„Wir stehen auf Schätzen, doch auch andere haben ihre eigenen“

Ein Handwerker lebt hilfsbereit seinen Ruhestand in Rumänien

Dumitru Hereșanu | Foto: Klaus Philippi

Zuallererst eine gute Allgemeinbildung empfehle er jedermann in Rumänien, sagt Arbeitsmann Dumitru Hereșanu. „Um nicht glatt allem Blödsinn in den Social-Media-Netzwerken auf den Leim zu gehen.” 2017 trat er in den Ruhestand, nach zig Jahren Dienst für eine Militäreinheit in Hermannstadt/Sibiu. Klaus Philippi wurde hellhörig, als der Freiwillige Dumitru Hereșanu auf einem Einsatz der „Ambulanța pentru Monumente” vom Reisen in andere Länder schwärmte, und den um sich greifenden Kurs vom Hass auf den Westen kritisch erwähnte. Das folgende Gespräch fand am ersten September-Tag statt, und Rentner Hereșanu hatte dem Verein der „Freunde der Harbachtal-Bahn” bereits versprochen, beim Warten und Säubern der Gleise in Cornățel von Unkraut zu helfen. „Zum Schaffner tauge ich nicht, weil ich Fremdsprachen nicht beherrsche. Mein Zuarbeiten ist immer noch das eines Handlangers.” Dumitru Hereșanu weiß, was einen nützlichen ´holoangăr´ ausmacht.

Auf einer Baustelle der „Ambulanța pentru Monumente” im Juni sprachen Sie kurz von Ihrer langen beruflichen Erfahrung in den militärischen Kfz-Werkstätten Hermannstadts. Erzählen Sie doch bitte, wie es zu dieser Laufbahn gekommen ist!
Aufgewachsen bin ich auf dem Land, weswegen mir schon als Kind das Arbeiten mit Schaufel, Axt und Sense beigebracht wurde. In der Ortschaft Greblești war das, nordöstlich im Kreis Vâlcea. Wobei das Dorf meiner Kindheit damals noch zur Oblast Argeș zählte, also die  Einteilung Rumäniens in 41 ´județe´ erst 1968 folgen sollte. Câinenii Mari am westlichen Ufer des Alt/Olt gehörte zur Oblast Vâlcea, das durch eine Brücke mit ihm verbundene Câinenii Mici aber schon zu der Oblast Argeș. Zur Schule gegangen bin ich acht Jahre zuhause im Dorf, und nach Hermannstadt an das Lyzeum Nr. 2 für Berufe der Eisenbahn-Branche kam ich in der 9. Klasse. Dass ich das echt nur so gewollt hätte, kann ich nicht behaupten. Meine Mutter hatte eigentlich vor, mich am Pädagogischen Lyzeum in Râmnicu Vâlcea zum Grundschullehrer ausbilden zu lassen, aber meine Noten bei der Aufnahmeprüfung im Sommer waren nicht gut genug. Blieb mir noch die Chance, es beim zweiten Versuch im Herbst an eine weniger hoch eingestufte Schule zu schaffen. An meinem Lyzeum in Hermannstadt reichte es für die Klasse mit dem Profil Brücken- und Straßenbau: die 9J, mit dem Buchstaben an zehnter Stelle des Alphabets. Zehn Parallelklassen, und die besten Schüler hatte die Klasse 9A. Die nicht leichte Stufenprüfung nach der 10. Klasse, die ´treaptă´, nutzte ich als Sprungbrett: einen Platz in der Klasse 11D, wo der Beruf Elektromechaniker für Lokomotiven Hauptsache war, hatte ich sicher.

Was genau war Ihr Anteil beim Einsatz der „Ambulanța pentru Monumente” zur Restaurierung der Holzbrücke mit Dach über den Zibin in Gura Râului vor aktuell drei Monaten?
Gearbeitet habe ich hauptsächlich mit der Säge. Sozusagen als ein unqualifizierter Handlanger.

Obwohl Sie qualifiziert sind.
Nicht jedoch, was die Bearbeitung von Holz angeht. Zwar hatte ich in der Militäreinheit, wo ich beruflich tätig gewesen bin, Berührung damit. Anfangs war ich dort Gruppenleiter für das, was man zu der Zeit „spezielle Arbeiten” nannte: statt Automechanik bedeutete der Begriff Spenglern und Reparaturen der Karosserie. Weil damals die Karosserien noch aus Holz bestanden, hatten wir fürs Tischlerische einen Raum nur mit Maschinen für Zuschneiden und Hobeln. Alles mechanische Vorgänge, wohingegen es kürzlich in Gura Râului auf der Baustelle der „Ambulanța pentru Monumente” auf das Werken von Hand ankam.

Ihrem ersten Arbeitsplatz sind Sie bis zum Renten-Eintritt treu geblieben, oder?
Hinsichtlich der Lokalität hat sich nichts verändert, stimmt. Intern allerdings habe ich mehrere Stationen durchlaufen, darunter auch die, wo es tatsächlich um die mechanischen Reparaturen ging. Die letzten Jahre arbeitete ich im Verwaltungsbüro, wo wir uns darum kümmerten, dass genügend Kraftstoff für die Fahrzeuge verfügbar ist, auch Batterien, dass sie sicher im Straßenverkehr unterwegs sind und regelmäßig gewartet werden.

Wie haben Sie den Wechsel von Karosserien aus Holz hin zu den metallenen beobachtet und beurteilt?
Metallene haben wir stets nur repariert, doch die hölzernen von A bis Z selber konstruiert. Waren Längsträger, Traversen und Böden kaputt, machten wir alles ganz neu. Metallene Karosserien hatten Vor- und Nachteile: längere Haltbarkeit selbstverständlich, aber auch höheres Gewicht. Hölzerne mussten klar häufiger repariert werden, waren dafür leichter. Die Ölfarbe, mit der sie bestrichen wurden, trocknete schwerer und benötigte lange Bearbeitungszeit, zog letztlich jedoch sehr gut in das Holz ein und bot besten Schutz vor Nässe. Blech wurde mit Emaille-Farben behandelt. Unterdessen gibt es eine Vielzahl von Begriffen für Farben, doch ich verwende immer noch die mir geläufigen von früher.

Der Aufstieg vom Handwerker einer Militäreinheit bis zu einem Angestellten für die Verwaltung ihrer Werkstätten: war er für Sie  ein Wunsch oder Normalfall, und gab es auch Mitarbeiter, denen bis zur Rente nichts über die handwerkliche Beschäftigung ging?
Mit den paar Kollegen, denen ich gleich in meiner ersten Funktion als Gruppenleiter vorstand, wurde der Monatsplan erfüllt. Es ging zu wie in einer Werkhalle: fünf Leute mussten binnen vier Wochen etwa zehn Karosserien general-überholen und laufend Reparaturen kleineren Umfangs an bis zu 20 weiteren vornehmen. Solange man selber nichts anderes tat, bekam man auch nur das mit. Ich glaube, dass es gut war, als Verwaltungsbeauftragter in den militärischen Werkstätten ganz einfach und unten angefangen zu haben. Einige sind tatsächlich bis zur Rente im Handwerklichen geblieben, weil sie ihren Schichtbetrieb am Band mühelos schafften und geschickt im Mechanischen waren. Ich für meinen Teil hatte bald den Dreh mit Computern heraus und wollte nach Möglichkeit das, was die Kollegen arbeiteten und ich ziemlich schwer fand, nicht mehr tun müssen.

Wann wurde in der Militäreinheit vom Rechnen und Schreiben von Hand auf Computer umgeschaltet?
Um das Jahr 2005 begann die schrittweise Anpassung, und wir benutzten Nadeldrucker für unsere Registerhefte. Sehr hilfreich waren die Programme für das Errechnen des Kraftstoff-Bedarfs, zum Beispiel. Bis dahin war alles immer mit dem Bleistift durch reine Kopfarbeit abgewickelt worden.

Erwachsene, die noch Jahre bis Jahrzehnte Berufsleben vor sich haben, stellen sich die Zeit danach sicher hin und wieder gerne naiv als ewigen Urlaub vor. Was war Ihre eigene Erfahrung mit dem Wechsel in die Etappe, die man Ruhestand nennt, und mit was für Herausforderungen haben Sie es als Rentner zu tun?
Als ich 2017 zu arbeiten aufhörte, wurde meine Mutter krank, und meine Frau auch. Ich fühlte, ihnen besser helfen zu können, wenn ich mehr Zeit bei ihnen verbringe. Auch das Materielle spielt in so einer Lage eine Rolle. Meine Frau und ich hatten ein Appartement, ein Auto, und unsere Rentenbeträge waren besser als viele andere im zivilen Sektor. Das Bedürfnis nach einem Zubrot habe ich nicht gespürt. Unsere Tochter fand gleich nach dem Hochschulstudium ihren Arbeitsplatz. Finanzielle Schulden hatte ich auch 2021 nicht, als meine Frau starb, und weil die Rente für das, was ich möchte, ausreicht, kann ich nicht bestätigen, mir wie im ständigen Urlaub vorzukommen. Ich lebe nicht ausgefallen.

Aber Ihr Freizeit-Plus, wie gestalten und schätzen Sie es?
Klar, als Berufstätiger stand ich morgens um halb sechs auf, fuhr mit dem Auto zur Arbeit und brachte auf dem Weg dorthin auch meine Frau an ihren Arbeitsplatz. Für uns beide begann spätestens um halb acht der Arbeitstag. Meiner dauerte bis 15 oder 16 Uhr, oft blieb ich auch länger wegen hektischer Stunden im Büro mit vielen Anrufen zum Beispiel, die ein ruhiges Schaffen am Vormittag sehr erschwerten. Jetzt als Rentner natürlich schlafe ich morgens länger als bis halb sechs, doch Frühaufsteher bin ich nach wie vor. Es ist mir wichtig, einem bestimmten Tagesablauf zu folgen und in der Agenda wöchentlich alles einzutragen, was ich mir vornehme. Gereist bin ich auch früher, wenn auch seltener. Mal lag es daran, dass meine Tochter zu klein war, mal konnten ich und meine Frau nicht gleichzeitig Urlaub nehmen, oder es mangelte am Geld. Zum ersten Mal aus Rumänien hinaus gekommen sind wir 2005, als wir einen Kredit für unseren neuen Dacia Logan aufgenommen hatten. Die Reise ging nach Griechenland, gemeinsam mit meinen Brüdern und allen Nichten, als Großfamilie. Neuerdings legt meine Tochter großen Wert darauf, dass ich öfter reise.

Wie weit erleben Sie Ihren Ruhestand als Genuss?
Ein ungetrübter Genuss ist es nicht ganz. Was mir fehlt, ist ein Gegenstück zum Alleinsein. Meine Tochter lebt und arbeitet in Klausenburg/Cluj und kommt mich nur gelegentlich besuchen. Schön war mein 64. Geburtstag, den ich mit der Großfamilie in einer Hütte des Retezat-Gebirges gefeiert habe. Außerdem reise ich gern nur zu zweit mit meiner Tochter, die mich seit einigen Jahren jeweils in ein bestimmtes Land mitnimmt: ihre Wahl für September ist auf Holland gefallen.

Was ist bei Rückkehr von einer Auslandsreise Ihr Eindruck von Rumänien, das Sie ohnehin schon seit sehr langer Zeit kennen?
Immense Fortschritte sind auch in Rumänien geschehen, obgleich es noch sehr viel mehr hätten sein können. Von der politischen Klasse war ich immer schon enttäuscht. Ich schaue mir Länder an, die sich höher als Rumänien verschuldet hatten. Und denke daran, dass wir jäh nach der Revolution 1989 keine Schulden mehr hatten. Wir sind ein Land mit vielfältigem Relief, mit manch natürlichem und landwirtschaftlichem Reichtum, aber im Nachteil, dass wir zu viel extern einkaufen. Trotzdem versuche ich, moderat zu bleiben. Wir stehen auf Schätzen, doch auch andere haben ihre eigenen.

Was klappt Ihrer Meinung nach in Rumänien noch immer, von den sich überlagernden Krisen abgesehen?
Asse im Ärmel haben wir auf die Schnelle nicht. Dafür jedoch eine zerstreute politische Klasse, Krieg in der Ukraine und im Iran, und obendrein noch die Klimakrise.

Tragen Sie sich dennoch auch mit etwas Hoffnung?
Ganz pessimistisch bin ich zwar nicht, aber auch nicht durch und durch optimistisch. Solange ich noch auf dieser Welt bin, hoffe ich, keinen Krieg erleben zu müssen. Er ist das Furchtbarste überhaupt, was Menschen anrichten. Es tut so gut, abends durch die Stadt zu schlendern und zu sehen, dass viele Menschen ausgehen und sich an den Tischen unter freiem Himmel wohlfühlen. Bei Krieg wäre das alles weg. Ich bewundere die Ukrainer für ihren Widerstand. Wir in Rumänien wären dazu nicht im gleichen Maße fähig. Und dann ist auch noch ein so unberechenbarer Leader wie Trump zu bedenken. Russland hat so viele Ressourcen und nutzt sie für den Krieg. Ich glaube, dass es den Menschen in Russland schlecht geht, sicher nicht so gut wie uns. Russland und seine Staatsführer waren immer schon groß und mächtig, haben jedoch das Rennen mit dem Westen verloren. Obwohl sie sich problemlos dem zivilisatorischen und technischen Fortschritt hätten anschließen können. Man blicke auf Deutschland, das zwar ohne nennenswerte Ressourcen dasteht, aber Fortschritt verzeichnet und sich nach meiner Information im Wettstreit mit Indien um den Platz als dritte Weltwirtschaftsmacht befindet.

Wie begegnen Greblești und Ihr Elternhaus dort Ihnen heute?
Vom Frühjahr bis Herbst fahre ich ziemlich oft hin, meist für zwei Tage. Das Elternhaus steht noch, ich fühle mich darin am wohlsten. Um Haus und Wiese kümmere ich mich nicht mehr in besonderem Umfang, möchte aber alles in brauchbarem Zustand erhalten. Das Dorf selber ist etwas entvölkert, wie zahlreiche andere Dörfer auch. Gutes ist passiert, auch Schlechtes. Wasserleitungen wurden durch die Ortschaft gezogen und alle Gassen asphaltiert, es war die helle Freude. Jüngst wurde die Kanalisation eingeführt, und hierfür die Asphaltdecke aufgerissen. Auf meiner Gasse wurde zwei Häuser vor meinem damit aufgehört. Weil das Geld nicht mehr gereicht hat. Nur noch 70 Prozent des Budgets waren verfügbar, die 100 Prozent Projekt-Umsetzung blieben aus. Jetzt gerade, wo Geld besonders knapp ist, weiß ich nicht, wann das ganze Dorf Kanalisation bekommt.