Vor ein paar Tagen hielt ich ein Neugeborenes in den Armen, das eine Woche vorher das Licht der Welt erblickt hatte. Und mein Eindruck war, das Kleine sehnt sich zurück in den Mutterbauch – dort gab es Verköstigung rund um die Uhr, die Temperatur war gleichbleibend angenehm, es wurde weder kühler noch wärmer und auch das lästige Anziehen, Ausziehen und Umziehen hat es nicht gegeben. Und dann wiederum hat dieses Baby auch außerhalb des Bauches ganz friedlich geschlafen. Oder wenn es wach war, sich mit den kleinen Äuglein interessiert umgeschaut. Es ist ja doch nicht alles schlecht außerhalb des Mutterbauches.
Der heutige Tag, der 11. September, hat sich vielen von uns eingebrannt. Wer 2001 schon erwachsen war, kann oft bis heute genau sagen, was er oder sie an diesem Tag gemacht hat, als die Nachricht vom Einsturz der Twin Towers in New York über die Fernsehbildschirme lief. Wie ein Einschnitt hat es sich angefühlt. Die alte Ordnung, der bis dahin gewohnte Gang, ist mit diesen Türmen eingestürzt.
Das Datum von gestern, der 10. September, ist aber auch wichtig. Und darauf möchte ich heute gerne den Blick lenken: Seit 2003 ist der 10. September der Welttag der Suizidprävention und der gesamte September wird von verschiedenen Stellen im Gesundheitswesen zum Anlass genommen, auf Suizide aufmerksam zu machen und eine Aufmerksamkeit zu schaffen, um Suizide zu verhindern. Denn vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. Nur durch Unfälle sterben mehr junge Menschen.
Wer sich das Leben nimmt, sieht im jetzigen keinen Sinn mehr. Wer sich das Leben nimmt, sucht eine andere Geborgenheit – etwa so, wie ein Neugeborenes an die Zeit im Mutterbauch denkt: ganz einfach und unkompliziert versorgt sein in einer angenehmen Umgebung und nicht genervt werden mit Anziehen und Ausziehen. Im übertragenen Sinne: nicht Erwartungen übergestülpt bekommen und nicht beschämt werden. Und so verblasst für mich die Erinnerung an Nine Eleven, den 11. September 2001, und der 10. September bekommt mehr Relevanz. Der ganze Monat September, in dem wir merken, dass das Licht und die Helligkeit des Sommers vorbei sind. Früher wird es dunkel und in diesem Dunkel können sich auch die Gedanken und Gefühle verdunkeln. Bis dahin, dass sie keinen anderen Weg mehr sehen, als selbst den Ausgang aus diesem Leben zu nehmen.
Wie ein Hohn klingt da der Bibelvers für heute aus dem Neuen Testament in den Herrnhuter Losungen: „Seid allezeit fröhlich!“ (1. Thessalonicher 5, 16). Es ist aber kein Hohn und der Apostel Paulus, der diesen Brief an die christliche Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat, weiß sehr wohl um die Untiefen des Lebens und um das, was das Leben zu verdunkeln mag. Paulus kennt sowohl die Macht des Bösen als auch die Macht des Guten, den „Gott des Friedens“. Paulus hat diesen Gott erlebt. Das Frohsein im Glauben soll nicht übertünchen, sondern vielmehr verbinden. Soll einander Raum geben, Geborgensein ermöglichen und helfen, dass Leben sich in seiner Vielfalt entfalten kann: „Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ (1. Thessalonicher 5, 15–18).
Allezeit – nicht nur sich allezeit freuen, sondern allezeit Gutes füreinander suchen. Ein Geborgen-sein ermöglichen, das wir alle vor unserer Geburt erlebt haben. Gutes füreinander suchen können wir in diesem Herbst, so wie Kinder bald Kastanien suchen. Gutes füreinander suchen, wenn Gewissheiten wanken, wenn Menschen in unserem Umfeld straucheln, wenn wir selbst Fragen haben. Denn die Sehnsucht nach Leben ist groß. Und Gott gibt uns Kraft und Mut, dieses Leben zu gestalten.
