Noch gut, aber nicht mehr ganz perfekt...

Wie man Lebensmittelverschwendung vermeiden kann: Tipps von Ruxandra Gavrilescu

Unansehnlich gewordenes Gemüse lässt sich noch wunderbar in einer Quiche verwerten. Foto: Pixabay

Lebensmittelverschwendung ist seit Jahren ein ernsthaftes Problem. Der Food-Waste-Index-Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) für das Jahr 2022 zeigt das Ausmaß der weltweiten Lebensmittelverschwendung: Rund 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel wurden weggeworfen – das entspricht etwa einem Fünftel der für den menschlichen Verbrauch verfügbaren Nahrung. Gleichzeitig waren weltweit Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen. Laut UNEP werden täglich Lebensmittelmengen verschwendet, die umgerechnet rund einer Milliarde Mahlzeiten entsprechen. 

Die Nahrungsmittel gehen im Einzelhandel, in der Gastronomie und in den Haushalten verloren, sowie durch die Lieferkette, also von der Nachernte bis zum Verkauf. 

Dabei kann jeder Einzelne dazu beitragen, Lebensmittelabfälle zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und die Belastung für die Umwelt zu verringern. Denn hinter jedem weggeworfenen Lebensmittel steht nicht nur verlorene Nahrung, sondern auch unnötig verbrauchtes Wasser, Energie, Arbeitskraft und Transportaufwand.

Ruxandra Gavrilescu, Gestalterin hochwertiger kulinarischer Erlebnisse, beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit diesem Thema. Für ihre Projekte sprach sie mit rumänischen und internationalen Chef-/Köchinnen und Chef/-Köchen über den bewussteren Umgang mit Lebensmitteln und darüber, wie Verschwendung in Küche und Alltag vermieden werden kann.

Gemeinsam mit ihrem Mann Gabriel rief sie 2022 die Online-Serie „Cumpără. Gătește. Regândește“ („Kauf. Koche. Überdenke.“) ins Leben, das unter amusebouche.ro (soviel wie „Gaumenfreude“) zu finden ist. In fünf Schritten zeigt sie, wie sich Lebensmittelabfälle reduzieren lassen – von der Organisation des Kühlschranks über die richtige Lagerung und Mülltrennung bis hin zur Verwandlung organischer Abfälle in wertvollen Kompost.

Was für frühere Generationen selbstverständlich war, Lebensmittel wertzuschätzen und möglichst alles zu verwerten, muss heute oft neu gelernt werden. Informationskampagnen rund um Lebensmittelverschwendung und Umweltschutz rücken daher alte, nachhaltige Gewohnheiten wieder in den Mittelpunkt.

Praktische Tipps im Buch „Imperfect“

Die gesammelten Erfahrungen und Empfehlungen fasste Ruxandra Gavrilescu auch im Buch „Imperfect“ zusammen, das 2024 vom Verein „Asociația Gastronomică” herausgegeben wurde. Auf 255 Seiten bietet der Band praktische Ratschläge und 45 Rezepte, die zeigen, wie Lebensmittel länger frisch bleiben und wie aus Resten oder überschüssigen Zutaten neue Gerichte entstehen können.

Leser lernen, ein System für die eigene Küche zu entwickeln: mehrere aufeinan-der abgestimmte Gerichte vorzubereiten, Zutaten flexibel zu kombinieren und einfache Kochprinzipien an den eigenen Alltag anzupassen.

Der Grundgedanke da-hinter lautet: bewusster einzukaufen, richtig zu lagern und nur so viel zu konsumieren, wie tatsächlich benötigt wird. Dadurch lässt sich nicht nur Lebensmittelverschwendung vermeiden, sondern auch Geld sparen und gesünder essen. Ein bewusster Konsum schont zudem die Umwelt, denn weniger Nachfrage bedeutet weniger Produktion, weniger Transport und weniger Lagerung.

Alles beginnt im Kühlschrank

Ein großer Teil der Lebensmittelverschwendung, über 60 Prozent, beginnt im eigenen Kühlschrank, heißt es in der Online-Serie von Ruxandra und Gabriel Gavrilescu. Häufig werden Lebensmittel entsorgt, weil zu viel eingekauft oder Produkte falsch gelagert wurden. Deshalb sollte jeder Einkauf mit einem Blick in den Kühlschrank und die Vorräte beginnen: Was ist bereits vorhanden? Was soll in den nächsten Tagen gekocht werden und welche Mengen werden tatsächlich benötigt?

Nach dem Einkauf entscheidet die richtige Lagerung darüber, wie lange Lebensmittel frisch bleiben. Nicht jedes Produkt gehört in den Kühlschrank: Kartoffeln, Zwiebeln, Bananen, Orangen, Tomaten und Brot behalten ihre Qualität besser außerhalb. Empfindliche Lebensmittel brauchen hingegen tiefe Temperaturen. So kommen frische Produkte wie Gemüse und Obst in die tiefste Lade, wo es am kältesten ist. Frisches Fleisch und Fisch gehören gleich darüber. Für gekochte Speisen und verarbeitete Lebensmittel wie Milchprodukte hingegen reicht die Temperatur auf den mittleren Etagen des Kühlschranks. Verarbeitete Produkte und halbfertige Speisen gehören ganz oben hin. In der Tür lagert man Flaschen und Gläser. 

Chefköchin Oana Coant² empfiehlt, Lebensmittel nach Kategorien geordnet in Behältern aufzubewahren und das FIFO-Prinzip („First in, first out“) anzuwenden. Neu gekaufte Produkte kommen nach hinten, dafür werden aber die älteren Lebensmittel nach vorne gestellt, damit sie rechtzeitig verbraucht werden.

Für mehr Überblick beschriftet sie ihre Behälter und nutzt ein einfaches Farbsystem, das zeigt, welche Produkte frisch sind (grün), welche noch länger haltbar sind (gelb) und welche bald verbraucht werden sollten (rot). Eine gute Gewohnheit sei außerdem, den Kühlschrank regelmäßig zu überprüfen und Lebensmittel, deren Haltbarkeit bald abläuft, sichtbar zu platzieren und sie schnellstmöglich zu verarbeiten.

Essensplanung spart Geld und Zeit

Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln beginnt bereits vor dem Einkauf mit der Essensplanung. Ein Überblick über die vorhandenen Vorräte und den Inhalt des Kühlschranks ist ausschlaggebend. Danach kann entschieden werden, welche Gerichte zubereitet werden sollen und welche Zutaten tatsächlich benötigt werden.

Auch für Chef Alex Petricean ist Planung ein wichtiger Schritt zu weniger Verschwendung. Er empfiehlt, eine persönliche Liste mit bewährten Rezepten anzulegen – Gerichte, deren Zutaten bekannt sind und deren Zubereitung bereits geübt wurde. Diese Rezepte können anschließend auf die einzelnen Tage der Woche verteilt werden.

Dabei sollte auch der Alltag berücksichtigt werden. Wenn ein Abend in einem Restaurant geplant ist oder wenig Zeit zum Kochen bleibt, soll dies in den Wochenplan aufgenommen werden. So wird vermieden, dass zu viel eingekauft wird oder bereits vorhandene Lebensmittel ungenutzt bleiben.

Auch wenn es anfangs schwierig ist, wird mit der Zeit wird aus der bewussten Planung eine Gewohnheit. 

Zutaten am Vortag vorbereiten

Eine weitere Möglichkeit, den Alltag zu erleichtern, ist die Vorbereitung einzelner Arbeitsschritte bereits am Vorabend. Gemüse kann beispielsweise geschnitten und bis zur Verwendung im Kühlschrank aufbewahrt werden. So kann man am Ende eines langen Tages trotzdem ein selbst gekochtes Abendessen auf den Tisch stellen.

Auch das Vorkochen kann helfen. Am Wochenende lohnt es sich, etwas größere Mengen zuzubereiten und einige Portionen für die kommenden Tage aufzubewahren. Gerade der Wochenanfang ist für viele Menschen besonders stressig, sodass sich übrig gebliebene Speisen vom Wochenende als praktische Lösung entwickeln.

Reste sollten dabei nicht als minderwertige Mahlzeit betrachtet werden, sondern als Ausgangspunkt für neue Gerichte. Ein Stück Braten vom Sonntag kann bei-spielsweise am Montag zu einer Füllung für ein Sandwich werden, Gemüse vom Vortag kann in einer Suppe, einem Auflauf oder einer Quiche weiterverwendet werden.

Die Köche aus der Serie der beiden Feinschmecker empfehlen außerdem, flexibel mit Rezepten umzugehen und vorhandene Lebensmittel zu integrieren.

Die Einkaufsliste: gezielt kaufen

Nach der Erstellung des Wochenplans folgt die Einkaufsliste, die immer auf Grundlage des zu Hause Vorhandenen entsteht. Fehlende Zutaten werden ergänzt und Lebensmittel, die während der Woche verbraucht wurden, auf die Liste gesetzt.

Chef Alexandru Dumitru macht in der Online-Serie zudem darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, lokale Produzenten zu unterstützen. Viele landwirtschaftliche Erzeugnisse entsprechen nicht den sogenannten „ästhetischen Standards“ großer Handelsketten, sodass Gemüse mit kleinen Makeln, unregelmäßiger Form oder ohne perfekten Glanz oft vermieden wird. Dabei sind sie genauso gut – oder sogar besser, denn meist haben saisonale und regionale Lebensmittel geschmackliche Vorteile. 

Dumitru empfiehlt außerdem, Lebensmittel unverpackt zu kaufen. So bekommt man nur die benötigte Menge und vermeidet zudem Verpackungsmüll. 

Kreative Herausforderung: Reste nutzen

Lebensmittel, die nicht mehr perfekt aussehen, müssen nicht im Müll landen. Die Köche ermutigen dazu, auch angeschlagene Produkte, die der standardisierten Handelsnorm nicht entsprechen, weiterzuverwenden.

Beschädigte Stellen können entfernt werden, während der restliche Teil verwendet werden kann.

Überreifes Obst kann zu Smoothies, Kuchen, Kompott oder Konfitüre werden. Oder, püriert und in Würfel portioniert eingefroren werden. Später lassen sie sich für Limonaden oder Cocktails verwenden.

Verformtes oder leicht angeschlagenes Gemüse eignet sich immer noch für Suppen, Aufläufe, Quiches oder Lasagnen.

Eine bewusste Küche bedeutet auch, die Eigenschaften einzelner Lebensmittel zu kennen und sie entsprechend zu behandeln. Käse beispielsweise sollte nicht luftdicht verschlossen werden, sondern etwas „atmen“ können. Wird er in Wachspapier aufbewahrt, vermeidet man Schimmelbildung.

Angetrockneter Käse kann immer noch über Pasta gerieben oder zum Überbacken von Gemüse verwendet werden.

Obst, Gemüse und Kräuter länger frisch halten

Besonders empfindlich sind Obst, Gemüse und Kräuter. Häufige Gründe für ihr schnelles Verderben sind falsche Lagerung, ungeeignete Temperaturen oder zu große eingekaufte Mengen.

Die Köche empfehlen daher, Obst und Gemüse nach dem Einkauf zu waschen, anschließend gut zu trocknen und in geeigneten Behältern aufzubewahren. Nicht allerdings die Beeren, die erst kurz vor dem Verzehr gewaschen werden sollen, da sie sonst schneller verderben und an Aroma verlieren.

Kräuter bleiben länger frisch, wenn sie nach Sorten getrennt, trocken in Papiertücher gewickelt in einer Schachtel im Kühlschrank aufbewahrt werden.

Wichtig ist auch die Trennung von beschädigten und noch einwandfreien Produkten. Angeschlagene Lebensmittel können Mikroorganismen übertragen und dadurch den Verderb anderer Produkte beschleunigen.

Brot richtig aufbewahren und verwerten

Brot, das Lebensmittel, das in Rumänien unabdingbar ist, wird auch oft weggeworfen. 

Die richtige Lagerung hängt von der Brotsorte ab. Vollkorn- und Roggenbrote enthalten mehr Feuchtigkeit und sind dichter als andere Sorten. Dadurch können sie schneller schimmeln. Um dies zu vermeiden, wird die Aufbewahrung in Papiertüten oder Stoffbeuteln bei Raumtemperatur von 20 Grad an einem trockenen und luftigen Ort wie dem Küchentisch empfohlen.

Luftigere Brotsorten wie Ciabatta, Focaccia oder Baguette trocknen dagegen schneller aus. In einem Stoffbeutel aufbewahrt, bleiben bis zu sechs Tage frisch. Sie können in einer Schublade oder in der ausgeschalteten Backröhre gelagert werden.

Übrig gebliebenes Brot kann eingefroren werden oder in Brotbrösel, Croûtons oder Desserts wie Brot-Pudding verwandelt werden.

Recycling, Kompost und Nachhaltigkeit

Auch mit Lebensmittelresten kann man sich gegen eine Verschwendung einsetzen. Organische Abfälle wie Schalen, Kerne oder andere Küchenreste können ein zweites Leben erhalten – als Kompost. Das ist ein natürlicher biologischer Prozess, bei dem organische Materialien durch Mikroorganismen abgebaut und in nährstoffreichen Humus umgewandelt werden.

Lebensmittelverschwendung im Alltag zu reduzieren, ist keine schwierige Aufgabe. Sie erfordert aber einen bewussteren Umgang mit den vorhandenen Ressourcen sowie die Bereitschaft, neue Gewohnheiten zu entwickeln.