Mit dem Fahrrad durch die Banater Heide

Deutsche Radiosendung verband zum 70-jährigen Jubiläum Bewegung, Ortsgeschichte und schwäbisches Kulturerbe

Pause mitten im Feld nahe Großjetscha

Mehr als 50 Radfahrer haben am Samstag, dem 12. September, an einer Radtour durch die Banater Heide teilgenommen, die Radio Temeswar anlässlich von 70 Jahren seit den ersten Sendungen in deutscher und serbischer Sprache organisiert hatte. Die rund 39 Kilometer lange Strecke führte von Billed über Großjetscha und Bogarosch nach Lenauheim und über Groß- und Kleinjetscha zurück nach Billed. Dabei ging es weniger um sportliche Leistung als um eine Begegnung mit der Geschichte und Gegenwart jener Dörfer, die seit dem 18. Jahrhundert wesentlich von den Banater Schwaben geprägt wurden.

Organisiert wurde die Tour hauptsächlich von Andreas Henz aus der technischen Abteilung und Astrid Weisz aus der deutschen Redaktion des Senders. Das Wetter spielte mit: Nach dem Regen des Vorabends war es kühl, die Luft frisch und der Wind schwach. Ausgangspunkt war das Deutsche Forum in Billed, wo Alina Henz, Roswitha Csonti und weitere Helfer einen kleinen Imbiss vorbereitet hatten. Gekommen waren Radfahrer mit und ohne besonderer Erfahrung, Mitarbeiter von Radio Temeswar, Mitglieder der Jugendtanzgruppe Billeder Heiderose, aber auch interessierte Temeswarer und Banater, die sich nicht nur für das Radeln begeistern lassen, sondern auch für Banater Kulturgeschichte. Mit sportlichen Kindern ab acht Jahren bis rüstigen Großvätern über 60 war die Gruppe bunt gemischt. Manche waren mit Mountainbikes dabei, andere mit Stadtfahrrädern und am gemütlichsten hatten es die E-Bike-Fahrer. 

Kurz vor Abfahrt hieß es aber, etwas aus der lokalen Geschichte zu erfahren: Billed nahm unter den planmäßig angelegten deutschen Siedlungen der Banater Heide eine besondere Stellung ein. 1765 begann im Zuge des Zweiten Schwabenzuges die Ansiedlung; 252 Häuser waren für die Kolonisten vorgesehen. Der geometrisch angelegte Ort wurde später zum Muster für weitere Siedlungsplanungen der theresianischen Zeit. 1889 erreichte Billed mit 5410 Einwohnern, davon 5254 Deutschen, seinen historischen Bevölkerungsrekord.

Heute zählt das Deutsche Ortsforum nach Angaben seiner Vorsitzenden Brunhilde Klein rund 60 Mitglieder. Das Forum organisiert und unterstützt weiterhin das Gemeindefest mit der traditionellen Kirchweih, das Erntedankfest, Kinder- und Jugendaktivitäten sowie die örtlichen Trachtentanzgruppen der Billeder Heiderose. Gemeinsam mit der Heimatortsgemeinschaft Billed wurde auch die Heimatstube aufgebaut, die von der Ansiedlung über Landwirtschaft und Vereinsleben bis zu Russland- und Bărăgan-Deportation die Geschichte des Ortes dokumentiert. Auch die Sozialstation und das „Essen auf Rädern“ sind eng mit dieser Gemeinschaftsarbeit verbunden.

Von Billed aus führte die Tour zunächst über einen Schotterweg nach Großjetscha/Iecea Mare. Der Ort wurde 1767 als planmäßige Siedlung mit zunächst rund 200 Häusern gegründet. 1780 wurde die dem heiligen Karl Borromäus geweihte katholische Kirche eingeweiht. Noch 1930 lebten hier 2354 Deutsche. 

Die einschneidenden Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – Krieg, Russlanddeportation, Enteignung, Bărăgan-Verschleppung und schließlich die massive Auswanderung – veränderten die Bevölkerungsstruktur grundlegend. Die HOG Großjetscha hält heute den Kontakt zwischen den ausgewanderten Dorfbewohnern aufrecht, organisiert Heimattreffen und dokumentiert die Ortsgeschichte; seit 2003 erscheint zudem das „Groß-Jetschaer Heimatblatt“.

Über die Felder ging es weiter nach Bogarosch/Bulgăruș. Für die Radfahrer gab es da eine erste Pause mit Obst und Wasser und einer kurze Einführung in die Ortsgeschichte: Der Ort wurde ebenfalls während der theresianischen Ansiedlung mit Kolonisten unter anderem aus dem Elsass, Lothringen, Luxemburg und verschiedenen deutschen Territorien besiedelt. Vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs zählte Bogarosch mehr als 2500 Einwohner. Heute gehört der Ort zur Gemeinde Lenauheim. Die 1981 gegründete HOG Bogarosch bemüht sich insbesondere um die Bewahrung des kulturellen Erbes und des Zusammengehörigkeitsgefühls der ausgewanderten Bogaroscher und organisiert regelmäßig Heimattreffen. Einige Teilnehmer fuhren weiter bis zur katholischen Kirche. Dabei wurde auch sichtbar, dass das bauliche Erbe der einstigen deutschen Dorfgemeinschaft mancherorts gefährdet ist: Sowohl an der Kirche als auch an ehemaligen schwäbischen Häusern sind deutliche Verfallsspuren zu erkennen.

Auf der Kreisstraße DJ594B ging es anschließend unter Begleitung der Lenauheimer Polizei nach Lenauheim. Vor dem Heimat- und Lenau-Museum erwarteten Bürgermeister Ilie Suciu und Mitarbeiter des Rathauses die Radfahrer. Im kühlen Innenhof waren 25 Liter Limonade und mehr als 100 Krapfen zur Stärkung bereit gestellt.

Lenauheim, das frühere Csatád, wurde 1767 mit 202 deutschen Familien besiedelt. Besondere Bekanntheit erlangte der Ort als Geburtsort des österreichischen Dichters Nikolaus Lenau, der hier 1802 zur Welt kam. Das ehemalige Kameralgebäude beherbergt heute neben der Lenau-Gedenkstätte eine umfangreiche volkskundliche Sammlung zur Geschichte der Banater Schwaben. Die Ausstellung umfasst historische Wohnräume, landwirtschaftliche Geräte, Trachten und Dokumente sowie eine Sammlung von Trachtenpuppen.

HOG-Vorsitzender Werner Griebel stellte die heutige Arbeit der Heimatortsgemeinschaft sowie der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland vor und führte die Besucher durch die ethnografische Sammlung. Gerade Lenauheim ist ein Beispiel dafür, wie ehemalige und heutige Dorfbewohner über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten. Die HOG engagiert sich seit Jahrzehnten für Museum, Kirche, Friedhof und Ortsgeschichte und arbeitet eng mit der Gemeindeverwaltung zusammen. Erst eine Woche vor der Radtour hatten Gemeinde und HOG gemeinsam das Fest „Kinder des Dorfes“ veranstaltet. 

Gefeiert wurden dabei unter anderem 100 Jahre seit der Umbenennung Csatáds in Lenauheim, 100 Jahre freiwillige Feuerwehr und zehn Jahre Partnerschaft mit der Verbandsgemeinde Kirner Land.

Die Rückfahrt führte über Großjetscha und Kleinjetscha/Iecea Mică. Kleinjetscha entstand 1769/1770 ebenfalls als planmäßig angelegtes Kolonistendorf. Damals wurden 100 Wohnhäuser errichtet und mehr als 3300 Joch Feld vermessen und verteilt. Die katholische Kirche wurde 1813 dem heiligen Georg geweiht. Heute gehört Kleinjetscha zur Gemeinde Gertianosch/Cărpiniș; auch hier hält eine Heimatortsgemeinschaft die Erinnerung an die frühere Dorfgemeinschaft und ihre Bräuche wach.

Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte unter-wegs eine weniger historische Herausforderung: Gerade auf dem Fahrradweg in Großjetscha hatten die Dornen eines kurz zuvor gemähten Unkrauts zahlreiche Fahrradreifen durchstochen. Mehrere Teilnehmer mussten anhalten und Schläuche flicken. Der Begleitbus von Radio Timișoara, den Senderdirektor Aurelian Teculescu selbst fuhr, nahm schließlich Fahrräder auf, die nicht mehr repariert werden konnten. Mit etwas Verspätung gelangten dennoch alle Teilnehmer samt Fahrrädern zurück nach Billed.

Dort wurden sie erneut vom Deutschen Forum empfangen. Vorsitzende Brunhilde Klein stellte die Adam-Csonti-Heimatstube und die Tätigkeit des Ortsforums vor. Zum Abschluss gab es Grenadiermarsch – Nudeln mit Kartoffeln –, Bratwurst, hausgemachte eingelegte Salzgurken, Bier aus Deutschland und Apfelkuchen. Mitglieder des Deutschen Forums bewirteten die teils ausgelaugten Radfahrer.

Damit endete die Jubiläumstour dort, wo sie begonnen hatte: in einer Einrichtung, die zeigt, dass das schwäbische Erbe der Banater Heide nicht nur aus Kirchen, Häusern, Friedhöfen und Museen besteht. Getragen wird es bis heute auch von Menschen und Vereinen dies- und jenseits der Grenze – von den Ortsforen im Banat ebenso wie von den Heimatortsgemeinschaften in Deutschland. Gerade bei Kirchweihen, Heimattreffen und Dorffesten werden diese Verbindungen immer wieder sichtbar. Und Radio Temeswar leistet durch die mittlerweile drei deutschen Sendungen pro Tag sowie die rumänischsprachige Sendung „Conviețuiri“ (Zusammenleben) seinen Beitrag zur Bekanntmachung der Leistungen, die ehren- und hauptamtlich von Mitgliedern der banat-deutschen Gemeinschaft erbracht werden.