plakaten in Kleindruck geschrieben, wobei weiter unten eine Zusatzerklärung in dreierlei Formulierungen zu lesen ist: unter dem Bild mit der am Handy sprechenden Frau steht „Lautes Telefonieren kommt einfach nicht gut an“, unter dem in die Semmel beißenden Herrn „Riechendes Essen kommt einfach nicht gut an“ und unter dem jungen Mann mit dem riesengroßen Rucksack „Lästige Rucksäcke kommen einfach nicht gut an“.
Obendrein kann man an den mit Lautsprechern versehenen Haltestellen auch noch ein vom populären jungen Sänger Lorenz Ambeek im Wiener Dialekt interpretiertes Lied „Ka Genierer“ schallen hören (https://www.youtube.com/watch? v=6VUL2BAUh58). Dabei geht es um eine umgetextete Variante des schon zum Klassiker gewordenen Ohrwurms „I bin a Kniera“ des niederösterreichischen sehr beliebten Liedermachers Georg Danzer, 2007 verstorben (https://www.youtube.com/watch?v=RAi44bCQ3Zo). Übrigens ist ein „Kniera“ (Knierer) im Wiener Jargon jemand, der vor dem Gesetz klein beigibt, sich „nieder-kniet“, beziehungsweise jemand, der sich unterwirft und befehlen lässt.
Es ist dies jedoch nicht der erste Versuch, den die Stadt Wien unternimmt, die täglich mehr als 2,4 Millionen Fahrgäste auf die gegenseitige Rücksichtnahme hinzuweisen. Leider ohne den erhofften Erfolg blieb die Kampagne gleicher Absicht, die im Jahr 2019 mit der Einführung des Essverbots in der U-Bahn und auf den Bahnsteigen einherging und bei der mit strengeren Kontrollen und Ermahnungen beim Fehlverhalten auf die Bewusstseinsbildung, die Rücksicht und den respektvollen Umgang abgezielt worden war.
Und nun die im März dieses Jahres gestartete neue Offensive, welche diesmal eher mit Humor und Wiener Schmäh als mit schulmeisterlichen Verboten und verhängten Geldbußen Information und Sensibilisierung zu schaffen beabsichtigt.
Dringt man tiefer in die sprachlichen Besonderheiten des Wiener Dialekts hinein, so kann man den auf den Werbeplakaten abgedruckten Fragesatz letztendlich dechiffrieren:
In der bairisch-österreichischen Mundart wird nämlich der Vokal a in der Mehrzahl der Fälle zum offenen o gerundet, daher „host“ statt hochdeutsch „hast“. Diphthonge, also Zwielaute, werden oft monophthongiert, daher „kan“ für „kein“. Dass diese Form auch für männliche Substantive im Akkusativ gebraucht wird, ist in der informellen gesprochenen Sprache keine Ausnahme, müsste es doch korrekterweise „keinen“ heißen, denn das Substantiv „Genierer“ ist männlich. Abgeleitet wird es vom aus dem Französischen entlehnten Verb „sich genieren“, also „sich schämen“. Und nun die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach der Aussprache der Anfangssilbe: freilich mit ge- wie in den französischen Importwörtern Genie und Gendarm und nicht wie in den urdeutschen Wörtern Genosse und Gefährte und auch nicht wie in den aus der englischen Sprache entlehnten Wörtern Gender, Gin und Ginger.
Dass der Fragesatz kein grammatisches Subjekt hat, dürfte niemanden mehr verwundern. Zwar schreibt die Norm der deutschen Standardsprache die obligatorische Realisierung eines grammatischen Subjekts vor – im Unterschied etwa zum Rumänischen, wo das Subjekt im Satz meistens „mitverstanden“ ist, weil es aus der Verbendung erschlossen werden kann (so genanntes „subiect inclus“), jedoch begegnen in der deutschen Umgangssprache und in der unkonventionellen Kommunikation sehr häufig auch subjektlose Sätze wie beispielsweise „Kommst mit?“, „Magst noch ein Stück Kuchen?“, „Fühlst dich nun besser?“ usw.
Wie ist somit dieser auf den Werbeplakaten abgedruckte Fragesatz auf Hochdeutsch umzuschreiben und wie ist er zu deuten? Die folgerichtige Antwort lautet im österreichischen Standard „Hast du keinen Genierer?“ und auf Hochdeutsch „Hast du kein Schamgefühl?“, „Schämst du dich nicht?“.
Fragen darf man sich aber letzten Endes, ob damit nur diejenigen Fahrgäste, die der Ur-Wienerischen Mundart mächtig sind, zu einem besseren Verhalten angeleitet werden? Ob sich wohl die Nicht-Wiener und die zahlreichen Touristen mithilfe eines schwer verständlichen Merksatzes auch umerziehen lassen?
Ob durch diesen humorigen Zugang die Fahrgäste erzogen werden oder doch die Geldbußen wirksamer sind, bleibt vorläufig abzuwarten, zumal diese Kampagne erst seit Kurzem eingeführt worden ist.






