Zugebissen: Die Rote Karte die nicht war


Der Internationale Verband des Verbandsfußballs – landläufig als FIFA bekannt – gehört seit der Ära Blatter nicht zu jenen Weltorganisationen, die durch Integrität glänzen. Diese Erkenntnis ist längst zur Binsenweisheit geworden. Und Gianni, das Kind an der Spitze des Verbandes, gibt sich alle Mühe, dieses Bild weiter zu pflegen. Als der Wa-shingtoner Rotschopf ohne Friedensnobelpreis sich einmal mehr missachtet fühlte, erschuf Gianni aus dem luftleeren Raum einen Friedenspreis, den er eilfertig in die US-Hauptstadt trug, um den Trumpschen Krokodilstränenstrom zu stillen.

Was im Fußball wie eine Farce wirkt, findet in Rumänien seine eigene Bühne. Hier sind es nicht Präsidenten und FIFA-Chefs, sondern die Richter- und Staatsanwälteverbände, die sich wie selbsternannte Hüter einer höheren Wahrheit gerieren. Sie treten auf wie Trump und sein Gianni-Kind: laut, empört, überzeugt von der eigenen Unfehlbarkeit. Und die Regierung, die sich mühsam als Verfechter des gerechten Spiels behaupten will, sieht sich einem Machtblock gegenüber, der jede Entscheidung, die nicht in sein Weltbild passt, als Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit ausruft. Wo Trump nach dem Telefonhörer griff, greifen die Verbände zu öffentlichen Erklärungen, Drohbriefen, Pressekonferenzen und Gerichtsverfahren, um die politische Bühne zu dominieren.

Für Trump ist die Weltmeisterschaft in den USA ein Spiegel seiner eigenen Größe. Für die rumänischen Verbände ist die Justiz ein Spiegel ihrer eigenen Bedeutung. Und wenn man der Größte, Reinste und Unantastbarste unter dem Sternenhimmel sein will, dann muss sich die Welt gefälligst danach richten. Was aber tun, wenn die Regierung Reformen anstößt, die den eigenen Einfluss beschneiden könnten? Ganz einfach: Man ruft nicht bei der FIFA an, sondern erklärt öffentlich, dass die Demokratie in Gefahr sei, dass die Gewaltenteilung zerbröckele und dass nur die Verbände selbst noch zwischen Ordnung und Chaos stünden. Die Parallele ist frappierend: Wo Trump Baloguns rote Karte als himmelschreiende Ungerechtigkeit inszenierte, inszenieren die Verbände jede strukturelle Veränderung als Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Trump erklärte mit allwissender Miene: „Balogun ist unser bester Spieler. Er hat eine rote Karte bekommen. Ich wusste nicht, was das bedeutet, aber dann habe ich gehört, dass er deshalb im nächsten Spiel nicht spielen darf. Das ist sehr ungerecht. Wie kann man ihn für ein Spiel bestrafen, das noch gar nicht stattgefunden hat? Ich habe eine Überprüfung beantragt, da ich nicht glaube, dass es ein Foul war. Er war nicht jemand, der seinen Gegner ins Gesicht geschlagen hat. Es war nicht einmal ein Foul, sie sind einfach aneinandergeraten“, und Gianni warf daraufhin sämtliche Regeln über Bord, um dem großen Mann zu gefallen. In Rumänien funktioniert das ähnlich: Die Verbände präsentieren ihre Argumente als stichfest, alternativlos, über jeden Zweifel erhaben. Und manche Politiker – aus Angst vor lautstarken Protesten – werfen die eigenen Reformpläne über den Haufen, bevor sie überhaupt diskutiert wurden. Die Rollen sind klar verteilt: Die Verbände als Trump und Infantino, die Regierung als jene, die verzweifelt versucht, das gerechte Spiel zu verteidigen.

Doch wie im Fußball schlägt der Gott des Spiels nicht mit dem Knüppel. Er lässt nur Belgien einen 4:1-Sieg gegen die USA davontragen – ein stilles, deutliches Zeichen dafür, dass selbst die mächtigsten Eingriffe nicht das Ergebnis auf dem Platz bestimmen. Und so bleibt auch in Rumänien die Frage offen, ob die Verbände mit ihren dramatischen Auftritten wirklich das Spiel gewinnen oder ob die Realität ihnen irgendwann ein nüchternes Ergebnis vor die Füße legt. Mal sehen, was sich die selbsternannten Hüter der Justiz und ihre politischen Gegenspieler als Nächstes einfallen lassen.