Ankunft in Michelsberg. Die Sonne brennt herab, hinter dem Holztor erstreckt sich ein weitläufiger, sattgrüner Garten. Zahllose Bäume und Sträucher, duftende Rosen. Schon von Ferne kann man zwischen den Baumwipfeln Klaus Göbbel entdecken, den neuen Leiter des Traditionsgästehauses im Ort. Gerade verabschiedet er den ersten Besucher des Tages, viele weitere Termine werden folgen. Eng getaktet geht es zu, zwischen Gesprächen und Papierkram bahnt sich Klaus Göbbel seinen Weg durch den Tag. Vor drei Jahren bewarb er sich hier als Hausmeister, heute ist er der Manager. Wie ist es, als Kind mit seinen Eltern auszuwandern? Und wie fühlt es sich an, zurückzukehren? Ein Besuch im Elimheim.
„Für meine Eltern mache ich gefühlt länger Urlaub“, hebt Klaus Göbbel nachdenklich an. „Sie haben das noch nicht ganz verstanden, dass ich jetzt wirklich für immer hier bin.“ Der Speisesaal ist an diesem Morgen lichtdurchflutet, im Hof werden gerade die neuen Fahrräder von einem Laster geladen. Sie sollen künftig Gästen zur Verfügung stehen, die die Räder zu einem kleinen Obulus mieten können. Vieles scheint hier in Bewegung zu sein, neue Ideen und die Kunst des Neuanfangs liegen in der Luft. Auch Klaus Göbbel wirkt, als würde er niemals still stehen. Hat er sich also fest entschieden, zu bleiben? Es sei fix, erwidert er prompt: „Ich gehe nicht mehr zurück.“ Natürlich könne man nicht wissen, was morgen sei – nichts im Leben sei in Stein gemeißelt. Aber sein Plan ist, nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Geboren ist er in Martinskirch/Târnăveni, aufgewachsen in Schönau/Șona. Kurz vor seinem sechsten Geburtstag wanderten Klaus Göbbels Eltern mit ihm nach Deutschland aus. Das war im August 1990. Noch heute ist die Auswanderung für ihn präsent: „Ich kann mich wirklich intensiv daran erinnern. Ich schließe die Augen und ich sehe mich selber. Der kleine Junge im Zug. Wir waren irgendwo in Österreich, und ich hatte dieses Gefühl: Die Scheune ist umgefallen – wir müssen doch nach Hause. Wir waren auf dem Weg nach Deutschland und ich hatte so starkes Heimweh. Ich konnte das nicht verstehen, was da mit mir passiert und warum wir jetzt weg müssen.“ Es sei eben das Gefühl in Rumänien, die Freiheit, die Geborgenheit, dieses Zuhause. Dieses Gefühl habe er nur hier.
Seine Kindheit, Jugend und einen Teil seines Berufslebens verbrachte er in Deutschland – insgesamt zweiunddreißig Jahre. Immer wieder fuhr die Familie in den Sommerurlaub nach Siebenbürgen, ließ den Faden nach Rumänien nicht abreißen. Jetzt, vor dreieinhalb Jahren, habe es sich angefühlt wie ein Nachhausekommen, sagt er.
Ein folgenreicher Besuch und die Rückkehr
Der Wendepunkt ist der letzte Tag eines Sommerurlaubs 2022, als Bettina Kenst, Pfarrerin und damalige Leiterin des Elimheims, Klaus Göbbel und seinen Partner in das heute 105 Jahre alte Traditionshaus einlädt. Der erste Eindruck des Ortes ist für ihn vertraut, obwohl es sein erster Besuch ist. Auf der Terrasse bei Kaffee und Smalltalk steht plötzlich die Frage im Raum: kann er sich vorstellen, einen Allrounder-Job im Elimheim auszufüllen? Gesucht wird jemand, der kreativ unterstützt, der im Austausch mit der Leitung steht und alle Bereiche des Heims kennenlernen möchte. Was dann folgt, wirkt wie aus einem Film: Die beiden fahren zurück nach Deutschland. Klaus Göbbel geht montags zur Arbeit – und kündigt zehn Minuten später.
Nachdem er in der Vergangenheit immer wieder Jobangebote in Rumänien abgelehnt hat, sieht er dieses nun als seine letzte Chance. Postwendend zieht er um. Heute lebt er mit seinem Partner in Kerz/Câr]a. Jeden Tag pendelt er von dort nach Michelsberg/Cisnădioara. Die Stunden in denen er hin- und herfährt, meint er, seien für ihn ein Ausgleich. In dieser Zeit lässt er den Tag Revue passieren, hat Zeit für sich, sagt er.
„Wir sind keine Personalnummern, sondern auch Freunde“
Zum Jahreswechsel übernimmt er dann die Leitung der Einrichtung, denn Bettina Kenst tritt ihren Dienst als Pfarrerin in Agnetheln/Agnita an. „Geht nicht gibt‘s nicht“ sagt der gelernte Modedesigner schlicht über seinen Antrieb. Er hat den Handwerksgesellen und den Industriemeister. Lange hat er im Modebereich gearbeitet, war hier Designer für namhafte Marken. Später war er auch einmal bei Hugo Boss. Als er sein Leben umkrempelt, arbeitet er im Einzelhandel, in einem Stoffladen. Schon als Jugendlicher jobbt er oft in der Gastronomie, hat viel mit Partyservice, Catering und Hochzeitsplanung zu tun. Zu dieser Zeit hilft er auch erstmals in der Küche. In Nürnberg wird er später Service-Chef eines Restaurants, dann irgendwann Marktleiter in einem Blumengroßmarkt. Zwischenzeitlich macht er sich als Hochzeitsplaner selbstständig – näht Brautkleider, gestaltet Einladungen und Dankeskarten, entwirft die Deko, organisiert alles von A bis Z. Bei ihm fließen viele Bereiche und Ausbildungen zusammen. Er habe vieles probiert, sagt er. Die breite Palette an Erfahrungen hilft ihm heute.
Die Schneiderei habe in der Familie mütterlicher-seits über mehrere Generationen Tradition. Sein Vater sei ein „Kleiner Daniel Düsentrieb“. Von ihm habe er auch die Liebe zum Tüfteln. Überhaupt liegt ihm allerlei: „Es macht mir Spaß, wenn ich den Rasen mähe. Das ist für mich pure Meditation. Es macht mir Spaß, wenn ich in der Küche stehe und mit meinen Kolleginnen zusammen koche und die Gäste dann regelrecht ausflippen, weil es sowas im Elimheim noch nicht gab. Ich behaupte mal, wir kochen – fast – auf Sterneniveau.“ Die Gäste seien offen, neue Dinge zu probieren: Zum Beispiel ein Gericht aus Karotten – ein Kunstwerk aus Karottenpüree mit Karottenrose und Karotten-Orangen-Marmelade, alles selbstgemacht. Eine frische und regionale Küche, das setzt Klaus Göbbel im Elimheim um. Beim Kochen hören sie Musik: Zwischen Manele, deutschem Schlager und Hip-Hop entwickeln sie gemeinsam neue Gaumenschmaus-Kreationen.
Für Klaus Göbbel ist es wichtig, dass sich jeder einbringen kann. Da ist das Beispiel von letztens, als Spinat übrig war. Eine Kollegin weigerte sich, die Reste wegzuwerfen – und zauberte kurzerhand ein neues Rezept. Auf dem Speiseplan nun: eine Spinatroulade fürs Frühstück. Nachhaltigkeit, neue Ideen, kreative Experimente und: einfach ausprobieren. Das alles steht für Klaus Göbbel im Vordergrund. Und dass es Spaß für alle bringt: „Es fühlt sich nicht wie Müssen an, sondern wie ein Dürfen. Und hier darf jeder.“
Auch wegen der familiären Atmosphäre im Elimheim schätzt er seine Arbeit. Überhaupt sei der Umgang untereinander ein besonderer:
„Wir arbeiten auf einem ganz anderen Niveau in Bezug auf das Miteinander,“ betont er. Im kleinen Team könne man sich auch einmal etwas im Vertrauen sagen, wie in einer Familie. Trotzdem werde diskutiert, auch privat tausche man sich aus: „Wir sind hier keine Personalnummern, nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde.“
Und Träume gibt’s genug...
Vielleicht ist es gar nicht so einfach, ein solches Haus zu führen. Von Berta Schiel vor über hundert Jahren als Erholungsheim gegründet, hatte das Elimheim früher einen hohen Bekanntheitsgrad und Status in Siebenbürgen. Das weiß auch Klaus Göbbel. Genau da will er wieder hin – und sich eben diesen Status des Hauses mit seinem Team neu erarbeiten. Er wolle sich und auch sein Team zur Weiterentwicklung anregen: „Wir wollen in uns investieren“, erzählt er. Es gehe darum, Fähigkeiten auszubauen. Mit Fortbildungen und Kochkursen soll die Expertise erweitert werden. Denn mit wachsendem Vertrauen in sich selbst wächst auch die Sicherheit bei der Umsetzung.
Er hat zahllose Pläne für den Außenbereich und für die Räumlichkeiten. Das Gartenrepertoire auszubauen, wünscht er sich: Lila Salbei sehe im Salat einfach viel schöner aus. Auch den Kräutergarten wollen sie erweitern – mit alten Kräuter- und Gemüsesorten. Rizinus, weil man damit floristisch gut arbeiten kann – denn Göbbel geht es auch stark um Ästhetik. Der Garten soll floral und zugleich ein Schau- und Schulgarten für Kindergruppen aus der Stadt werden. Auch Kurse fürs Publikum möchte er in Zukunft anbieten. „Elim“, die Oase aus der Bibel mit 70 Palmenbäumen – hier in Michelsberg sei das eben ein Erholungsort mit etwa 130 Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäumen. Und die Gäste von früher kommen wieder. Viele meinen, dass das Elimheim – bei aller Veränderung – seinen alten Charme beibehalten hat.
Für einige in seinem Umfeld in Deutschland sei seine Entscheidung eine Art „Runterstufung“ gewesen. Hier der attraktive Job, den er aufgab – dort das Armutsland. Für andere war es die pure Freude, dass er es wagte, diesen Schritt zu tun. Viele aus der siebenbürgischen Community hätten diesen Wunsch zurückzugehen, trauten sich aber oft nicht, meint er.
Der Junge von damals im Zug scheint angekommen zu sein. Nach der Auswanderung sei er ein Besucher auf Zeit gewesen: „Ich war 32 Jahre lang in Deutschland und hatte 32 Jahre lang Heimweh.“ Man könne es kaum in Worte fassen dieses Gefühl, sagt er. „Irgendwas ist von mir hier geblieben.“







