Randbemerkungen: „Der besoffne Bürger“ sitzt immer noch da


In einem durch Treffsicherheit ans Geniale grenzenden Beitrag in der Wochenschrift „Dilema“ fragt sich die Journalistin Stela Giurgeanu: „Cum sc²p²m de Caragiale?” („Wie kriegen wir – diesen – Caragiale los?”). Sie meint die wie aus heutigem politischem Alltag geschnittenen Gestalten seiner unsterblichen politischen Komödie „Der verlorene Brief“. Ihre Meinung: Caragiale hat die menschliche Natur beschrieben im Moment, wo sie auf die Politik trifft, alles fokussiert auf sein Geburtsland Walachei, das erst seit 1862 Rumänien heißt. 

Ohne einen der heutigen Politiker Rumäniens, die das Land aufs Chaos zusteuern, namentlich zu nennen, bloß durch Aufzählung der Charaktermängel/-merkmale der Haupt-Gestalten Caragiales – Trachanache, Tip²tescu, Farfuridi, Brânzovenescu, Cațavencu und Dandanache – entwirft die Autorin ein Bild der Kollision zwischen menschlicher Natur und politischer Macht auf Rumänisch. Resultat vernichtend: „Es erdrückt dich bis zur Verdunklung deines Geistes”, sagt sie.

Denken wir mal an den heutigen PSD-Parteichef Sorin Grindeanu, ein Mensch mit mütterlicherseits Banater, väterlicherseits oltenischen Wurzeln, oder an den aus Fogarasch stammenden Staatschef Nicu{or Daniel Dan – und klauben wir aus der Vorlage von Stela Giurgeanu charakterisierende Stichworte der obengenannten Theatergestalten Caragiales heraus. „Ein Mensch des Systems“, „oberflächlich gesehen: ausgeglichen“, offiziell „überzeugt, Politik geschehe mittels Übereinkünften und Kompromissen“, „überzeugt, Legitimität resultiere aus der Unmittelbarkeit rascher Entschlüsse“ oder, im Gegenteil, aus „pu]intic² r²bdare” / „Ein bisserl Geduld“; aber „Regeln können adjustiert werden, wenn´s die Umstände erfordern“, die Herren polarisieren und ziehen Begeisterung der Unterstützer und Hass der Gegner auf sich, „intuier(en) Verrat an jeder Ecke“, „brüll(en) aus Selbstbehauptungsdrang“, „unfähig, Alternativen vorzuschlagen“, liefer(n) nie Lösungen, aber weis(en) sämtliche Vorschläge von sich, sprechen „dauernd über Prinzipien, feilsch(en) heimlich um Posten“, „schieb(en)´s `nationale Interesse` vor, verfolg(en) knallhart persönliche Interessen“, „erklär(en) sich zu Vorkämpfer(n) der Demokratie, schreck(en) vor Erpressung nicht zurück“, sind „unfähig zur Aktion“, usw., usf.

Und das „Publikum“, wir, die Wählerschaft dieses charakterlichen Panoptikums? Stela Giurgeanu sieht uns als den absolut deroutierten „besoffenen Bürger“ aus demselben Stück Caragiales, der mit seiner verloren im „Saal“ widerhallenden Frage „Eu cu cine votez?!“ – „Wen wähle ich!?“/„Mit wem stimme Ich?!“ die Tragik inmitten aller auf die Lachmuskel drückenden Komik der Komödie unterstreicht (man sieht schon an diesem einfachen Fragesatz des „besoffenen Bürgers“, wie schwierig er übersetzbar ist, auch weil das Deutsche kaum die levantinischen sprachlichen Nuancen/Usancen parat hat – Ausnahme: der aus der Bukowina stammende Weltbürger und Leichtschreiber Gregor von Rezzori …, ein deutscher Caragiale des 20. Jahrhunderts). 

Denn zwischen dem Schätzen des Genies von Caragiale und seines Spitzenwerks – und dem Mit-Wohnen in diesem Werk ist ein Unterschied. Caragiale ist uns freundlicherweise behilflich, über die inzwischen verflossenen 150 Jahre seit dem Ersterscheinen hinweg, diese politische Welt zu entziffern – aber er gibt keinerlei Anleitungen zu ihrem Verändern. Er wanderte aus. Sie blieb seit 1884 unverändert. Ebenso die Grundfrage des Wählers, Caragiales „besoffenen Bürger“, trunken vom Wortreichtum dieser levantinischen Landschaft und der Faktenarmut, die auf diesen Dauerregen von auf uns niederrieselnden Worthülsen stetig und unabänderlich folgt. Im Grunde beweist Caragiale, dass Rumäniens Politiker sich seit 150 Jahren nicht geändert haben, weil die Wähler unverändert geblieben sind – so die Kollegin Stela Giurgeanu.